Bei Anruf arbeitsunfähig

Fieber, Kopfschmerzen, die Nase läuft: Eine gewöhnliche Grippe. Da bliebe man wohl am besten im Bett. Doch wer mehrere Tage krank ist, muss zum Arzt, weil der Arbeitgeber ein Zeugnis verlangt. In Basel bietet ein Ärzte-Unternehmen ab Januar ein Zeugnis per Telefon an. Eine umstrittene Sache.

Beim Zügeln am Wochenende einige Kisten zu viel geschleppt und nun von höllischen Rückenschmerzen niedergestreckt? Ein Griff zum Telefon genügt in Basel schon bald, um sich von der Arbeit dispensieren zu lassen.

Der Arzt von Medgate fragt nach den Symptomen. Kommt er zu einer klaren Diagnose, erhält man kurz darauf ein E-Mail mit dem Arbeitsunfähigkeitszeugnis für den Chef. Der mühsame Gang zum Arzt entfällt.

Das Zeugnis auf Anruf entspreche einem offensichtlichen Kundenbedürfnis, erklärt Medgate-Sprecher Cédric Berset: «So kann man wirklich zuhause im Bett bleiben, wo man hingehört, wenn man krank ist. Man kann sein Gesundheitsproblem schildern. Und wenn wir ganz sicher sind, dass wir eine klare Verdachtsdiagnose stellen können, dann können wir in Zukunft auch ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ausstellen.»

Schüler und Studenten ausgeschlossen

Nur: Wer sagt, dass die am Telefon blumig-leidend geschilderten Rückenschmerzen echt sind? Dass sie nicht erfunden sind, um mal schnell zwei Tage blau zu machen? Das Arztzeugnis per Telefon erweitere das Betrugs-Repertoire von Drückebergern, kritisieren Arbeitgeberverbände – etwa der Basler Gewerbeverband.

Sprecher David Weber: «Der Gewerbeverband Basel-Stadt steht dem sehr skeptisch gegenüber. Denn es liegt auf der Hand: Dadurch wird das Missbrauchspotenzial erhöht. Und unnötige Absenzen am Arbeitsplatz sind gerade für KMUs ein grosses Problem.»

Eine Frau mit Headset an einem Bildschirm mit Medgate-Logo oben links.

Bildlegende: Was für Arbeitnehmer eine Erleichterung sein mag, dem stehen Arbeitgeber eher skeptisch gegenüber. Keystone

Deshalb habe sich Medgate bereits mit Arbeitgebern in Verbindung gesetzt und ihre Bedenken aufgenommen, heisst es bei der Telemedizin-Firma. Das Zeugnis per Telefon gebe es denn auch nur unter restriktiven Bedingungen: etwa nur für Patienten in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis, nur für maximal drei Tage, nur zweimal im Jahr. Und: Schüler oder Studierende sind von Vornherein vom Angebot ausgeschlossen. Bei ihnen sei die Blaumacher-Rate zu hoch.

Hausärzte kennen ihre «Pappenheimer»

Medgate-Sprecher Berset hält aber auch fest: «Der Missbrauch wird nie auf Null reduziert werden können. Das ist aber auch heute in der Arztpraxis schon so. Wenn einer will, dann kann er dem Arzt auch etwas vorspielen. Uns ist das absolut bewusst.»

Dies allerdings empfindet der Basler Arzt Felix Eymann als Beleidigung seines Berufsstandes. «Die Hausärzte kennen ihre Pappenheimer. Sie wissen genau, wer schlitzohrig versucht, ein Gefälligkeitszeugnis zu erreichen. Und sie wissen ganz genau, wer sich nur dann meldet, wenn er wirklich ein Problem hat.»

Eymann spricht für alle seine Basler Kollegen. Er präsidiert die MedGes, den Fachverband aller Basler Ärztinnen und Ärzte. Zum Zeugnis per Telefon hat er eine klare Meinung: «Das geht nicht.» Sein Verband suche jetzt die Aussprache mit der Telemedizin-Anbieterin Medgate. Verhindern wird er das Zeugnis per Telefon nicht: Medgate startet mit diesem Angebot ab 1. Januar, versuchsweise für sechs Monate.