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Aufforderung an Juden in Arosa «Auf beiden Seiten gibt es sehr viel Unverständnis»

Vorfälle wie in Arosa sind selten, nicht aber Konflikte zwischen Hotelpersonal und jüdischen Gästen, wie SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner im Interview sagt.

Legende: Audio Ein Aroser Hotel fordert jüdische Gäste zum Duschen auf. abspielen. Laufzeit 04:38 Minuten.
04:38 min, aus SRF 4 News aktuell vom 16.08.2017.
Porträtbild von Kreutner.
Legende: Jonathan Kreutner ist Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG). SRF

SRF News: Wie schätzen Sie den Vorfall in Arosa ein?

Jonathan Kreutner: Wenn man diesen Aushang sieht, ist der erste Gedanke ganz klar: Das ist diskriminierend gegenüber jüdischen Menschen. Ob es Absicht war oder nicht, weiss man nicht. Aber antisemitisch sieht es auf den ersten Blick natürlich schon aus.

Antisemitisch sieht der Aushang auf den ersten Blick natürlich schon aus.

Gibt es viele solche Vorfälle in Schweizer Tourismusdestinationen?

Solche Vorfälle gibt es wenige. Konflikte dagegen kommen immer wieder vor. Davon haben wir Kenntnis. Das rührt natürlich auch daher, dass sehr viel Unverständnis auf beiden Seiten herrscht – auf der einen Seite über die Art und Weise, wie jüdische Menschen leben und wie ihre Bräuche sind, auf der anderen Seite kennen viele Leute die Schweizer Kultur nicht und wissen nicht, wie sie funktioniert.

Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hat ein Projekt lanciert, um solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Was machen Sie dabei genau?

Das Projekt gibt es schon länger. Wir haben es vor einem Jahr zufälligerweise auch schon in Arosa ausprobiert. Wir wollen damit einerseits in den Tourismusorten zur Aufklärung über jüdisches Brauchtum und Leben beitragen – und auch darüber, was jüdische Menschen verletzen kann, zum Beispiel ein solcher Aushang. Andererseits – und das ist uns genauso wichtig – möchten wir auch auf der jüdischen Seite mehr Verständnis für die Art und Weise wecken, wie die Schweiz funktioniert.

Mit unserem Projekt wollen wir in den Tourismusorten zur Aufklärung über jüdisches Brauchtum und Leben beitragen.
Legende: Video Hauswartin: «Ich bedaure den Vorfall» abspielen. Laufzeit 01:24 Minuten.
Aus News-Clip vom 15.08.2017.

Was tun Sie konkret – beispielsweise in Arosa?

In Arosa haben wir gemeinsam mit dem Tourismusbüro zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Es ging darum, die jüdischen Eigenheiten zu erklären, was etwa der Schabbat und koscheres Essen sind und worauf beim Umgang mit den Geschlechtern zu achten ist. Es ist uns wichtig, dass die Tourismusdestinationen die Sensibilität im Umgang mit jüdischen Gästen kennen. Was wir noch nicht gemacht haben, ist, bei den Touristen selber anzusetzen. Es ist genauso wichtig, dass sie wissen, was man von ihnen erwarten kann und wie die Dinge in der Schweiz funktionieren, etwa dass man sich hier grüsst.

Andererseits möchten wir auch auf der jüdischen Seite mehr Verständnis für die Art und Weise wecken, wie die Schweiz funktioniert.

Wie wollen Sie den Kontakt zu den jüdischen Gästen aus dem Ausland herstellen?

Man kann sie kaum in ihren Herkunftsländern abholen. Die Idee ist vielmehr, dass man in den Tourismusorten angeht, nämlich dort, wo sie sich versammeln, etwa in jüdischen Gebetshäusern oder auch an Veranstaltungen. Es wird zwar sehr schwierig sein, den jüdischen Gästen das zu erklären, aber wir wollen es versuchen und dabei auch mit inländischen orthodox-jüdischen Personen zusammenarbeiten.

Mit dem Projekt wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Schweizer Bergregionen weiterhin eine attraktive Tourismusdestination für jüdische Gäste bleibt.

Soll dieses Projekt Vorfälle wie in Arosa verhindern?

Das hoffen wir und das wäre das Ziel des Projekts. Damit wollen wir unseren Beitrag dazu leisten, dass die Schweizer Bergregionen weiterhin eine attraktive Tourismusdestination für jüdische Gäste bleibt. Sie ist es heute und wird es auch nach diesem Vorfall sicher bleiben.

Das Gespräch führte Noëmi Ackermann.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Miriam Müller (Miri)
    Hört auf dem dem "korrekten Gestürm"! Es geht hier nicht um Antisemitismus, sondern lediglich um das Problem, das wir alle kennen: Jemand, der nach vernachlässigter Körperhygiene riecht geht an einen Ort, wo dies einfach zu viele andere Leute betrifft! Gretchenfrage: Darf man dies jener Person sagen? Auch wenn er Gast/Patient/Kunde ev ist? Offensichtlich hat sich das Problem bei einer Volksgruppe in jenem Hotel überproportional gehäuft - so das unrühmliche Schild! Bitte Probl. lösen, nicht mache
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  • Kommentar von Gill Sailer (Gill)
    Ich finde das ihr zu sehr die Verbindung mit der Vergangenheit aufgezwungen wird....vor dem schwimmen wird geduscht... aus Respekt zu jedem Punkt
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  • Kommentar von Hans Fürer (Hans F.)
    Also nur aus einem Stress heraus, wie es die Abwartin begründet, ist dieses anstössige Plakat kaum entstanden. Da kommt der Verdacht schon auf, dass erhebliche Provokationen vorangegangen sind. Aber trotzdem, ein derartiger Ausraster sollte niemals mehr passieren! Ein Vorschlag zum leider nötigen Hinweis: "Wir bitten alle unsere Gäste dringlichst (auch die Kinder), sich vor der Benützung des Swimmingpools ausgiebig zu duschen. Besten Dank für das Verständnis!"
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