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Wann wird das Leben – trotz Corona – wieder normaler?
Aus 10vor10 vom 03.04.2020.
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Daten zur Krise Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Corona-Zahlen

Genesene, Tests, R-Wert, Dunkelziffer – viele Kennzahlen, viele Fragezeichen? Wir bringen Licht ins Dunkel.

In den letzten Wochen und Monaten haben SRF zahlreiche Publikumsfragen erreicht, die sich um die Zahlen rund um die Coronakrise drehen. Wir nehmen diese Fragen hier gerne auf und liefern Antworten.

Überall liest und hört man von anderen Zahlen. Kann man da noch den Überblick behalten?

In der Tat gibt es verschiedene Datenquellen, auch in der Schweiz. Sie unterscheiden sich zuweilen erheblich. Einerseits ist dies auf den Föderalismus zurückzuführen. So erheben einzelne Kantone die Zahlen anders als andere. Zum Beispiel zählt der Kanton Waadt, Link öffnet in einem neuen Fenster auch verstorbene Bewohner von Alters- und Pflegeheimen mit Covid-Symptomen, die aber nie getestet wurden, als Corona-Todesfälle. Anders der Kanton Genf. Da werden inzwischen auch Verstorbene mit Covid-Symptomen nach ihrem Tod getestet. Aufgrund dieser komplexen Datenlage ist es wichtig, die Muster und Bewegungen über die täglichen Zahlen hinaus zu betrachten.

Die oben stehende Kurve zeigt so ein Muster. Am Anfang entwickelte sich die Anzahl der bestätigten Fälle noch exponentiell. Das heisst, sie wuchs jeden Tag schneller. Mitte März wuchs sie noch linear, gegen Ende April ist die Zahl weiter abgeflacht.

Wieso publiziert das Bundesamt für Gesundheit (BAG) fast immer andere Zahlen – stimmen diese überhaupt?

So weit wir das einschätzen können ja. Sie haben bei den Neuinfektionen meist bloss einen Rückstand von ein bis zwei Tagen. Diese Differenz zu den Zahlen der Kantone, die wir hier und in den Fernsehformaten von SRF verwenden, ergibt sich durch Verzögerungen im Meldewesen und durch tiefergehende Prüfungen durch das BAG.

Auch die Zahlen der Kantone, vom Statistischen Amt des Kantons Zürich zusammengetragen und maschinenlesbar veröffentlicht, können im Nachhinein korrigiert werden – und das werden sie manchmal auch. Grundsätzlich gilt: Zahlen, die bereits ein paar Tage alt sind, sind verlässlicher als hochaktuelle. Das soll aber nicht heissen, dass die aktuellsten Zahlen «falsch» sind. Wie eingangs erwähnt, spielen für die Betrachtung der langfristigen Entwicklung einzelne Korrekturen und Abweichungen ohnehin kaum eine Rolle.

Wieso einigt man sich denn nicht auf ein gemeinsames Vorgehen? So verwirrt das doch nur!

Das ist ein berechtigtes Anliegen, dem wir Journalistinnen und Journalisten uns anschliessen würden. Die Erklärung findet sich wohl darin, dass es sich bei dieser Krise um einen Ausnahmezustand für alle Beteiligten handelt und es zu wenig Zeit und Ressourcen gab, um sich auf ein Vorgehen zu einigen. Hinzu kommt, dass sich gewisse Definitionen und Berechnungen durch neue Erkenntnisse der Wissenschaft wieder ändern. Wir als Öffentlichkeit erleben mehr oder weniger «live», wie Wissenschaft und damit Statistik entsteht – mit allen Unsicherheiten, Unschärfen und Ungereimtheiten, die ein solcher Prozess in sich birgt.

Auf der Homepage von SRF wird auch die Zahl der Genesenen genannt. Woher stammt diese Zahl?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vermeldet keine Zahlen zu Genesenen, die meisten Kantone tun dies ebenfalls nicht. Das mag verschiedene Gründe haben, oft wohl, weil es dafür keine Meldepflicht gibt und die Erfassung zu aufwändig wäre. Weil es aber Sinn macht, die Zahl der gemeldeten Fälle auf der Homepage ins Verhältnis zu setzen, haben wir sie geschätzt. Die Schätzung basiert auf einem Modell, Link öffnet in einem neuen Fenster, das Datenjournalisten der NZZ wie auch des Tages-Anzeigers auf Basis von Modellen von Forschern und Behörden entwickelt haben. Vereinfacht gesagt werden 75 Prozent der Neuinfektionen nach 14 Tagen als genesen klassifiziert, 10 Prozent nach drei Wochen, 10 Prozent nach vier Wochen und der Rest nach sechs Wochen. Die Schätzung stimmt auch weitestgehend überein mit den Zahlen einzelner Kantone, die die Genesenen erfassen und veröffentlichen.

Was ist mit der Dunkelziffer? Gibt es nicht viel mehr Infizierte als solche, die positiv getestet wurden?

