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Influenza-Saison Grippe, die grosse Unbekannte

Kommt die Grippewelle, folgt die Nachrichtenflut. Doch: Sehr viel ist über die Influenza gar nicht bekannt.

Grafik von Grippeviren
Legende: imago

Ende Januar – und jedes Jahr das gleiche Spiel: Artikel folgt auf Artikel, Influenza-Meldung auf Influenza-Meldung. Das suggeriert: Etwas, das so weit verbreitet ist, ist gut bekannt und gut erforscht. Dem ist aber nicht so: Das meiste, was über die jährliche Grippe verkündet wird, basiert auf Annahmen. Wohl gemerkt Annahmen, die sich so in der Praxis bestätigt zu haben scheinen. Zweifelsfrei wissenschaftlich belegt ist aber kaum eine davon.

Punkt 1: Ausbreitung der Grippeviren

Zur Ausbreitung der Grippeviren gibt es verschiedene Theorien. Denn rund um den Globus betrachtet, sind die Grippeviren immer da. Eine Theorie: Die Viren zirkulieren in trockenen, kühlen Regionen in Ostasien. Dort fühlen sie sich am wohlsten. Und weil dort sehr viele Menschen oft auf sehr engem Raum leben, können sich die Viren gut verbreiten.

Durch Globalisierung und Tourismus werden die Viren beispielsweise auch nach Europa eingeschleppt. Im Sommer scheinen sie sich in unseren Breiten aufgrund der herrschenden klimatischen Verhältnisse nicht wohl zu fühlen und verbreiten sich deshalb nicht.

Anders sieht es im Herbst und Winter aus: Niedrigere Temperaturen und trockenere Luft scheinen den Viren einerseits besser zu behagen – andererseits hat die Bevölkerung der Virenattacke auch weniger entgegenzusetzen. «Trockenere Luft macht unsere Schleimhäute anfälliger für Erreger», sagt Stefan Kuster, Infektiologe und Spitalhygieniker am Universitätsspital Zürich. «So ganz genau weiss man das aber nicht.»

Legende: Video Grippe – Der Schutz beruht auf Annahmen abspielen. Laufzeit 17:53 Minuten.
Aus Puls vom 29.01.2018.

Punkt 2: Ansteckung über die Luft

Morgens in der S-Bahn, alles niest und hustet: Eine Infektion über die Luft gilt als Tatsache – ist so aber noch nicht belegt. Beobachtungen machen diesen Ansteckungsweg aber sehr wahrscheinlich. «Wenn Ihnen jemand gegenübersitzt und Ihnen in der akuten Grippephase ins Gesicht niest, so dass Sie einen Schwall direkt auf alle Schleimhäute abbekommen, dann ist die Chance ziemlich gross, dass Sie sich anstecken. Aber im Tram ist das wohl eher unwahrscheinlich», sagt Stefan Kuster.

Mikroskopische Darstellung einer Immunantwort.
Legende: Das Immunsystem reagiert: Eine B-Zelle schickt weisse Antikörper in den Kampf gegen Grippeviren (rechts). imago

Faktoren wie räumliche Nähe zur erkrankten Person fallen dabei wahrscheinlich ins Gewicht, aber auch, wie der Luftstrom ist, und wie lange man der grippekranken Person ausgesetzt ist. Das nachzuweisen hiesse, eine gesunde Person einer erkrankten gegenüberzusetzen und in Kauf zu nehmen, dass sie sich ansteckt – ethisch nicht vertretbar.

Punkt 3: Ab wann ist man ansteckend?

Auch das ist nicht belegt. Man geht davon aus, dass Patienten bereits in den 24 Stunden, bevor es zu Symptomen kommt, ansteckend sind. Aber in welchen Mass, ist unklar. Immerhin gibt es Messungen, die Rückschlüsse erlauben: Am Universitätsspital Basel konnten im Labor bis zu einer Million Grippeviren pro Milliliter Nasensekret gemessen werden. Und dabei hat sich auch abgezeichnet, dass Patienten sicher bis zu 24 Stunden vor Ausbruch der Erkrankung schon ansteckend sind – wahrscheinlich aber nicht in dem Mass wie in den ersten Tagen nach Ausbruch der Erkrankung.

Ab etwa dem vierten Tag nimmt die Virenlast ab.
Autor: Stefan KusterInfektiologe

«Am Anfang der Grippeerkrankung ist man maximal infektiös. Ab etwa dem vierten Tag nimmt die Virenlast ab. Es ist dann gut möglich, dass man zwar noch hustet und sich noch nicht ganz gesund fühlt, aber keine Viren mehr ausscheidet und nicht mehr ansteckend ist», sagt Stefan Kuster.

Punkt 4: Die Grippe erwischt vor allem Ältere

Es zirkulieren stets Influenzaviren des A- und des B-Stammes. Die A-Stämme scheinen die aggressiveren zu sein, warum, ist noch unklar. Ebenfalls nicht klar ist, warum manche Viren den Sprung über den grossen Teich schaffen und andere nicht.

Prognosen für Europa basieren darauf, welche Viren im Winter auf der Südhalbkugel aktiv waren. Australien beispielsweise hat eine heftige Grippesaison hinter sich, besonders H3N2 des A-Stamms griff um sich – dieser sorgt aber in Europa nicht für die diesjährigen Grippefälle, sondern das Yamagata-Virus des weniger aggressiven B-Stamms.

