Zum Inhalt springen
Inhalt

Der Vater der E-Zigarette Er hat’s erfunden

Von Alpträumen geschüttelt hatte Hon Lik eine zündende Idee. Heute kämpft er um sein Geld – und die Gesundheitslobby mit seiner Erfindung.

Hon Lik
Legende: 2004 stellte Hon Lik seine E-Zigarette vor. Ein Beitrag zur menschlichen Evolution, findet der Pharmazeut. Reuters

Es ist der ganz alltägliche Horror vieler Raucher: Sie möchten aufhören, doch sie schaffen es nicht. Ein Leidensgenosse, der eine Sauerstoffflasche hinter sich herzieht, kann eine tiefe Depression auslösen. Ganz zu schweigen vom Sitznachbar, der eine quälend lange Zugfahrt lang um Luft ringt: ein Pfeifen, ein Röcheln, ein Rascheln – der Mitmensch bleibt die beste Präventionskampagne.

Seinen ganz persönlichen Alptraum hat Hon Lik erlebt. Der chinesische Pharmazeut schaffte es auf ein Päckchen pro Tag. 2003 starb sein Vater, ebenfalls ein starker Raucher, an Lungenkrebs. Hon wollte einen Schlussstrich unter das Laster ziehen – und griff zum Nikotinpflaster. Eines Nachts vergass er, dieses vor dem Schlafengehen wegzunehmen. Hon wurde von Alpträumen durchgeschüttelt.

Meine wahre Leidenschaft ist es, wie bei vielen Erfindern, etwas zu hinterlassen.
Autor: Hon LikGegenüber dem britischen «Guardian»

«Ich versank in einem See, der sich in eine Wolke aus Dampf verwandelte», erinnert sich Hon im Gespräch mit dem britischen «Guardian». Er wachte auf und schrieb seine nikotingeschwängerte Untergangsvision auf einen Notizblock. Es war die Geburtsstunde einer Erkenntnis: Der einzig befriedigende Weg, das Rauchen aufzugeben, war, es perfekt zu imitieren.

Der blaue Dunst sollte in einer wohligen Wolke aufgehen, die Verbrennung hunderter Giftstoffe durch das Verdampfen einer Nikotinlösung ersetzt werden. Ein Jahr lang tüftelte der Wissenschaftler mit einem Faible für Mechanik und Chemie daran herum. Am Ende stand die erste kommerziell verwertbare E-Zigarette der Welt – und die Firma Ruyan, die sie vertreiben sollte.

Ein chinesischer Traum

Hon spricht von einem weltweiten sozialen Problem, das er mit seiner Erfindung lösen will. Besonders ausgeprägt ist dieses in China. 300 Millionen Raucher gibt es im Land, rund zwei Drittel der männlichen Bevölkerung pafft. Denn im Riesenreich ist Rauchen mehr als eine üble Angewohnheit: Je teurer das Päckchen, desto höher der eigene soziale Status.

Und auch der Staat verdient kräftig mit. Das Tabakmonopol in China generiert bis zu sieben Prozent der Regierungseinnahmen. Kein Wunder, stiess Hons Erfindung zunächst auf wenig Gegenliebe. Die einflussreiche Industrie setzte ein Werbeverbot für E-Zigaretten durch. Das kommunistische Regime «empfahl» Geschäften, das Produkt nicht ins Sortiment aufzunehmen. Schliesslich kursierte eine abenteuerliche Studie, die Dampfen für Herzinfarkte verantwortlich machte.

Schützenhilfe aus Hollywood

Der kommerzielle Durchbruch der E-Zigarette sollte ausgerechnet in den USA gelingen. Zwar wird der Krieg gegen das Rauchen nirgendwo derart erbittert geführt wie in den Vereinigten Staaten. Trotzdem – oder gerade deshalb – fand die Verheissung auf sorgenfreien Genuss enormen Anklang. Auf dem Umweg über die USA eroberte die E-Zigarette bald einen Markt, der heute weltweit etwa zehn Milliarden US-Dollar jährlich generiert. Tendenz steigend.

