Ehrenbürgerin in Kosovo Calmy-Rey: «Wir haben auch um unsere Unabhängigkeit gekämpft»

Die Gemeinde Viti in Südost-Kosovo ehrt Alt-Bundesrätin Calmy-Rey, weil sie sich früh für die Unabhängigkeit der ehemals serbischen Provinz ausgesprochen hat.

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«Manche sagen, Kosovo sei der 27. Kanton der Schweiz»

1:46 min, vom 3.8.2017

Kinder schwenken die Schweizer Fahnen, dazu kosovo-albanische Folklore – und mittendrin Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, seit heute Ehrenbürgerin von Viti. Sie sei sehr glücklich darüber, sagt sie im Interview mit der «Tagesschau»: «Kosovo liegt mir am Herzen. Man sagt oft, das Land sei der 27. Kanton der Schweiz.»

Sie habe die Unabhängigkeit aktiv unterstützt, weil dies zur Stabilität beitrage – und die Schweiz über die Diaspora stark mit Kosovo verbunden sein. Calmy-Rey sieht eine weitere Gemeinsamkeit zur Schweiz: «Wir haben auch für unsere Unabhängigkeit gekämpft.» Ihre Haltung habe die schweizerische Neutralität nicht verletzt, sondern stehe im Einklang mit dem internationalen Völkerrecht.

«  Kosovo liegt mir am Herzen. Man sagt oft, das Land sei der 27. Kanton der Schweiz. »

Micheline Calmy-Rey

Bis 1999 war Kosovo eine serbische Provinz. Die albanische Bevölkerungsmehrheit wollte zuerst eine eigene Teilrepublik innerhalb Jugoslawiens, später einen selbständigen Staat. Belgrad versuchte die Kosovo-Befreiungsarmee UÇK mit harten Militär- und Polizeiaktionen zu stoppen. Schliesslich griff die Nato mit Luftschlägen Zeile in ganz Restjugoslawien an und zwang die serbischen Sicherheitskräfte zum Rückzug.

Frühe Unterstützerin der Unabhängigkeit

Micheline Calmy-Rey unterstützte ab 2005 offen die vollständige Unabhängigkeit Kosovos von Serbien. Nach der Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008 besuchte sie als eine der ersten westlichen Politiker die Hauptstadt Pristina – zur Eröffnung der Schweizer Botschaft.

Heute ist die politische Führung Kosovos stark umstritten. Der ehemalige UÇK-Führer und heutige Präsident Hashim Thaçi droht eine Anklage am Kosovo-Spezialgericht in Den Haag wegen mutmasslicher Kriegsverbrechen zwischen 1998 und 2000.

«  Es wartet noch viel Arbeit auf Kosovo – auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. »

Micheline Calmy-Rey

Die Opposition wirft den ehemaligen UÇK-Kommandanten an der Staatsspitze vor, korrupt zu sein und Kosovo wie sein Eigentum zu verwalten. Hat die Schweiz aufs falsche Pferd gesetzt? Gegenüber der «Tagesschau» bleibt Calmy-Rey diplomatisch: «Es wartet noch viel Arbeit auf Kosovo – auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.» Doch Kosovo sei ein junger Staat. Die Schweiz habe nun seit 726 Jahren Zeit, ihre Demokratie zu entwickeln.

«Ich hoffe auf friedliche Beziehungen zu Serbien»

Doch Kosovo steht vor gewaltigen Herausforderungen: Serbien akzeptiert die Unabhängigkeit nicht, auch wenn aus Belgrad seit neuestem neue Töne zu hören sind. Der serbische Präsident Aleksandar Vućic versucht das Terrain für einen Handschlag mit Hashim Thaçi auszuloten – einen Deal unter staken Männern, um Serbien den Weg in die EU zu ebnen. Kosovos Bürger dagegen haben noch immer keine Reisefreiheit im Schengenraum.

Calmy-Rey bleibt optimistisch für Kosovo. Sie hofft, dass sich die Wirtschaft entwickelt – und auf friedliche Beziehungen Kosovos mit Serbien: «Der europäische Weg ist eine gute Grundlage für eine Versöhnung.» Sie zitiert am Rande der Ehrenbürgerfeier aus Schillers «Wilhelm Tell», dem Gründungsmythos der Schweiz. «Es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn’s dem Nachbarn nicht gefällt.»