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Zahlensalat – Welches sind die wichtigen Corona-Daten?
Aus Puls vom 14.09.2020.
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Daten zur Krise Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Corona-Zahlen

IPS-Auslastung, Testpositivität, R-Wert, Dunkelziffer – viele Kennzahlen, viele Fragezeichen? Wir bringen Licht ins Dunkel.

Seit Beginn der Pandemie haben SRF zahlreiche Publikumsfragen erreicht, die sich um die Zahlen rund um die Coronakrise drehen. Wir nehmen diese Fragen hier auf, liefern Antworten – und überarbeiten den Artikel bei wichtigen Gelegenheiten.

Jeden Tag vermeldet SRF die Corona-Neumeldungen vom BAG. Warum fokussieren Sie auf diese Zahl und nicht andere, wichtigere?

Die Zahl der laborbestätigten Neuinfektionen, die montags bis freitags vom BAG gemeldet wird, ist problematisch, das stimmt. Sie besteht aus Nachmeldungen aus den letzten drei bis vier Tagen – Montags sogar mehr. Hinzu kommt, dass sie davon abhängt, wie breit und wie viel getestet wird. Trotzdem ist ein positives Testresultat das schnellste Zeichen, um die Ausbreitung der Pandemie verfolgen zu können. Um die täglichen Schwankungen abzufedern, berechnet SRF deshalb ein 7-Tage-Durchschnitt, der jeweils zwei Tage zurückversetzt ist. Andere Werte wie Hospitalisierungen oder Verstorbene sind zwar verlässlicher, weil sie kaum Dunkelziffer haben, aber sie zeichnen das Infektionsgeschehen rund zwei respektive fünf Wochen später ab. Um die Ausbreitung des Virus zu zeigen, fokussieren wir deshalb auf die Neumeldungen. Um zu zeigen, wie schlimm es die Schweiz trifft, fokussieren wir dafür auf Hospitalisierungen, die Auslastung von IPS-Betten oder Verstorbene.

Früher hat SRF die Zahlen der Verstorbenen von den Kantonen übernommen, jetzt werden die vom BAG genutzt. Warum?

Im Laufe der Pandemie haben sich unterschiedliche Zählweisen etabliert. So gibt es Kantone, die gewisse Verstorbene zu den «Covid-19-Verstorbenen» zählen, wenn sie in Kontakt mit Infizierten waren, selbst Symptome entwickelten, aber vor ihrem Tod nicht mehr getestet werden konnten. Das BAG hingegen akzeptiert diese Zählweise nicht, sondern verlangt von jedem Verstorbenen ein laborbestätigtes, positives Testresultat. Deshalb sind die Zahlen des BAG ein wenig tiefer als jene der Kantone. Weitere Gründe dafür sind gemäss BAG Meldeverzögerungen.

Um die Berichterstattung bei SRF zu vereinheitlichen, veröffentlich SRF seit Mitte Dezember auf allen Kanälen die Zahlen des BAG. Mittelfristig wird erwartet, dass sich die Zahlen des BAG und der Kantone angleichen. Wichtiger aber ist sowieso die sogenannte Übersterblichkeit. Diese zeigt auf, ob es in einem Zeitraum eine überdurchschnittliche statistische Sterblichkeit vorlag – egal, woran die Menschen gestorben sind.

Die aktuellsten Zahlen zum Coronavirus

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Auf der Homepage von SRF wurde lange auch die Zahl der Genesenen genannt. Warum nicht mehr?

Die Zahl der Genesenen basierte auf einer Modellrechnung. Diese ist aber veraltet, da neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass zahlreiche Menschen, die an Covid-19 erkrankten, Langzeit-Schäden aufweisen (sogenannte «Long-Covid»-Fälle) und deshalb nicht von «Genesenen» gesprochen werden kann.

Was ist mit der Dunkelziffer? Gibt es nicht viel mehr Infizierte als solche, die positiv getestet wurden?

Davon ist zumindest auszugehen. Deshalb müssen die absoluten Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden.

Der Anteil der positiven Test an allen durchgeführten Test, die sogenannte Positivrate, gibt einen Hinweis darauf, ob die gemeldeten Neuinfektionen ein glaubhaftes Abbild der Lage abgeben. Solange diese Zahl den Grenzwert von 5% nicht überschreitet, so definieren es WHO-Richtlinien, darf davon ausgegangen werden, dass ein Grossteil der Fälle erkannt wird. Ist sie darüber, muss man mit einer erhöhten Dunkelziffer rechnen.

SRF vermeldet oft eine tiefere Testpositivitäts-Rate als andere Medienhäuser. Wieso?