Längst hat die Dampfwolke auch das Netz eingehüllt. Auf zahllosen Youtube-Kanälen stellen «Dampfer» die neuesten Produkte und Geschmacksrichtungen vor – die bekanntesten unter ihnen haben Millionen von Abonnenten. Der Hype zeitigt auch sonderbare Auswüchse: «Cloud-Chaser» («Wolken-Jäger») wetteifern darum, wer die grösste Wolke pusten kann.

Cloud-Chaser beim Wettbewerb
Legende: «Cloud Chasing» in China: Bis die Disziplin olympisch wird, dürfte es noch dauern. Reuters

Das trojanische Pferd von «Big Tobacco»?

Versuchten die mächtigen Tabakmultis lange Jahre, den Erfolg des Konkurrenzprodukts mit Gegenstudien und politischer Lobbyarbeit abzuwürgen, drängt die Industrie nun mit immer neuen Kreationen auf den Zukunftsmarkt. Dies erregt den Unmut der internationalen Allianz gegen das Rauchen, von der staatlichen Gesundheitsfürsorge bis zu den Lungenspezialisten.

In einem jahrzehntelangen Kampf haben sie kraftstrotzende Marlboro-Männer in blässliche Krebspatienten verwandelt. Jetzt wirft die Gesundheitslobby der Industrie vor, die junge Generation über das Dampfen zum Rauchen verführen zu wollen – denn insbesondere bei unter 35-Jährigen werden E-Zigaretten immer beliebter.

Legende:
Konsum von E-Zigaretten in der Schweiz (Angaben in Prozent) In den USA sind E-Zigaretten bereits die häufigste Form des Tabakkonsums unter Jugendlichen. In der Schweiz sind die Zahlen noch weit niedriger: Der Trend ist allerdings auch hier spürbar. Suchtmonitoring Schweiz

Umsteigen statt Aussteigen

Ende November flammte die Debatte auch in der Schweiz neu auf. Die Suchtverbände fordern einen Kurswechsel in der Tabakpolitik: E-Zigaretten sollen als «Instrument der Schadensminderung» anerkannt werden. Schliesslich gingen neuere Forschungen davon aus, dass E-Zigaretten 95 Prozent weniger schädlich als Tabakrauchen seien.

Das Bundesamt für Gesundheit ringt noch mit seiner Haltung zu den E-Zigaretten, genauso wie weite Teile der Politik.

Nicht nur die Schweiz, auch andere Länder hadern mit der E-Zigarette. Für Hon Lik sind all das Geburtsschmerzen der elektrischen Revolution. Er glaubt, dass Dampfen bis in 20, 30 Jahren das herkömmliche Rauchen abgelöst hat. Seine Erfindung sieht der 61-Jährige – ohne falsche Bescheidenheit – als Beitrag zur menschlichen Evolution.

Warum Hon Lik weiterhin raucht

Mittlerweile arbeitet Hon für eine Tochterfirma von Imperial Tobacco, die E-Zigaretten herstellt. Der britische Tabakriese hat sich 2013 die Patentrechte für Hons E-Zigarette gesichert – für satte 75 Millionen US-Dollar. Der Löwenanteil des Geldes ging nicht an den Erfinder, sondern an eine Hong Konger Firma, die er mitbegründete. Dafür tingelt Hon nun als Markenbotschafter durch die Welt und fährt Volvo statt Ferrari.

Auch sonst ist der ganz grosse Geldsegen ausgeblieben. Seit Jahren prozessiert Hon gegen diverse Tabakmultis, die seine Erfindung geklaut haben sollen. Und auch sein persönlicher Alptraum ist noch nicht zu Ende: Hon raucht noch immer. Allerdings nur aus geschäftlichen Gründen, wie er dem «Guardian» versicherte: Schliesslich müsse er die Geschmäcker vergleichen.

