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CO2-Schleudern der Weltmeere Die Schifffahrt gefährdet das Pariser Klimaabkommen

Frachtschiffe stossen so viele Treibhausgase aus wie Deutschland. Das Problem ist erkannt, doch eine Lösung ist fern.

Legende: Audio Klimaschutz auch in der Schifffahrt abspielen. Laufzeit 4:31 Minuten.
4:31 min, aus Rendez-vous vom 12.04.2018.

Ohne Schifffahrt wäre der globale Handel aufgeschmissen. Getreide, Erdöl, Maschinen und andere Güter wandern per Frachter um den Globus. Dabei stossen die Schiffsmotoren allerdings viele Treibhausgase aus; zusammen rund drei Prozent des gesamten globalen CO2-Ausstosses – so viel wie ganz Deutschland.

Da der Welthandel wächst, wird auch der CO2-Ausstoss der Schiffe stark steigen. Trotzdem ist die Branche vom Pariser Klimaabkommen ausgenommen. Doch der Ruf wird lauter, dass auch sie zum Klimaschutz beiträgt. Diese Woche ringt die zuständige UNO-Organisation in London um Massnahmen.

Ein weiter Weg

173 Länder fahren zur See. Die Seefahrernationen sind Mitglieder der International Maritime Organisation (IMO). Doch sie tun sich sehr schwer damit, die Schifffahrt klimafreundlicher zu machen, sagt Faig Abbasov von der NGO Transport and Environment. Bereits vor 20 Jahren verlangte das internationale Klimaabkommen, das Kyoto-Protokoll, dass die IMO handeln müsse.

Ein konkretes Reduktionsziel würde Reedern und Schiffsbauern das Signal geben, welche Technologien und Innovationen nötig sind.
Autor: Olaf MerkOECD-Vertreter und Studienautor

Die IMO beschloss schliesslich, dass man bis 2018 einen ersten Plan aufstellen wolle. Dieses gemächliche Tempo ärgert manche Länder, die EU zum Beispiel, vor allem aber solche, die stark vom Klimawandel betroffen sind, wie der Inselstaat der Marschallinseln. Dessen Umweltminister sagte an der IMO-Konferenz in London, der Klimaschutz dürfe nicht dem globalen Handel geopfert werden.

Lassen die Kleinen die Muskeln spielen?

Die kleinen Marschallinseln haben in der IMO Gewicht: In ihrem Land sind hinter Panama am meisten Schiffe weltweit registriert. Zusammen mit anderen Staaten fordern sie, dass die Schifffahrt bis 2035 komplett CO2-neutral unterwegs sein muss. Ein ehrgeiziger Plan – aber möglich, hat eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der OECD, ergeben.

Studienautor Olaf Merk sagt: «Mit den heute bekannten Technologien wäre es möglich. Aber es wäre sicher nicht leicht.» Es bräuchte ein Bündel an Massnahmen: Der Energieverbrauch der Schiffe müsste sinken, zum Beispiel durch bessere Rumpfformen und eine Temporeduktion. Relativ schnell auch müssten ihre Motoren statt fossile andere Treibstoffe verwenden, Ammoniak und Brennstoffzellen stehen im Fokus.

Nötig wären auch politische Massnahmen: eine CO2-Lenkungsabgabe auf fossile Treibstoffe, und vor allem ein klar definiertes Ziel, auf wann wieviel CO2 reduziert wird, sagt Merk: «Ein konkretes Reduktionsziel würde Reedern und Schiffsbauern das Signal geben, welche Technologien und Innovationen nötig sind.»

Widerstand exportorientierter Staaten

Dieses Massnahmenpaket stösst aber auf Widerstand. Länder wie Brasilien und Saudi-Arabien, die viel exportieren – Stichworte Erdöl, Soja, Erze – und weit von ihren Märkten entfernt sind, befürchten, dass sie durch höhere Kosten benachteiligt werden. Und die Temporeduktionen verunmögliche den Handel mit verderblichen Lebensmitteln. Lösbare Probleme, sagt Olaf Merk: «Man kann solche Güter von der Temporeduktion ausnehmen und benachteiligte Länder finanziell entschädigen.»

Trotzdem scheinen sich die kritischen Länder zumindest teilweise durchzusetzen. Es liegt ein Kompromissvorschlag auf dem IMO-Verhandlungstisch, der den CO2-Ausstoss der Schiffe bis 2050 halbieren will: «Das ist zu wenig, damit die Schiffsbranche die Ziele des Pariser Klimavertrags unterstützen kann», sagt Faig Abbasov von der NGO Transport and Environment. Es reiche also nicht, um den Temperaturanstieg auf 1.5 oder deutlich unter 2 Grad zu begrenzen.

EU droht Ländern mit Verweigerungshaltung

Als Vertreter der OECD, zu der auch Länder gehören, die gegen den strengen Vorschlag der Marschallinseln sind, muss sich Merk vorsichtig ausdrücken. Aber auch er sagt: Vermutlich reiche der Kompromiss nicht, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Bis am Freitag verhandeln die Länder noch. Werden zu wenig griffige Ziele beschlossen, könnten manche Staaten eigenmächtig Massnahmen ergreifen und zum Beispiel CO2-Gebühren für alle Schiffe verlangen, die ihre Häfen anlaufen. Die EU hat dies bereits angedroht.

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