Ideal wäre die Berechnung der Positivrate, indem die Anzahl positiv getesteter Personen mit der Anzahl total getesteter Personen pro Tag dividiert würde. Die Daten BAG geben das aber nicht her, deshalb rechnet SRF: Anzahl Positive Tests geteilt durch Total Tests pro Tag. Diese Zahl beinhaltet auf beiden Seiten Duplikationen. Andere Medien berechnen ihre Positivraten: Anzahl neu gemeldete Fälle geteilt durch Anzahl neugemeldete Tests. Dadurch werden bei den Fällen die Mehrfachtestungen gefiltert, bei den Tests aber nicht. Hinzu kommt, dass der Wert davon abhängt, wie viele Nachmeldungen das BAG an einem bestimmten Tag vermeldet. Deshalb berechnet SRF einen zwei Tage rückversetzten 7-Tage-Schnitt. Dies ergibt eine stabilere Baseline und eignet sich besser, um etwa gemeldete Neuinfektionen in ein Verhältnis zu setzen.

Apropos Tests – spielt es keine Rolle, wie viel man testet?

Doch. Wer weniger testet, erkennt tendenziell auch weniger Fälle. Allerdings ist der Schluss «Je mehr Tests desto mehr Fälle» falsch. Weil die Regeln, wer sich testen lassen darf, mehrfach geändert und gelockert wurden, sinkt die Vortestwahrscheinlichkeit.

Tests haben auch ihre Tücken. Stichwort Spezifität, Sensitivität oder "Falsch Positive." Wie verhält sich das auf die von SRF veröffentlichten Zahlen?

Als SRF berichten wir bloss über jene Zahlen, die uns vom Bund und den Kantonen zur Verfügung gestellt werden. Darunter befinden sich leider keine Angaben zu Sensitivität, Spezifität oder Vortestwahrscheinlichkeiten. Deshalb ist diese Frage bei uns an der falschen Adresse.

Sie schlüsseln die Neuinfektionen, Spitaleintritte und Verstorbenen der letzten Wochen auch nach Altersgruppen auf. Wie berechnet SRF diese?

Indem die vom BAG gemeldeten Neuinfektionen, Spitaleintritte und Verstorbenen, Link öffnet in einem neuen Fenster pro Woche mit der Anzahl Menschen der jeweiligen Bevölkerungsgruppe verrechnet wird. Diese Zahlen stammen vom BFS, Link öffnet in einem neuen Fenster. Rechenbeispiel: Wenn bei den Verstorbenen in der Altersgruppe 80+ eine Inzidenz von 16,2 steht, bedeutet das bei rund 445'000 in der Schweiz lebenden Über-80-Jährigen: 16,2 * 445'000 / 100'000 = 72 Verstorbene in jener Woche.

Bei den Zahlen zu den Spitalauslastungen gibt es teilweise Wiedersprüche. Welche Zahlen stimmen jetzt?

Wahrscheinlich stimmen alle Zahlen für sich. Grundsätzlich gibt es drei Quellen zu den Covid-19-Hospitalisierten: Das BAG publiziert täglich die Zahl der neuen Spitaleintritte, die auf Meldungen der Spitäler basieren. Die Kantone selbst publizieren den aktuellen Stand der Hospitalisierten in den Spitälern des jeweiligen Kantons. Und dann gibt es noch Auswertungen des IES-Systems der Armee, welches Daten von den Intensivstationen bezieht. Diese werden sowohl vom KSD als auch von ICU-Monitoring (mit 24 Stunden Verspätung) publiziert. Da sich die Situation in den Spitälern schnell verändert, die Zahlen aber nur täglich aktualisiert werden, können sich je nach Datenstand unterschiedliche Zahlen ergeben.

Das Robert-Koch-Institut in Deutschland veröffentlicht täglich den R-Wert. Was hat es damit auf sich und warum publiziert ihr das nicht für die Schweiz?

Die sogenannte Reproduktionszahl R wird mit statistischen Modellen erhoben, um die Ansteckungsrate in der Bevölkerung zu ermitteln. Bei einem R-Wert von 1.0 bedeutet das, dass im Schnitt jeder Neuinfizierte eine weitere Person ansteckt – und diese wieder eine. Ist der R-Wert über 1.0, handelt es sich um einen exponentiellen Anstieg. Damit steigt die Zahl der Fälle immer stärker. Liegt der R-Wert unter 1, nehmen die Neuansteckungen ab. Wie mit allen statistischen Modellen gilt aber: Je weniger Daten (Neuansteckungen) zur Verfügung stehen, desto ungenauer ist der Wert. Die nationale Schweizer Covid-19-Taskforce der Wissenschaft veröffentlicht in ihrem Lagebericht, Link öffnet in einem neuen Fenster die «effektive Reproduktionszahl» Re. Diese wird rückwirkend und mit einer zeitlichen Verzögerung von rund 10 bis 13 Tagen berechnet. Kurz: Einen offiziellen täglich aktuellen R-Wert gibt es derzeit nicht in der Schweiz – er wäre allerdings auch starken Schwankungen unterworfen und nur mit grosser Vorsicht zu interpretieren.

