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Baselbiet ohne «Passepartout» Dominoeffekt in anderen Kantonen?

Legende: Audio Baselland steigt aus «Passepartout» aus abspielen. Laufzeit 02:18 Minuten.
02:18 min, aus HeuteMorgen vom 26.03.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Französisch ab der 3. Primarklasse, Englisch ab der 5. Klasse: Das gilt in den sechs Deutschschweizer Kantonen Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Solothurn, Bern, Wallis und Freiburg.
  • Sie haben sich zusammengeschlossen und unterrichten seit 2011 mit dem neuen Fremdsprachenkonzept «Passepartout» und komplett neuen Sprachlehrmitteln – darunter das Französischlehrmittel «Mille Feuilles».
  • Die Lehrmittel waren von Anfang an umstritten.

Das Baselbiet hat genug von «Passepartout». Das Kantonsparlament hat beschlossen, dass die Französisch- und Englisch-Lehrmittel nicht mehr im Unterricht verwendet werden sollen – und die Bildungsdirektion bereitet deshalb nun den Ausstieg aus «Passepartout» vor.

Das sind die Kritikpunkte an «Passepartout»

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  • Grammatik: Der spielerische Ansatz der Lehrmittel gehe laut Gegnern von «Passepartout» auf Kosten der korrekten Grammatik. Richtiges Konjugieren spiele nur noch eine untergeordnete Rolle. Konjugationstabellen wurden nach Protesten auf das Schuljahr 2016/17 wieder in die Lehrmittel aufgenommen.
  • Vokabular und Rechtschreibung: Vokabeln pauken ist passé: Anstatt Wörterlisten auswendig zu lernen, legt «Passepartout» Wert auf Eigenverantwortung. Kinder sollen Wörter im Umgang mit den Lehrpersonen und aus den Unterrichtsmaterialien lernen. Fehler in der Rechtschreibung werden weniger stark geahndet, die richtige Wortwahl wird stärker gewichtet. Diese Methode habe sich laut Kritikern nicht bewährt und führe zu einem niedrigeren Sprachniveau.
  • Digital: «Passepartout» setzt verstärkt auf den Umgang mit Apps und digitalen Lernsystemen. Das sei unverhältnismässig teuer und weniger effektiv als das Lernen mit klassischen Lehrmitteln, bemängeln die Gegner.

Das freut Philipp Loretz vom kantonalen Lehrerverband. «Als Direktbetroffener, als Lehrperson und Vater bin ich wirklich über diese Entscheidung erleichtert. Das ist sicher erfreulich. Ganz im Sinne des Lernerfolgs unserer Schülerinnen und Schüler», sagt er.

Das Fremdsprachenkonzept «Passepartout» ist umstritten. Die Schüler würden die Grundlagen der Fremdsprachen – die Wörter und Grammatik – zu wenig gut lernen, lautet die Kritik. So wird der Ausstieg begründet.

Was wir wissen: Die Vorgänge im Kanton Baselland werden sehr genau beobachtet.
Autor: Philipp LoretzKantonaler Lehrverband

Der Lehrervertreter hält es für möglich, dass andere Kantone folgen. «Wir sind mit unseren Kollegen aus den anderen «Passepartout»-Kantonen in Kontakt. Da hören wir natürlich auch viel Kritik. Insofern ist ein gewisser Dominoeffekt wahrscheinlich in Gang gekommen. Was wir wissen: «Die Vorgänge im Kanton Basel-Landschaft werden sehr genau beobachtet», sagt Loretz.