Grossaufnahme des H3N2-Virus
Legende: Das aggressive H3N2 imago

H3N2 wiederum ist ein Virustyp, der gerade Älteren Probleme bereitet. Denn die stärkste Immunität baut der Mensch gegen den Virustyp auf, mit dem er sich als erstes, meist schon im Kindesalter, infiziert hat. Zwischen 1918 und 1968 haben sich aber keine H3N2-Viren verbreitet. In der Folge sind Menschen, die vor 1968 geboren wurden, auch anfälliger für H3N2 – eben weil sie keine Immunität aufbauen konnten. Und deshalb sterben in Jahren mit besonders starker H3N2-Verbreitung auch besonders viele Ältere.

Unterm Strich jedoch erkranken Kinder häufiger als Erwachsene, weil sich ihr Immunsystem noch im Training befindet. «Und Kinder scheiden mehr Viren aus als Erwachsene: Sie haben die höhere Virenzahl im Speichel und in den Atemwegssekreten. Zudem haben sie über Speichel und Schnodder auch nicht die gleich gute hygienische Kontrolle wie Erwachsene und verteilen die Viren stärker auf Oberflächen und Mitmenschen», sagt Stefan Kuster.

Tödliche Grippe

Die bekannteste Grippeepidemie, die Spanische Grippe, tötete 1918 bis zu 100 Millionen Menschen, etwa fünf Prozent der Menschheit zu dieser Zeit. Heute fallen nach Schätzungen der WHO jährlich je nach kursierenden Grippeviren und deren Aggressivität zwischen 250'000 und 500'000 Menschen der Influenza zum Opfer. Das BAG geht für die Schweiz von 1500 Grippetoten in einer mittleren bis schweren Grippesaison aus. Auch das ist übrigens eine Schätzung: Alles, was während der Grippemonate die durchschnittlichen monatlichen Todesfälle überschreitet, wird der Influenza zugeschrieben.

Punkt 5: Überleben der Viren

Gewarnt wird vor Knöpfen, Haltestangen und Co., die von vielen Menschen benützt werden. Doch wie wahrscheinlich es ist, dass sich Personen über diesen Weg anstecken, ist schwer zu sagen. Es lassen sich zwar Grippeviren auf Oberflächen nachweisen – aber ob sie noch leben oder bereits nicht mehr aktiv sind, ist schwer zu sagen – und auch, ob die Konzentration für eine Infektion ausreichen würde. Hinzu kommt: Auf den Händen richten die Viren noch keinen Schaden an. Dazu müssen sie erst den Weg in Mund, Nase oder Augen finden.

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19 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Fasnacht (FCB Forever)
    @Kunz: Also nochmal: Sie behaupten unten "Eine Impfung kann nicht mit einer natürlichen durchgemachten Immunisierung verglichen werden." Bitte erklären Sie wie sich die IMMUNISIERUNG in den 2 Fällen unterscheidet. Werden da z.B. andere Anti-Bodies generiert, andere Verteilung der Anti-Bodies, T-Zellen etc. Wie der Erreger/Impfstoff in den Organismus kommt ist nebensächlich. Es geht rein um die Frage ob der Schutz für erneute Infektion (ie die IMMUNISIERUNG) wesentlich anders ist.
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    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Wenn Sie den Immuniserungsprozess auf eine rein Laborchemische Analyse reduzieren möchten, das weiß ich nicht. Ich gehe davon aus, für Sie zählen Verlaufsbeobachtungen und klinische Beobachtungen nichts. Aus Beobachtungen weiß ich, Kinderkrankheiten, haben sich ins Erwachsenenalter verschoben. Die Mononucleose, die bis anhin als Teenagerkrankheit galt, ins Kindesalter. Wer als Kind, Kinderkrankheiten durchgemacht hat, ist auch im Alter immun ungleich Geimpften, die Auffrischimpfungen benötigen.
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  • Kommentar von antigone kunz (antigonekunz)
    Ich weiß nicht genau, was hören wollen Herr Fasnacht. Ein wesentlichen Unterschied, wie bereits geschrieben ist, dass Polioviren 'normalerweise über den Verdauungstrakt ins System kommen, während die Polioimpfung und andre Impfstoffe, gespritzt werden und über Haut und Unterhautgewebe in den Organismus gelangen. Ein über unzählige Generationen verfeinertes Immunsystem, sprich Verdauungstrakt, wird überspielt. Ich gehe vom Menschen als ErfolgsPrinzip aus und nicht vom Menschen als Mängelwesen.
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    1. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      Wie gesagt, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Impfen heißt nicht zwingend, dass Impfungen generell abgelehnt werden sollten. Es geht auch hier um die Verhältnismäßigkeit. Auch darum, in gegeben Situationen, Elternschaft, Heimsituationen, Alter, Saison.... mann/frau nicht darum herum kommt, sich aktiv mit einem komplexen Thema auseinander zu setzen, das ist nicht immer sehr bequem und ist oft mit Verunsicherungen verbunden.....Doch es kann sich lohnen, diesen Aufwand nicht zu scheuen.
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  • Kommentar von Nicola Harrison (Nicola Harrison)
    Die Grundlage der Immunologie basiert auf die Arbeit von Louis Pasteur statt Antoine Béchamp oder Günther Enderlein. Leider ist Wahr, was Gewinn bringt d.h. rückt die Wahrheit in den Hintergrund; Symptome sind Zeichen der Übersäuerung und jeder Krankheit stellt den Zustand der Säure im Hintergrund dar. Bakterien, Viren, Fungus, Schimmel sind Zeugen dieser sauren Bedingungen weil diejenigen, die in den Körper von außen eindringen, dies nur in einem Zustand des Ungleichgewichts bewerkstelligen.
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