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126 Kommentare

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  • Kommentar von Gabriella Itin  (Salat)
    Es ist immer eine Frage der Auslegung. Statistik kann man so oder so Präsentieren.
    Mich Überzeugt diese Statistik nicht annähernd.
    Es braucht keine Masken von China, keine total Überwachung und keine unnötige Angst Macher. etc.
    Es geht um Kontrolle, Geld und Macht wie immer.
    Schön glaubt das Volk nur das was in der Presse steht, die ja schon lange nicht mehr die wirkliche Presse Freiheit geniesst.
    Es ist Zeit, dass künstliche Theater zu beenden und Retour zur Normalität kehren.
  • Kommentar von David Brunner  (db)
    Im Hinblick auf die nächste von der WHO verordnete Pandemie in ein paar Jahren, hoffe ich auf eine sehr gründliche Analyse der jetzigen Zahlen und Strategien der verschiedenen Länder. Bis jetzt verläuft die Geschichte beispielsweise in Schweden sehr glimpflich ab, harmloser als in der CH - trotz sehr geringen Einschränkungen. Wie sieht es in Weissrussland aus, wo gar nichts gemacht wurde? Warum sind gewisse Regionen scheinbar recht starkt betroffen, andere fast gar nicht?
    1. Antwort von Andreas Morello  (Andreas Morello)
      1. Die WHO "verordnet" keine Pandemie. Sie prüft und überwacht Krankheitsausbrüche, und wenn die entsprechenden Kriterien erfüllt sind, kann sie einen Krankheitsausbruch zur Epidemie oder Pandemie erklären. Damit gehen Empfehlungen (nicht Anordnungen) einher.

      2. Schweden steht bei den Todesfällen besser da als die Schweiz. Aber schlechter als Dänemark und Österreich, die beide strengere Massnahmen verordnet hatten als die Schweiz.
    2. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Die WHO verordnet nichts. Die Länder verordnen.
    3. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Worauf basieren all diese Lobeshymnen auf Schweden. Ich sehe es wirklich nich wenn ich die Zahlen anschaue. Vergleichen Sie mal Schweden und Norwegen, und erklaeren Sie dann, worauf diese Lobeshymnen basieren.
    4. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Es geht nicht darum, dass die Zahlen in Schweden wesentlich besser aussehen, sondern darum, dass sie nicht wesentlich schlecher aussehen, obwohl die Regierung Schwedens auf einen Atomschlag gegen die Wirtschaft verzichtet hat. Dazu kommt, dass unter Nichtrisikogruppen (Schulkinder!) das Virus sich stärker ausbreiten kann, so dass die zweite Welle in Schweden wesentlich schwächer ausfallen dürfte.
    5. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Dann vergleichen sie doch mal wieviele Todesfälle es in der CH gab beim gleichen Stand positiv getester in Schweden momentan. Und wie Sie sich bereits über die 2. Welle und deren Verlauf informiert haben ist mir auch nicht ganz klar.
    6. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Dass man die Verhältnisse von Infizierten zu Toten in den verschiedenen Ländern nicht vergleichen kann, solange man nicht weiss, wie breit in den einzelnen Ländern getestet wird, sollte sich langsam rumgesprochen haben.

      Das mit der zweiten Welle ist simpel: Je mehr Menschen sich in der ersten Welle immunisieren, desto schwächer wird die zweite Welle. Unterdrückt man die Infizierung in der Breite der Bevölkerung, steht man bei der zweiten Welle wieder am Anfang.
    7. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Warum sagen Sie dann Schweden machts richtig wenn nicht aufgrund von Zahlen?
      Und wann können wir die 2. Welle erwarten? Gibt es bis dann Medis oder Therapien?
    8. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Ob es Schweden richtig macht, muss sich erst noch zeigen. Aufgrund der Todeszahlen sieht es bisher danach aus, dass sie langfristig den besseren Weg gewählt haben.
      Die zweite Welle wird kommen, sobald man die Massnahmen lockert. Es gibt zwei mögliche Strategien: Virus unterdrücken bis Impfstoff da ist (>1 Jahr) oder zulassen, dass sich die Nichtrisikogruppen breiter infizieren (Schweden-Modell). Die Schweiz verfolgt derzeit die erste Strategie und die kann noch lange dauern.
  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    Wow, sich an - noch dazu sehr vagen - Statistiken festhalten, das scheint eine super Strategie zu sein, sich von den eigenen Ängsten und der Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit abzulenken. Sonst würde man nicht ständig darüber diskutieren, sondern könnte Mitleid mit den Verstorbenen und ihren Angehörigen zeigen, könnte froh sein, dass die ergriffenen Massnahmen Schlimmeres verhindert haben und sich konstruktive Gedanken machen, wie mit dieser und sicherlich kommenden Pandemien umgehen.