Davon ist zumindest auszugehen. Experten sprechen von einem Vielfachen. Deshalb müssen die absoluten Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden. Doch auch die aktuelle Datenlage lässt bereits gute Schlüsse zur gegenwärtigen Situation zu. Die Zahl der Tests ist aber relativ konstant geblieben. Dies zeigen die Zahlen des BAG.

Apropos Tests – spielt es keine Rolle, wie viel man testet?

Doch. Wer weniger testet, erkennt tendenziell auch weniger Fälle. Im internationalen Vergleich befindet sich die Schweiz eher im oberen Drittel, was Tests pro Einwohner betrifft. Und weil das Testregime bis zum 22. April konstant war, sind die Zahlen wohl ziemlich verlässlich. Was auffällt in den Daten: Am Wochenende wird viel weniger getestet. Dies dürfte ein Grund dafür sein, dass an den Wochenenden weniger Neuinfektionen gemeldet werden als unter der Woche.

Andere Länder, andere Sitten, auch in Bezug auf Testregimes. Hinken internationale Vergleiche also sowieso?

Jein. Vergleiche mit anderen Ländern sind tatsächlich schwierig, denn nicht überall wird gleich getestet – und gleich transparent mit Zahlen umgegangen. Auch eine sogenannte Normalisierung mit der Bevölkerungszahl (Anzahl Infizierte / Verstorbene pro EinwohnerInnen) macht den Vergleich nicht leichter. Denn: Einerseits können regionale Infektionsherde die nationalen Werte stark verzerren – beispielsweise war das Virus in Italien zunächst fast ausschliesslich auf die Lombardei und hierzulande aufs Tessin beschränkt.

Andererseits müsste man dann auch die Bevölkerungsdichte mit einbeziehen: In dicht besiedelten Gebieten wie in der Schweiz verbreitet sich das Virus wahrscheinlich schneller als in ländlichen Regionen, beispielsweise im Mittleren Westen der USA. Letztlich würde auch die Mortalität, also die Anzahl Verstorbener pro EinwohnerInnen, nur ein ungenügendes oder sogar verfälschtes Bild der Realität abgeben. Dies wegen der mutmasslich hohen Dunkelziffer. Fazit: Die Normalisierung macht eine sowieso schon suboptimale Datenlage höchstens unverständlicher, aber nicht unbedingt besser.

Was sich unter der Annahme, dass die Testregimes in den einzelnen Ländern gleich wie in der Schweiz einigermassen konstant bleiben, besser vergleichen lässt: die kumulierte Anzahl Fälle über die Zeit, dargestellt auf einer logarithmischen Skala (mehr dazu unten). Hier zeigt sich, welche Länder wie weit fortgeschritten in der Bekämpfung des Virus sind, und wie stark dessen Ausbreitung abgedämpft werden konnte. Hierzu haben wir Ihnen eine interaktive Grafik gebaut, wo Sie eine Auswahl an Ländern untereinander vergleichen können:

Zu beachten ist dabei die logarithmische Skala. Je grösser die Zahlen auf der vertikalen Achse, desto kleiner die Abstände dazwischen. Die Grafik erlaubt es, kleine mit grossen Zahlen zu vergleichen – und das Wachstum der Virusausbreitung einfacher abzuschätzen. Die abflachende Kurve soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass fast überall noch immer täglich tausende Infizierte und hunderte Tote dazukommen.

Das Robert-Koch-Institut in Deutschland veröffentlicht täglich den R-Wert. Was hat es damit auf sich und warum publiziert ihr das nicht für die Schweiz?

Die sogenannte Reproduktionszahl R wird mit statistischen Modellen erhoben, um die Ansteckungsrate in der Bevölkerung zu ermitteln. Bei einem R-Wert von 1.0 bedeutet das, dass im Schnitt jeder Neuinfizierte eine weitere Person ansteckt – und diese wieder eine. Ist der R-Wert über 1.0, handelt es sich um einen exponentiellen Anstieg. Damit steigt die Zahl der Fälle immer stärker. Liegt der R-Wert unter 1, nehmen die Neuansteckungen ab. Wie mit allen statistischen Modellen gilt aber: Je weniger Daten (Neuansteckungen) zur Verfügung stehen, desto ungenauer ist der Wert. Die nationale Schweizer Covid-19-Taskforce der Wissenschaft veröffentlicht seit kurzem in ihrem Lagebericht, Link öffnet in einem neuen Fenster die «effektive Reproduktionszahl» Re. Diese wird rückwirkend und mit einer zeitlichen Verzögerung von rund zehn Tagen berechnet. Kurz: Einen offiziellen täglich aktuellen R-Wert gibt es derzeit nicht in der Schweiz – er wäre allerdings auch starken Schwankungen unterworfen und nur mit grosser Vorsicht zu interpretieren.

