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Freihandel mit Mercosur? Fleisch aus Südamerika – beliebt und gefürchtet

Südamerikanische Staaten produzieren Fleisch für die ganze Welt. Dies bereitet den Schweizer Bauern Sorgen, falls ein Freihandelsabkommen zustande kommen sollte. Die Reportage vom Viehmarkt in Argentinien und eine Einschätzung der Handelsbeziehungen.

Legende: Audio 9000 Rinder und viel Feilschen: auf dem Viehmarkt in Buenos Aires abspielen.
7:48 min, aus Echo der Zeit vom 05.05.2018.

Auf dem Viehmarkt in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires sind rund 9000 Rinder in kleine Gatter gepfercht und muhen gestresst. Ihre letzte Reise steht noch bevor, die in den Schlachthof.

Die Aufkäufer begutachten das Vieh
Legende: Die Aufkäufer für Supermärkte, argentinische Restaurants und den Export taxieren das Vieh. SRF / Ulrich Achermann

Auf Stegen hoch über ihnen begutachten Aufkäufer die Tiere. Die edelsten Stücke wie Filet, Entrecôte und Huft sind im Ausland gefragt, also sind Vertreter der Exportwirtschaft da. Aber auch die Repräsentanten von lokalen Supermarkt- und Restaurantketten.

Eine Glocke kündigt die Versteigerung der ersten Rindergruppen an. Die Preise pro Kilo Lebendgewicht schwanken um die 40 Peso oder rund zwei Franken. Der Wert ist gestiegen. Die Gründe: Weite Teile der Weiden sind überschwemmt, während in der Pampa gleichzeitig auch die Dürre zu schaffen macht.

Glocke
Legende: Mit dem Signal der Glocke beginnt das Feilschen um die Rinder. SRF / Ulrich Achermann

Das beste Fleisch stammt aus der Provinz Buenos Aires. Und die Provinz ist so gross wie ganz Frankreich. Die klimatischen Verwerfungen hätten den Viehbestand reduziert, den Züchtern Verluste beschert, sagt der Versteigerer Alfonso Monasterio. Normalerweise dürften Tiere von weniger als 300 Kilo nicht verkauft werden, jetzt sei das zugelassen – für drei Monate, erklärt Monasterio.

Alfonso Monasterio
Legende: Der Platzhirsch auf dem Viehmarkt: Der Auktionator Alfonso Monasterio von der landesweit grössten Viehhandelsfirma. SRF / Ulrich Achermann

Vor den Gehegen scheucht berittenes Personal die Tiere auf, damit sie sich bewegen und von den Käufern von allen Seiten beäugt werden können. Es handelt sich ausschliesslich um Jungtiere von rund zwei Jahren. Dass die Züchter sie auf die Schlachtbank stossen, ist eine Hypothek für die Zukunft. Denn sie werden in der Reproduktion fehlen.

Käufer auf Pferden
Legende: Zu Pferd begutachten die Vertreter der Viehhandelsfirmen die Qualität der Tiere, die sie versteigern. SRF / Ulrich Achermann

Das Fleisch der jungen Tiere, die immer auf der Weide waren und nie einen Stall kennengelernt haben, ist begehrt. Zunächst in Argentinien, wo fast 90 Prozent der Produktion auf dem Grillrost landen. Wenn das Fleisch für den Heimkonsum fehlt, dann wird der Export geopfert, das ist die Praxis.

Eingang zum Viehmarkt
Legende: Der Viehmarkt in Rosa: Die Fassaden sind mit Kalk und Rinderblut gestrichen und macht die Mauern wasserdicht. SRF Ulrich Achermann

Wegen staatlich verordneter Marktmanipulation ist die letzte Staatspräsidentin, Cristina Kirchner, den Züchtern in besonders schlechter Erinnerung. Eine fatale Zeit, resümiert Ezequiel de Freijo vom Viehzüchterverband. Preisvorschriften für den Inlandkonsum, Exportsteuern, Kontingente und zuletzt Exportverbote hätten die Branche viel Substanz gekostet, sagt der Chefökonom der Sociedad Rural.

Viele hätten aufgegeben, der Rinderbestand sei von 60 Millionen auf unter 50 Millionen Tiere gesunken. Rindfleisch aus Argentinien ist rund um die Welt gefragt – nur ist es nicht immer zu haben.

Die Schweiz und Mercosur

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Argentinien produziert das vielleicht schmackhafteste Rindfleisch der Welt. Die Steaks aus der Pampa bereiten den Schweizer Bauern aber Sorgen, falls ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten zustande kommt. Mitgliedstaaten der Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur sind Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela.

Wie die Schweiz mit ihren Efta-Partner Liechtenstein, Norwegen und Island verhandelt derzeit auch die EU mit Mercosur über ein Freihandelsabkommen. Sollte ein Abschluss mit der EU erzielt werden, muss nach Ansicht des Bundesrats die Schweiz nachziehen.

Mit dem Abkommen könnten Waren ohne Zölle ausgetauscht werden oder zu sehr tiefen Zöllen. Die Schweizer Landwirtschaft erwartet deshalb hohen Druck auf die Preise von Rindfleisch, Poulet, Ölsaaten und Zucker durch mehr Importe aus Südamerika.

Bundesrat Johann Schneider Amman hat am Samstag seine Reise durch Südamerika abgeschlossen. Es gebe Fortschritte beim Bemühen um ein Freihandelsabkommen mit der Schweiz und den Efta-Staaten, sagte der Wirtschaftsminister in Buenos Aires.

Eine Einschätzung von Ulrich Achermann:

Solange die Rohstoffe Rekordpreise einbrachten, hatte Brasilien kein Interesse, sich mit der kleinen Efta abzugeben.

Stark defizitäre öffentliche Finanzen dürften die Wende in Brasilien ausgelöst haben. Interessant ist die Efta-Vierländergruppe für den ganzen Mercosur auch, weil man sich mit ihr vielleicht schneller über den Freihandel einigen kann als mit der Europäischen Union: Denn mit der EU gibt es nach bald zwei Jahrzehnten Verhandlungen noch immer kein Freihandelsabkommen.

Bundesrat Johann Schneider Ammann sagt dazu: «Vielleicht kann man mit der Efta eine Lösung finden, die Guideline sein könnte, was mit der EU möglich ist oder nicht.»

Schon in ein bis zwei Jahren sollte sich zeigen, ob ein Freihandelsabkommen zwischen dem Mercosur und den Efta-Ländern inklusive Schweiz realistisch sei, meint Bundesrat Schneider Ammann. Sowohl bei der EU als auch bei der Efta stossen sich die Südamerikaner am abgeschotteten Agrarmarkt.

Bei Rindfleisch und Geflügel sind die Latinos konkurrenzlos stark. Und sie wollen ihre Produkte ohne oder mit viel tieferen Zollhürden als heute in den Efta-Raum liefern.

Bauern nicht verprellen

Analog der EU wollen die Efta-Länder ihre Fleischmärkte sehr behutsam öffnen. Die Rede ist davon, dass die Mercosur-Länder 2000 Tonnen Fleisch zusätzlich in den Efta-Raum liefern dürften, zu Vorzugskonditionen. Damit werde auch für die Bauern in der Schweiz die Kirche im Dorf bleiben, glaubt der Bundesrat.

Nach den Sondierungen von Johann Schneider-Ammann in Südamerika sollen bald Verhandlungen beginnen. Sollten sie erfolgreich abzuschliessen sein, bekämen die Efta-Länder Zugang zum einem Markt mit 260 Millionen Menschen. Das letzte Wort dazu hat in der Schweiz das Parlament oder allenfalls das Volk.

Legende: Video Schneider-Ammann weibelt für Freihandel mit Südamerika abspielen. Laufzeit 3:49 Minuten.
Aus Tagesschau vom 06.05.2018.
Ulrich Achermann

Ulrich Achermann

Südamerika-Korrespondent, SRF

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Ulrich Achermann ist seit 2003 SRF-Korrespondent und berichtet über alle Länder Südamerikas. Er lebt in Santiago de Chile.

76 Kommentare

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  • Kommentar von W Streuli (Wernu)
    Wieso eigentlich das Gejammer wegen dem Fleisch aus Südamerika. Meines Wissens stammt unser angebliches Bündnerfleisch ja auch aus Argentinnien und wird nur hier geräuchert. Man berichtige bitte meinen Beitrag, wenn sich meine Infos nicht mit den tatsächlichen Begebenheiten decken
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    1. Antwort von Ueli Lang (Wochenaufenthalter)
      @Streuli Hier wird nicht gejammert, sondern die Landwirtschafts- und Fleischmaffia lügt uns einfach an, dass sich die Balken biegen ... "Wir brauchen kein Antibiotika", aber sicher, 42 Tonnen pro Jahr ist nichts ... "Wir produzieren hohe Qualität" nur fürs Bünderfleisch reicht es nicht, usw. Tatsache ist, dass unsere Landwirte äusserst kapitalintensiv mit einer sehr teuren Ausrüstung, viel Dünger und Futterzusatz bestenfalls durchschnittliche Qualität produzieren. Sie sind unökonomisch teuer.
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    2. Antwort von Ulrich Thomet (UTW)
      @Lang Wer behauptetves werde kein AB gebraucht? Bitte zitieren. Übrigens erstaunt mich das der Jahresbedarf der CH in zwei Lastwagen Platz hat. Die Kapitalintensität ist unter anderem dem hohen Kostenumfeld geschuldet. Vermutlich wird Ihre Arbeit irgendwo auf der Welt günstiger angeboten, sind Sie deshalb unökonomisch und zu teuer? Ich finde nicht, Sie leben und arbeiten in der Schweiz und haben den CH Lebensstandard verdient.
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  • Kommentar von Daniele Röthenmund (Daniele Röthenmund)
    Alle die Kritik am BR üben sollten erstmals Nachdenken. Wenn man unsere Produkte in Argentinien erleichtert anbieten will müssen wir auch Ihre Produkte den Zugang zu unserem Markt zugestehen, das nennt man fairen Handel. Argentiniens Export Schlager ist hat der Rundfleischverkauf, was würden wir sagen wenn sie unsere Uhren oder Schokoladenexporte den Handel verweigern würden. Das einzige was der BR machen könnte ist Druck aufsetzen was Viehhaltung anbelangt.
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    1. Antwort von Helmut Meier (Helmi)
      Da haben Sie recht, aber dann muss man auch so ehrlich sein und unsere Landesverteidigung abschaffen. Ohne mögliche Selbstversorgung, können wir unser Land nicht mehr verteidigen. Dabei können wir sehr viel Geld sparen, aber ist es uns das wert ?
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    2. Antwort von Ueli Lang (Wochenaufenthalter)
      @Meier Und wann bitte schön konnte sich die Schweiz den selber versorgen? Das war nicht einmal zu Zeiten des guten alten Bundesrates Wahlen der Fall. Bei diesem Thema kommen wir endgültig in den Bereich der Geschichtsklitterei. Die schweizerische Landwirtschaft ist seit dem bestehen unseres modernen Bundesstaates noch nie in der Lage gewesen das Land zu versorgen! Wir waren also schon immer vom Ausland abhängig. Demgegenüber hatten wir aber immer eine Armee!
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    3. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      @Lang - Hier waere eine Infografik ueber die Ein- und Ausfuhren von Schlachttieren, Lebens- und Futtermitteln in den Jahren 1939 bis 1948 sowie der Anzahl Schweizer und Auslaender (wahrscheinlich einmal mehr zu) aufschlussreich....
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  • Kommentar von Markus Guggisberg (gugmar)
    Ein herzliches Danke an alle Schweizer Bauern die Ihre hervorragende Arbeit im Dienste des Schweizer Volkes jeden Tag und immer neu mit grosser Verantwortung und Einsatz erfüllen. Ein unschätzbarer Dienst für unser aller Leben !
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    1. Antwort von Ueli Lang (Wochenaufenthalter)
      Ja ja und wir bezahlen keine überrissenen Preise für qualitativ miese Ware aus unserer tollen Superlandwirtschaft, die mit sauteuren, superschweren Maschinen, die auch wieder die Konsumenten finanzieren, die Böden verdichten. Dann wäre da noch der Antibiotikamissbrauch. Mit 42 Tonnen pro Jahr muss der schweizerische Nutztierbestand ja permanent flächendeckend krank sein! Dass das für das Schweizer Volk so toll sein soll, glaube ich nicht! Darum kaufen auch so viele Schweizer im Ausland ein.
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    2. Antwort von Ulrich Thomet (UTW)
      @Lang Ich wiederhole hier die Rangliste (höchster AB Vebrauch an erster Stelle) betreffend Antibiotika: Ich das 4,5-fache der CH, Deutschland das 3-fache der CH, Frankreich das 1,5-fache der CH. Quelle: SRF
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    3. Antwort von Thomas Peter (Pfanni)
      Danke Herr Guggisberg für die aufmunternden Worte. Bei solchen Kommentaren wie von Herrn Lang, Herr Schaefer oder Frau Casacrande könnte es einem als Landwirt tatsächlich verleiden am Morgen aufzustehen für die tägliche Arbeit als Landwirt! Ich habe auf dem Feld oft interessante Gespräche mit Konsumenten. Komischerweise treffe ich da nie auf solche Miesepeter. Sie dürfen meinen Hof gerne einmal besuchen und ich versuche sie aufzuklären. Kontakt ev. über SRF möglich?
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    4. Antwort von Ueli Lang (Wochenaufenthalter)
      @Thomet Ist alles sicher richtig was Sie hier schreiben. Allerdings ist es unwesentlich, weil die 42 Tonnen einfach massiv zu viel sind! Das ist schlicht und ergreifend krank was die Landwirtschaft in diesem Bereich veranstaltet und es dumm zu meinen die Konsumenten und Steuerzahler wüssten nicht, dass ihnen seitens der Bauern- und Fleischwirtschaftsvertreter etwas vorgelogen würde. Es nützt auch nichts, wenn man den anderen umliegenden Länder anschwärzt. Man sollte bei sich selber beginnen!
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    5. Antwort von Ulrich Thomet (UTW)
      @Lang Die Vergleiche habe nicht ich kreiert. Sie vergleichen uns ständig mit Weltmarktpreisen und wenn ich den AB Vergleich präsentiere "schwärze" ich an. Betreffend der AB Reduktion laufen mehrere Programme.
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