Das Hin und Her der Schweizer Entwicklungshilfe

Die internationale Zusammenarbeit soll mit 587 Millionen Franken am meisten zu den Einsparungen des Bundes in den Jahren 2017 bis 2019 beitragen. Schweizer Hilfswerke kritisieren diesen Entscheid. Doch wie sieht die Schweizer Hilfe im Ausland konkret aus? Ein Überblick.

In der internationalen Zusammenarbeit engagiert sich die Schweiz für die Verringerung von Armut und globalen Risiken, für die Linderung von Not sowie für die Friedensförderung und die Achtung der Menschenrechte. So heisst es auf der Website der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Der Weg dazu verlief aber nicht immer gradlinig.

Phase I (1940er- und 50er-Jahre)

Wiederaufbauhilfe nach dem Zweiten Weltkrieg in Westeuropa und Ostasien unter dem Eindruck der Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg. Aus der Schweiz nur private Organisationen tätig.

Phase II (1950er-/60er-/70er-Jahre)

Grossprojekte in Entwicklungsländern. Schwerpunkt Infrastruktur (Kraftwerke, Strassen, Häfen). Meistens führen westliche Unternehmen die Arbeiten aus (gebundene Hilfe). Lern- und Entwicklungseffekte sind gering. Staatliche Hilfe der Schweiz beginnt und konzentriert sich nach dem Vorbild der privaten Organisationen auf ländliche Entwicklung.

Phase III (1980er-Jahre)

Auf staatlicher Ebene Durchsetzung einer neoliberalen Wirtschaftspolitik via Weltbank und Währungsfonds: Sogenannte Strukturanpassung (Privatisierungen, Abbau von Handelsschranken) mit oft negativen Folgen für die lokalen Volkswirtschaften. Private Nichtregierungsorganisationen (NGOs) betonen gegenüber den Entwicklungsländern neu die gleichberechtigte Partnerschaft: Die NGOs sprechen nicht mehr von Entwicklungshilfe, sondern von Entwicklungszusammenarbeit.

Phase IV (1990er-Jahre)

Konzentration auf Institutionen und Demokratie. Staatliche Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen werden als Gegengewicht zu korrupten Regierungen gestärkt. Fokus auf Menschenrechte, Frauenrechte, auf die Rechte der lokalen Bevölkerung und auf die Hilfe für gute Regierungsführung. Stärkerer Einbezug von lokalen NGOs. Die Strukturanpassung geht weiter – der Widerstand dagegen wächst. Die Schweiz macht beides: Die staatliche Entwicklungshilfe stärkt die Zusammenarbeit mit NGOs und gesellschaftswirksamen Programmen (z.B. Berufsbildung – und verficht die westliche Strukturanpassungspolitik.

Phase V (2000er-Jahre)

Teilweise Selbstkritik und Neubeginn: Die Weltbank hinterfragt den Nutzen der strukturellen Anpassung. Neuer Fokus auf Gesundheit, Bildung und andere soziale Güter (Millenniumsentwicklungsziele). Staatliche Hilfe soll an den Plänen der Regierungen ausgerichtet werden. Staatliche Entwicklungshilfegelder an westliche Unternehmen für Projekte werden zurückgefahren. Private Organisationen fühlen sich bestärkt. Einige Millenniumsziele werden bis 2015 tatsächlich erreicht.

Phase VI (seit der Finanzkrise 2008)

Widersprüchliche Tendenzen. Wieder stärkere Unterstützung westlicher Unternehmen durch Entwicklungsgelder – gegen chinesische Konkurrenz in Afrika. Einige Staaten fahren Entwicklungsbudgets zurück, andere bauen sie weiter aus. Die UNO-Mitglieder einigen sich auf einen ehrgeizigen Katalog wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Ziele für das Jahr 2030.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Stiftung Menschen für Menschen Schweiz führt im äthiopischen Afar-Gebiet ein Nothilfe-Projekt für unternährte Kinder durch. In Äthiopien herrscht schlimmste Dürre seit 30 Jahren. Um Eine Hungersnot zu vermeiden, brauchen rund Zehn Millionen Menschen akut Nahrungsmittel.

    Bürgerliche gegen Kürzung von Entwicklungshilfe

    Aus Rendez-vous vom 30.3.2016

    Die Schweiz soll weniger ausgeben für Entwicklungshilfe. Das fordert die Finanzkommission des Nationalrats und ruft Hilfswerke auf den Plan, die sich gegen die Kürzungen wehren. Doch vielen Bürgerlichen ist Entwicklungshilfe ein Anliegen. Der Kürzungsvorschlag hat daher einen schweren Stand.

    Gaudenz Wacker