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14'500 Fälle Jeder fünfte Psychiatrie-Patient ist unfreiwillig in Klinik

  • In der Schweiz kommen rund 20 Prozent der Psychiatrie-Patienten aufgrund einer fürsorgerischen Unterbringung in eine Klinik. 2016 waren es 14'580 Personen.
  • Das entspricht einer Rate von 1,7 Fällen pro 1000 Einwohner, wie das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) in seinem Bulletin schreibt.
  • Betroffen waren vor allem Frauen und Männer im mittleren Lebensalter mit Schizophrenie, affektiven Störungen oder Alkoholerkrankungen.
Zimmer mit Bett
Legende: Häufigste Ursachen für Zwangseinweisungen waren Schizophrenie, Depression und Alkoholsucht. Keystone/symbolbild

Rund 52 Prozent der fürsorgerischen Unterbringungen im Jahr 2016 betrafen Männer. Am häufigsten wurden Männer in der Altersgruppe der 20- bis 39-Jährigen in eine Klinik gebracht (38,2 Prozent), bei Frauen in der Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen (34,9 Prozent).

Mehr als ein Viertel der Hospitalisierungen durch fürsorgerische Unterbringung sind nach einer Woche beendet, nach sechs Wochen waren knapp vier Fünftel (78,6 Prozent) der Betroffenen wieder ausgetreten. Die Aufenthaltsdauer unterscheidet sich nicht nach Geschlecht.

Kantonale Unterschiede

Deutliche Unterschiede gibt es zwischen den Kantonen. Auffallend hoch war die Rate fürsorgerischer Unterbringungen 2016 im Kanton Waadt mit 3,31 Fällen pro 1000 Einwohner. Auch die Raten der Kantone Zürich (2,06), Genf (2,02) und Solothurn (2,00) lagen signifikant über dem Schweizer Durchschnitt. Der Kanton Wallis (0,38) wies dagegen die tiefste Rate auf.

Mögliche Gründe für die kantonalen Unterschiede sieht Obsan in der Vielfältigkeit der kantonalen Versorgungs- und Behandlungsstrukturen sowie in Differenzen hinsichtlich institutioneller Rahmenbedingungen. Ein weiterer Grund könne auch im kantonal unterschiedlichen Umgang mit Menschen mit einer psychischen Krankheit liegen.

Vergleichbar mit Deutschland

Die aktuellen Schweizer Raten fürsorgerischer Unterbringung sind im Vergleich mit internationalen Raten in Europa aus früheren Studien hoch, allerdings vergleichbar mit Deutschland und Österreich.

Laut einer Studie reichten die Unterbringungsraten zwischen 1998 und 2000 der damaligen 15 EU-Mitgliedstaaten von 0,06 in Portugal bis 2,18 Fälle in Finnland pro 1000 Einwohnern. Deutschland und Österreich lagen mit einer Rate von 1,75 hinter Finnland an zweiter Stelle.

Lange Unterbringung

Eine andere Untersuchung verglich psychiatrische Zwangsmassnahmen in Deutschland und Holland und führte für Deutschland 2009 eine Rate unfreiwilliger Einweisungen von 1,72 sowie für Holland 2013 von 1,36 pro 1000 Einwohnern auf. Die Anteile an allen Hospitalisierungen lagen in beiden Ländern bei knapp 11 Prozent.

Auch die Zeitspanne, für die eine Unterbringung zu Beginn angeordnet werden kann, ist in der Schweiz mit sechs Wochen europaweit einmalig hoch. Andere Staaten beschränken die Dauer zunächst auf ein bis zwei Tage.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von U.E. Romer (romeru)
    Alles ist relativ. Jeder 5. ist unfreiwillig .... - mit solchen Darstellungen dramatisiert man einen Zustand der normal ist. 80% sind freiwillig in der Klinik und erhoffen sich Genesung.
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  • Kommentar von Jürg Häusermann (Ebenda)
    Fürsorgliche Einweisung ist m.E. sehr problematisch, da es einem Freiheitsentzug, in der Regel den Willen der Betroffenen erfokgt. Der Ermessensspielraum des Psychiaters ist gross. Solche Einweisungen sollten unbedingt innert 24 Std. von eine unabhängigen 2.Psychiater bestätigt werden und gleichzeitig der Justiz zur Prüfung vorgelegt werden. Übrigens Whistleblower Adam Quadroni wurde auch fürsorglich eingewiesen. Der Missbrauch dieses Mittels liegt (zu) Nahe.
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  • Kommentar von Jürg Kunz (Murmel)
    Es ist auch erstaunlich wie schnell man über einen Notfallpsychiater eine Fürsorgliche Unterbringung (Zwangseinweisung) bekommt. Teilweise schwammige Begründung oder nicht korrekt ausgefüllt.
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    1. Antwort von Alex Bauert (A. Bauert)
      Notfallpsychiater: Sehr viele Einweisungen erfoglen via Hausarzt/ärztin, die keine Ausbildung in dieser Hinsicht haben. Im Kanton Zürich sind von den 3000 Eingewiesenen am nächsten Tag 50 % wieder drausen.
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