(Sendebezug: SRF 4 News, 19.00 Uhr)

Kein Bericht zur E-Zigarette

Der Nationalrat will keinen Rapport erstellen lassen, der die Auswirkungen des Konsums von E-Zigaretten untersucht. 106 Mitglieder des Nationalrats stimmten gegen ein entsprechendes Postulat, 69 dafür und 8 enthielten sich der Stimme. Der Bundesrat hingegen hatte die Annahme des Postulats beantragt.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

10 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Kim Hansson (Freddy Tobler)
    Ich bin vom rauchen aufs Dampfen umgestiegen. Mit riesem Erfolg, ich rieche besser, schmecke besser, habe wieder Ausdauer und Lungenvolumen. Spare Geld, habe Spass beim kreieren von eigenen neuen Geschmäckern mit Lebensmittelaromen. Dampfen ist auf allen Ebenen gescheiter als zu rauchen, aber jedem Nichtraucher rate ich dennoch dazu beides gar nicht erst auszuprobieren. Nichts zu Quallmen ist immer noch am schlausten, aber jedem Pyroquallmer rate ich zum Umstieg.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Na als EX kann ich schnoeden... und auf Euch Schwaechlinge zeigen..haha... nun, bevor ich Erfolg hatte von 40 auf 0 runterzubremsen habe ich unzaehlige Male aufgehoert.. Rauchen ist halt eine Suchtdroge..selbst heute 46Jahre! nach meiner letzten Cigarette erwache ich Nachts , nach einem opulenten Mahl iR mit dem Geschmack von Cigaretten im Mund, nach einem Traum wo ich rauchte.... Ich bin jetzt alt aber sehr gut im Schuss.. also Ihr die Ihr nicht mehr moechtet, viel Mut, IHR schafft es auch!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Unglaublich, was der Nanni alles kann und weiss;-)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Franz NANNI (igwena ndlovu)
      Ja Planta, er kann unglaublich viel... und er weis viel.. und was wichtiger ist, er hat niemals Angst was Neues zu probieren.. ich habe mit 43 nochmals eine hoehere Fachpruefung abgelegt.. mit 56 eine Lodge gebaut und betrieben, mit 66 mein Land als Farmer kultiviert (Macadamia-Nuesse) ca 3'500 Baeume,notabene selber gezuechtet in der eigenen Baumschule.. veredelt, gepflanzt... aber ich habe auch Schwaechen, ich tauge nicht als Buchhalter und kann keine Kinder gebaeren..:-)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von W. Ineichen (win)
    Die süchtigen Raucher versuchen mit allen Mitteln ihre Sucht mit irgendwelchen wissenschaftlichen Entwicklungen wie E-Zigaretten zu verharmlosen. In jeder Form wie auch immer ist Rauchen tödlich. Den Süchtigen ist dies Wurscht. Dies ist auch mir Wurscht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Connie Mueller (Connie Elizabeth)
      Rauchen kann aber es muss nicht tödlich sein. Mein Grossvater war kettenraucher. Er hatte sicher 2 Schachteln mindestens pro Tag geraucht und er wurde 95 und starb wegen dem alter und nicht wegen irgendeinem Krebs oder sonst was. Ob rauchen schädlich ist oder nicht hängt mit vielen Dingen zusammen. Ein Spieler vom FC Sion sagte mal fast jeder Fussballer in der Schweiz raucht und die sind topfit.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Joel Busch (Joel)
      Die bösen Süchtigen, die trotz ihrer Sucht versuchen den Schaden zu minimieren. Nur immer tüchtig verbal draufhauen, vielleicht ändert sich damit ja was. Was für ein Beispiel von Nächstenliebe. Ach stimmt die sind ja süchtig und gehören damit nicht mehr zu unseren Mitmenschen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen