«Gefahrenkarten erhöhen die Sicherheit»

Das von einem Erdrutsch verschüttete Haus nahe Lugano stand gemäss der Gefahrenkarte nicht in einem gefährdeten Gebiet. Trotzdem verteidigt Arthur Sandri vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) deren Nutzen.

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Gefahrenkarten im Kampf gegen Naturkatastrophen

1:45 min, aus Tagesschau vom 16.11.2014

SRF: Haben die Hangrutschungen wegen der Klimaerwärmung zugenommen?

Arthur Sandri: Wir haben keine Anhaltspunkte, um dies zu bestätigten. Es ist ganz klar, dass diese Hangrutschungen eng an solche exzessiven Niederschläge gekoppelt sind. Es gibt keine kontinuierliche Zunahme, sondern in Jahren mit solchen aussergewöhnlichen Niederschlagsereignissen gibt es viele Hangrutsche. Und in Jahren ohne eigentlich keine.

Wo ist die Gefahr besonders gross?

Anfällig sind Hänge, die zwischen 20 und 45 Grad geneigt sind und ungefähr 30 Zentimeter oder mehr Lockermaterialauflage haben.

Das heisst, das sind durchaus flachere Hänge als bei Lawinen?

Die durchschnittliche Hangneigung ist 8 Grad flacher als bei Lawinen, da bei Erdrutschen Wasser eine wichtige Rolle spielt. Deshalb können auch bei weniger geneigten Hängen die Rutsche weit reichen.

Das Unglückshaus im Tessin lag nicht in einer Gefahrenzone auf der Gefahrenkarte.

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Arthur Sandri über Gefahrenkarten (ganzes Interview)

3:35 min, vom 16.11.2014

Weshalb das Haus in der Gefahrenkarte nicht erfasst war, dazu müssen die Behörden des Kantons Tessins Auskunft geben. Der Bund erstellt keine Gefahrenkarten. Wir können uns deshalb zu diesen Gründen nicht äussern.

Was nützt eine Gefahrenkarte?

Einerseits gibt sie den Baubehörden Auskunft darüber, welche Gebiete sich nicht für eine Überbauung eignen, und in welchen Gebieten bei schwacher oder mittlerer Gefährdung die Bauten mit speziellen Auflagen Naturgefahren-tauglich gemacht werden sollten. Andererseits dient sie den Behörden bei erhöhter Gefahr dazu, zu entscheiden, welche Strassen und Gebiete gesperrt und evakuiert werden sollen.

Die Gefahrenkarte erhöht also die Sicherheit?

Ja. Die Gefahrenkarte erhöht eindeutig die Sicherheit, weil damit eine Grundlage geschaffen ist, solche Entscheidungen zu treffen. Sie dient auch dem Einzelnen, indem sich dieser über das Internet kundig machen kann, ob sein Wohn- oder Arbeitsort in einem Gefahrengebiet liegt. Er könnte dann auch eigenverantwortlich handeln.

Was können die Behörden tun, um die Bevölkerung bei einer Situation wie letzte Nacht zu schützen?

Sie können aufgrund der Gefahrenkarte feststellen, welche Gebiete wie stark gefährdet sind und bei erhöhter Gefahr entscheiden, welche Gebiete evakuiert werden sollen, welche Strassen und Wege gesperrt werden. Sie könnten auch entscheiden, welche Wehrdienste auf Pikett gesetzt oder bereits schon eingesetzt werden sollten.

Zwei Tote nach Erdrutsch

Zwei Personen sind unweit von Lugano unter den Trümmern ihres Hauses ums Leben gekommen. Dieses war von einem Erdrutsch erfasst worden. mehr

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Zwei Tote nach Erdrutsch im Tessin

    Aus Tagesschau vom 16.11.2014

    In der Nähe von Lugano verloren zwei Personen unter den Trümmern ihres Hauses ihr Leben. Das Wohnhaus wurde nach starken Regenfällen von einem Erdrutsch erfasst. Daniel Schäfer schätzt die Lage vor Ort ein.