Sechs Jahre Bürgerkrieg Zerbombte Seelen: Das psychische Leid syrischer Kinder

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Der Junge auf dem Fahrrad

28 min, aus SRF mySchool vom 13.2.2017

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Mehrheit der syrischen Kinder lebt in ständiger, teils panischer Angst vor Gewalt.
  • 84 Prozent der Erwachsenen und praktisch alle Kinder gaben im Rahmen der Studie von Save the Children an, dass Beschuss und Bomben die grössten Stressfaktoren im Alltag seien.
  • Die Hälfte der befragten Kinder erzählte im Rahmen der Studie, dass sie sich in der Schule selten oder nie sicher fühle.
  • Am 15. März jährt sich zum sechsten Mal der Beginn des Bürgerkrieges. Seither wurden nach UNO-Angaben mehr als 310'000 Menschen getötet und Millionen weitere in die Flucht getrieben.

Sechs Jahre nach Beginn des Syrien-Krieges leiden Millionen Kinder im Land unter psychosomatischen Stresssymptomen wie Sprachstörungen, Bettnässen oder Albträume.

Darauf verweist eine Studie, die die Hilfsorgansiation Save the Children vor wenigen Tagen vorlegte. Die Mehrheit der syrischen Kinder lebe in ständiger, teils panischer Angst vor Gewalt.

Symptome von toxischem Stress

Für den Bericht «Unsichtbare Wunden. Was sechs Jahre Krieg in der Psyche der syrischen Kinder anrichten» befragten Save the Children und Partnerorgansationen von Dezember 2016 bis Februar 2017 mehr als 450 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Syrien.

84 Prozent der Erwachsenen und praktisch alle Kinder gaben dabei an, dass Beschuss und Bomben die grössten Stressfaktoren im Alltag seien. 71 Prozent der Erwachsenen berichteten, dass Kinder immer häufiger ins Bett oder in die Hosen machten. Beides sind nach Angaben von Save the Children Symptome von toxischem Stress und posttraumatischen Belastungsstörungen.

Kaum ein Gefühl der Sicherheit

Toxischer Stress entsteht, wenn dauerhaft eine grosse Menge an Stresshormonen ausgeschüttet wird. Die Hälfte der Kinder erzählte bei der Befragung, dass sie sich in der Schule selten oder nie sicher fühlen. 40 Prozent sagten, dass sie sich beim Spielen nicht einmal direkt vor dem Haus sicher fühlen.

Über die Hälfte der befragten Erwachsenen sagten, dass Jugendliche zu Drogen greifen, um den Stress zu bewältigen. Knapp die Hälfte der Erwachsenen beobachtete zudem Sprachstörungen bei Kindern.

«  Kinder in Syrien haben Schreckliches erlebt und mussten zum Teil mit ansehen, wie ihre Eltern getötet wurden, bekommen aber nicht die nötige Hilfe, um ihre Traumata zu verarbeiten »

Marcia Brophy
Spezialistin für psychische Gesundheit, Save the Children

Kinder hätten zwar «eine grosse Widerstandskraft», erklärte Alexandra Chen, Expertin für Kinderschutz und mentale Gesundheit an der Harvard-Universität. Die «wiederholten Traumata», denen viele syrische Kinder ausgesetzt seien, lösten bei vielen von ihnen aber toxischen Stress aus. Dies könne nicht nur die Entwicklung ihres Gehirns und anderer Organe stören, sondern berge auch ein Risiko für Herzerkrankungen, Drogen- und Alkoholmissbrauch und psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen - bis ins Erwachsenenalter hinein.

Weil viele Ärzte aus Syrien geflohen sind und humanitäre Helfer oftmals nicht in die am schwersten umkämpften Gebiete gelangen, erhalten viele Kinder nicht die notwendige psychologische Betreuung. «Kinder in Syrien haben Schreckliches erlebt und mussten zum Teil mit ansehen, wie ihre Eltern getötet wurden, bekommen aber nicht die nötige Hilfe, um ihre Traumata zu verarbeiten», erläutert Marcia Brophy, Spezialistin für psychische Gesundheit von Save the Children im Nahen Osten.

«  Humanitäre Hilfe, auch psychologische und psychosoziale Unterstützung, muss endlich alle betroffenen Kinder erreichen. »

Susanna Krüger
Save the Children

«Es darf so nicht weitergehen», sagte die Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland, Susanna Krüger. Trotz der vereinbarten Waffenruhe werde in Syrien weiter gekämpft. «Das muss sofort gestoppt werden, und humanitäre Hilfe, auch psychologische und psychosoziale Unterstützung, muss endlich alle betroffenen Kinder erreichen.» Denn mit einem Ende der Gewalt und mit angemessener Unterstützung könnten sich die Kinder von ihren traumatischen Erlebnissen erholen.

Am 15. März jährt sich der Beginn des Syrien-Konflikts zum sechsten Mal. Begonnen hatte er mit friedlichen Protesten gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad. Seither wurden nach UNO-Angaben mehr als 310'000 Menschen getötet und Millionen weitere in die Flucht getrieben.