«10vor10» 03.04.2020; 21:50 Uhr

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126 Kommentare

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  • Kommentar von Gabriella Itin  (Salat)
    Es ist immer eine Frage der Auslegung. Statistik kann man so oder so Präsentieren.
    Mich Überzeugt diese Statistik nicht annähernd.
    Es braucht keine Masken von China, keine total Überwachung und keine unnötige Angst Macher. etc.
    Es geht um Kontrolle, Geld und Macht wie immer.
    Schön glaubt das Volk nur das was in der Presse steht, die ja schon lange nicht mehr die wirkliche Presse Freiheit geniesst.
    Es ist Zeit, dass künstliche Theater zu beenden und Retour zur Normalität kehren.
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  • Kommentar von David Brunner  (db)
    Im Hinblick auf die nächste von der WHO verordnete Pandemie in ein paar Jahren, hoffe ich auf eine sehr gründliche Analyse der jetzigen Zahlen und Strategien der verschiedenen Länder. Bis jetzt verläuft die Geschichte beispielsweise in Schweden sehr glimpflich ab, harmloser als in der CH - trotz sehr geringen Einschränkungen. Wie sieht es in Weissrussland aus, wo gar nichts gemacht wurde? Warum sind gewisse Regionen scheinbar recht starkt betroffen, andere fast gar nicht?
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    1. Antwort von Andreas Morello  (Andreas Morello)
      1. Die WHO "verordnet" keine Pandemie. Sie prüft und überwacht Krankheitsausbrüche, und wenn die entsprechenden Kriterien erfüllt sind, kann sie einen Krankheitsausbruch zur Epidemie oder Pandemie erklären. Damit gehen Empfehlungen (nicht Anordnungen) einher.

      2. Schweden steht bei den Todesfällen besser da als die Schweiz. Aber schlechter als Dänemark und Österreich, die beide strengere Massnahmen verordnet hatten als die Schweiz.
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    2. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Die WHO verordnet nichts. Die Länder verordnen.
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    3. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Worauf basieren all diese Lobeshymnen auf Schweden. Ich sehe es wirklich nich wenn ich die Zahlen anschaue. Vergleichen Sie mal Schweden und Norwegen, und erklaeren Sie dann, worauf diese Lobeshymnen basieren.
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    4. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Es geht nicht darum, dass die Zahlen in Schweden wesentlich besser aussehen, sondern darum, dass sie nicht wesentlich schlecher aussehen, obwohl die Regierung Schwedens auf einen Atomschlag gegen die Wirtschaft verzichtet hat. Dazu kommt, dass unter Nichtrisikogruppen (Schulkinder!) das Virus sich stärker ausbreiten kann, so dass die zweite Welle in Schweden wesentlich schwächer ausfallen dürfte.
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    5. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Dann vergleichen sie doch mal wieviele Todesfälle es in der CH gab beim gleichen Stand positiv getester in Schweden momentan. Und wie Sie sich bereits über die 2. Welle und deren Verlauf informiert haben ist mir auch nicht ganz klar.
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    6. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Dass man die Verhältnisse von Infizierten zu Toten in den verschiedenen Ländern nicht vergleichen kann, solange man nicht weiss, wie breit in den einzelnen Ländern getestet wird, sollte sich langsam rumgesprochen haben.

      Das mit der zweiten Welle ist simpel: Je mehr Menschen sich in der ersten Welle immunisieren, desto schwächer wird die zweite Welle. Unterdrückt man die Infizierung in der Breite der Bevölkerung, steht man bei der zweiten Welle wieder am Anfang.
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    7. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Warum sagen Sie dann Schweden machts richtig wenn nicht aufgrund von Zahlen?
      Und wann können wir die 2. Welle erwarten? Gibt es bis dann Medis oder Therapien?
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    8. Antwort von Benjamin Kilchör  (B.K.)
      Ob es Schweden richtig macht, muss sich erst noch zeigen. Aufgrund der Todeszahlen sieht es bisher danach aus, dass sie langfristig den besseren Weg gewählt haben.
      Die zweite Welle wird kommen, sobald man die Massnahmen lockert. Es gibt zwei mögliche Strategien: Virus unterdrücken bis Impfstoff da ist (>1 Jahr) oder zulassen, dass sich die Nichtrisikogruppen breiter infizieren (Schweden-Modell). Die Schweiz verfolgt derzeit die erste Strategie und die kann noch lange dauern.
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  • Kommentar von Eva Werle  (Eva Werle)
    Wow, sich an - noch dazu sehr vagen - Statistiken festhalten, das scheint eine super Strategie zu sein, sich von den eigenen Ängsten und der Auseinandersetzung mit unserer Sterblichkeit abzulenken. Sonst würde man nicht ständig darüber diskutieren, sondern könnte Mitleid mit den Verstorbenen und ihren Angehörigen zeigen, könnte froh sein, dass die ergriffenen Massnahmen Schlimmeres verhindert haben und sich konstruktive Gedanken machen, wie mit dieser und sicherlich kommenden Pandemien umgehen.
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