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Schweiz Ärzte setzen medizinische Leistungen auf eine schwarze Liste

Der Bundesrat will also den medizinischen Leistungskatalog genauer überprüfen: Nur was wirklich wirkt, sollen Versicherungen auch bezahlen. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben Schweizer Ärzte nun von sich aus getan und eine Liste mit Leistungen erstellt, von denen sie explizit abraten.

Eine Ärztin sieht sich Röntgenbilder an.
Legende: Gewisse Diagnostik- und Behandlungsmethoden stehen neu auf einer schwarzen Liste. Keystone

Antibiotikaeinsatz bei grippeähnlichen Symptomen, Prostatakrebs-Screening ohne Beratung, oder Computertomografie bei unklaren Rückenschmerzen während der ersten sechs Wochen. Das sind drei Verfahren auf der Liste der fünf unnötigsten Behandlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin.

Christoph Meier von der Gesellschaft erklärt: «Diese Liste fasst fünf häufig verwendete Diagnostik- oder Behandlungsmethoden zusammen, von denen man in den letzten Jahren realisiert hat, dass sie nicht so wirksam sind, wie man eigentlich gedacht hatte.»

Ärzte raten öffentlich ab

Das gab es in der Schweiz noch nie: Ärzte einigen sich auf fünf Methoden, von denen sie öffentlich abraten. In den USA sind solche Listen bereits gängig. In Europa hingegen gehören die Ärzte aus der Schweiz zu den Pionieren.

Wenn auch nicht völlig freiwillig: Solche Listen forderte die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften, die sich auch um ethische Fragen in der Medizin kümmert, bereits vor zwei Jahren. Und die Ärzte fügen sich auch in die gesundheitspolitischen Vorstellungen des Bundesrats ein.

Aber auch Patienten-Vertreterinnen begrüssen die Fünfer-Liste – etwa die Stiftung SPO Patientenschutz, wo Barbara Züst erklärt: Auch Überbehandlung könne Patientinnen und Patienten schaden. «Es ist sinnvoll, hier das Bewusstsein zu stärken, dass der Konsum beim Bezug von medizinischen Leistungen sehr wohl überdacht werden muss.»

Auch Versicherer stehen der Liste positiv gegenüber. Beim Krankenkassenverband Santésuisse sagt Sprecher Paul Ryhn: «Das ist ein erster Schritt hin zu mehr Wirksamkeit und effizienterem Mitteleinsatz im Gesundheitswesen.»

Nicht verbindlich

Wie viel Geld sich dank der Fünfer-Liste einsparen lässt, ist nicht zu beziffern. Die Liste ist für Ärzte auch nicht verbindlich. Für Patienten hat sie aber Folgen: Sie müssen in Zukunft bestimmte Behandlungen, die heute noch die Versicherung übernimmt, wohl selber zahlen. Denn Versicherungen zahlen nur Leistungen, die auch etwas bringen. Sie werden kaum noch für Behandlungen aufkommen wollen, die Ärzte sogar selber für unnötig oder schädlich erklären.

Mit ihrer Fünfer-Liste setzt die Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin andere Fachgesellschaften – etwa die von Kinderärztinnen, Psychiater oder Radiologinnen – indirekt unter Zugzwang, ebenfalls solche Listen zu erarbeiten.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Halbeisen, Bronschhofen
    Festzustellen, was wirklich nützt ist manchmal sehr schwierig. Einfacher geht es, wenn man der SWISSMEDIC einen grössereren Geldbetrag zukommen lässt. Dann lässt sich die Nützlichkeit unnützer Medikamente, zB Tamiflu, sehr schnell nachweisen.
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  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    Unter die Lupe gehören Chemotheapien bei Krebs. Hier wird whs. zu häufig zu viel gemacht, was mehr schadet als nützt. Kritisch hinterfragt gehören Brustkrebsscreening. Nötig sind Langzeitstudien, epidemiologische Studien usw. über die Folgen von Impfungen (siehe "Wie gesund oder krank sind ungeimpfte Kinder"). Das Allerwichtigste ist eine von Pharmaunternehmen unabhängige Forschung und unabhängige Universitäten. Die Pharmaindustrie hat einen viel zu grossen Einfluss auf den Medizinalltag.
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  • Kommentar von H. Bernoulli, Zürich
    Sehr problematisch, wenn Versicherungen sich danach orientieren! Eine Behandlung, welche auf der schwarzen Liste ist, kann im Einzelfall sehr wohl nützlich sein, während eine Behandlung, welche allgemein anerkannt ist, unnütz sein kann. Pech für alle, welche nicht wie die Mehrheit reagieren und auf die Standardbehandlung nicht ansprechen...Muss dann der Arzt jedesmal der Versicherung berichten? ->Bürokratie ohne Ende!
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