«Wir entwickeln uns in Richtung Nordkorea»

Die russischen Medien seien im Ukraine-Konflikt vom Kreml gesteuert, sagen kritische Journalisten. Sie wollen eine unabhängige Gewerkschaft gründen. Der Journalist Alexander Sambuk in Moskau bezweifelt, dass das viel bringen wird.

Symbolbild: Der Fotograf Denis Sinyakov wartet nach seiner Verhaftung im Zusammenhang mit der Greenpeace-Aktion in der Arktis auf seine Anhörung.

Bildlegende: Der Raum für kritische Journalisten in Russland wird immer enger. Reuters

SRF: Ist die freie Meinungsäusserung in Russland tatsächlich so stark eingeschränkt, wie die Kreml-kritischen Journalisten monieren?

Alexander Sambuk: Ich sehe das genau gleich wie die Journalisten, die den Aufruf unterzeichnet haben. Wir Journalisten wurden zunächst überrascht und dann deprimiert angesichts der schmutzigen Propaganda – vor allem im russischen Fernsehen. Seit Beginn der Ukraine-Krise wird diese Propaganda Tag für Tag verbreitet. Sie berücksichtigt weder die gewohnten Standards unseres Berufes, noch das Berufsethos – sie hat nichts mit wahrhafter Berichterstattung zu tun.

Manche Journalisten in Russland sagen, sie könnten ihre Meinung nur noch in der eigenen Küche äussern – das tönt nach nordkoreanischen Zuständen. Andererseits gibt es im Internet doch viele regierungskritische Webseiten.

Ja, die gibt es – und wir sind noch nicht in der Situation der nordkoreanischen Genossen. Allerdings sind viele Zeichen alarmierend und es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir uns in Richtung Nordkorea entwickeln. Trotzdem ist es richtig, dass wir noch immer gewisse Möglichkeiten für Meinungsäusserungen im Internet haben und dass nach wie vor auch einige Printmedien existieren.

Wie objektiv sind denn die Kreml-kritischen Journalisten überhaupt?

Niemand von ihnen hat bei uns Journalisten eine schlechte Reputation. Natürlich kann man darüber streiten, wie berechtigt einige Positionen sind, die man einnimt in der Ukraine-Krise. Aber diese Leute haben einen unbefleckten Ruf als Journalisten und Publizisten.

Die neue Gewerkschaft will unabhängige Journalisten unterstützen, wenn sie vom Staat in ihrer Berichterstattung eingeschränkt werden – auch in rechtlichen Belangen. Ist das realistisch?

Bei allem Lob für ihren Mut und ihre Redlichkeit als Journalisten: Die Gründer der Gewerkschaft haben sich in der Vergangenheit leider nicht gerade als gute Organisatoren erwiesen. Nach den Protesten Ende 2011 hatten sie ein Oppositionskomitee gegründet, das allerdings nie funktionierte. Deshalb zweifle ich stark, ob sie im Administrativen so gut sind wie als Publizisten und Journalisten. Ich habe grundsätzlich meine Zweifel, ob das Problem, das zwischen Journalisten und Propagandisten besteht, durch einen neuen Journalistenverband gelöst werden kann.

Das Interview führte Iwan Santoro