Diskussion um Waffenregister: «Es geht um Menschenleben»

Der Mann, der in Daillon (VS) drei Frauen tötete und zwei Männer schwer verletzte, musste in der Armee wegen einer psychischen Krankheit seine Waffe abgeben. Trotzdem konnte er sich wieder bewaffnen. Was tun, um so etwas zu verhindern? Eine Frage, mit der sich die «Arena» befasste.

In den privaten Haushalten der Schweiz gibt es geschätzte 2,3 Millionen Waffen, registriert sind nur gerade 700'000 davon. Edith Graf-Litscher, SP-Nationalrätin und Mitglied der parlamentarischen Sicherheitskommission, betont gleich zu Beginn der Diskussion, wie wichtig der Datenaustausch zwischen den einzelnen kantonalen Registern sei. Und sie fordert eine zentrale Erfassung.

Daniel Wyss, Vorstand von Pro Tell, der Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht, schätzt: «Nur gerade ein Viertel der Waffenbesitzer würde sich wohl melden. Ein weiteres Viertel der Besitzer sind Demokraten, die sind der Ansicht, das geht den Staat nichts an. Und noch mehr Menschen bekommen von so einer Meldeaufforderung gar nichts mit.»

Das ganze Volk unter Generalverdacht?

CVP-Nationalrat Jakob Büchler meint: «Ich bin nicht bereit, einen Täter zu schützen, aber ich bin dagegen, das ganze Volk unter Generalverdacht zu stellen.» Wer daheim einen alten Karabiner habe, wolle diesen nicht abgeben und auch nicht registrieren lassen.

Mit dem Begriff Generalverdacht stösst Büchler bei Graf-Litscher auf völliges Unverständnis: «In der Schweiz ist jedes Auto registriert, jedes Motorrad, jeder Hund. Da kann es doch nicht so schwierig sein, jede Waffe einer Person zuzuordnen.»

Arena

Bildlegende: Die Diskussionsrunde: Wyss, Büchler, Wiedmer, Graf-Litscher, Sachs (von links) srf

Da sind die anwesenden bürgerlichen Mitglieder der parlamentarischen Sicherheitskommission ganz anderer Ansicht. Eine Registrierung, die auf Selbstdeklaration beruhe, sei ein völlig sinnloser Aufwand, der nur einen Bruchteil der Waffen zu Tage bringe. Man könne den Leuten nicht einfach in den Schlafzimmerschrank schauen.

Gerichtspsychiater Josef Sachs gibt zu bedenken: «Wenn man mit bürokratischem Aufwand Leben retten kann, muss man diesen Aufwand auch betreiben.»

«Armeewaffen sind alle erfasst»

Die Armee hat ihre Bestände nach eigener Einschätzung im Griff: Daniel Baumgartner, Logistik-Chef der Armee, sagt, 1993 bis 2008 seien 250'000 Waffen an ehemalige Angehörige mitgegeben worden, dazu kämen die 200'000 Waffen der aktiven Soldaten. Zu all diesen Waffen gebe es eine registrierte Nummer und einen registrierten Besitzer.

Wie können die restlichen Waffen erfasst werden? Nach Ansicht von Jo Lang, Vizepräsident der Grünen, ist eine erfolgreiche Registrierung relativ einfach zu erreichen: «Man muss eine Einsammelaktion mit einer Registrierung verknüpfen. Und diese Kampagne muss man schweizweit machen und gross aufziehen, methodisch so vorgehen wie bei einer Stopp-Aids-Kampagen.» Wenn die Registrierungskampagne allgemein bekannt sei und funktioniere, könnten nicht-registrierte Waffen anschliessend als illegal erklärt und eingesammelt werden.

Waffenbestand massiv reduzieren

Damit könne man als Ziel erreichen, dass im Jahr 2020 weniger als eine Million Waffen im Umlauf und sämtliche noch existierenden Waffen auch registriert seien. 

Psychiater Sachs macht klar, dass die möglichst lückenlose Erfassung von Waffen nicht ausreiche, um Gewalttaten zu verhindern. Ebenso wichtig sei es, psychisch gefährdete oder kranke Menschen, die Zugang zu einer Waffe haben, besser und intensiver zu betreuen.

Jo Lang

Bildlegende: Jo Lang: «Es ist unschweizerisch, den eigenen Besitz mit einer Waffe zu verteidigen.» srf

Es entzündet sich eine lebhafte Diskussion um «schweizerische» oder «amerikanische» Verhältnisse im Umgang mit Schusswaffen. SVP-Nationalrat Thomas Hurter verweist auf die jahrhundertealte Tradition des verantwortungsbewussten Umgangs mit Schusswaffen in der Schweiz.

Lang sagt, in der Schweiz sei es eben tabu, den eigenen Besitz mit einer Waffe zu schützen. Wenn SVP-Nationalrat Oskar Freysinger behaupte, er brauche seine Waffen, um seine Familie zu schützen, sei diese Aussage gerade sehr amerikanisch: «Und eine solche Art des Redens und Schreibens senkt bei einsamen Wölfen wie dem Täter von Daillon oder dem Attentäter von Zug die Hemmschwelle.»

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Weniger Waffen - weniger Tote?

77 min, aus Arena vom 11.1.2013

«Es geht um Menschenleben»

Josef Sachs bringt es auf den Punkt: «Nur eine ganz kleine Minderheit der Waffenbesitzer kann nicht mit ihren Schusswaffen umgehen, sei es aus kriminellen Gründen oder vor allem wegen Sucht- oder psychischen Problemen  und es ist halt einfach so, dass man eine grosse Mehrheit einschränken muss, um bei einer kleinen Minderheit etwas zu verhindern. Denn es geht um Menschenleben und um sehr tragische Ereignisse.»

Die Teilnehmer

Edith Graf-Litscher 
Nationalrätin SP/TG

Jakob Büchler 
Nationalrat CVP/SG, Präsident Kantonalschützenverband SG

Josef Sachs
Gerichtspsychiater, Chefarzt Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau

Daniel Wyss
Vizepräsident Schweizerischer Büchsenmacher- und Waffenfachhändlerverband, Vorstand Pro Tell

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