So reagieren die fünf weiteren «Passepartout»-Kantone

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  • Basel-Stadt: Das Erziehungsdepartement des Kantons lässt verlauten, dass es noch keine Entscheidungen vor dem Ende der Projektphase treffen möchte.
  • Bern: Regierungspräsident und Erziehungsdirektor Bernhard Pulver setzt viel Hoffnung in die überarbeitete Fassung, welche 2020 erscheinen soll. Man habe die Kritikpunkte ernstgenommen und kehre mit dem neuen Lehrmittel etwas zurück zum traditionellen Französischunterricht. Gleichzeitig habe «Passepartout» aber auch Vorteile gegenüber den alten Modellen.
  • Freiburg: Die Direktion für Erziehung, Kultur und Sport hält auch nach Ende der Projektphase an den eingeführten Lehrmitteln fest. Nächster geplanter Schritt im Projekt sei die Evaluation im Jahr 2021.
  • Solothurn: Der Kanton befindet sich im Gespräch mit Partnern. Auch das Volksschulamt verweist auf die Evaluation 2021.
  • Wallis: Nach anfänglichen Diskussionen hätten Massnahmen des Kantons laut der Dienststelle für Unterrichtswesen zur Beruhigung der Gemüter beigetragen. Der Kanton beobachtet die weiteren Entwicklungen.

Vor allem im Kanton Solothurn ist die Kritik an «Passepartout» ebenfalls gross: Auf der Sekundarstufe verzichtet man dort teilweise auf die Lehrmittel.

Möglicherweise hält das Beispiel Basel-Landschaft andere Kantone aber auch davon ab, auf «Passepartout» zu verzichten. Der Ausstieg ist nämlich kompliziert. Für die dritte und vierte Primarschulklasse gibt es zurzeit keine anderen Lehrmittel als jene von Passpartout.

Wir sind nicht in der Lage, sofort eine Alternative zu präsentieren. Es gibt auf dem Markt auch keine Alternativen im Bereich Frühfranzösisch.
Autor: Beat LüthyLeiter Volksschule Kanton Baselland

Das bekommt das Baselbiet zu spüren. Beat Lüthy, Leiter Volksschule, sagt: «Wir sind nicht in der Lage, sofort eine Alternative zu präsentieren. Es gibt auf dem Markt auch keine Alternative im Bereich Frühfranzösisch.» Und weiter: «Wenn wir das Ganze seriös angehen wollen, dann ist es wichtig, dass wir alles evaluieren und das zusammen mit den Lehrpersonen machen. Und das braucht seine gewisse Zeit.»

Das Beispiel Basel-Landschaft zeigt also: Ein Ausstieg aus dem Fremdsprachenkonzept «Passepartout» ist gar nicht von heute auf morgen möglich. Es stellt sich zudem die Frage, ob ein Ausstieg aus finanzieller Hinsicht sinnvoll ist. Die beteiligten Kantone haben 50 Millionen Franken in die Lehrmittel und die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer investiert. Bei einem Ausstieg wäre das Geld in den Sand gesetzt.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Die Schweiz ist ein mehrsprachiger Staat. Hier werden neben Deutsch auch Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gesprochen. Jeder Schweizer sollte neben seiner eigenen Landessprache auch eine andere Landessprache beherrschen. Wenn nicht ist der mehrsprachige Staat Schweiz gescheitert.
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  • Kommentar von Martin Holm (Marty)
    Interessanterweise gibt es keine Studie, die belegt dass die Millioneninvestitionen überhaupt Früchte tragen. Mag ja sein, dass die Lehrmethoden früher nicht dem allerletzten pädagogischen "Standard" entsprachen, aber Französisch gelernt haben wir trotzdem. Eine Sprache besteht nun mal aus Regeln (Grammatik), beherrscht man diese nicht, wird man keine Sprache anwenden können. Also: ohne Fleiss kein Preis, egal welche Methoden man anwendet, nur die Resultate sind letztendlich relevant.
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  • Kommentar von Peter Joos (Joop50)
    Statt gegen ein modernes Lehrwerk zu wettern, könnte man es auch mit einem schlauen "Vocabulaire" sowie einem altersgemässen "grammatischen Beiheft" ergänzen. Wird anderswo seit Jahrzehnten so gehandhabt. Warum glaubt man immer, das Rad neu erfinden zu müssen, um festzustellen, dass es auch nur rollt ... und nach einigen Jahren ersetzt werden muss?
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