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Frost bedroht Obsternte
Aus SRF News vom 08.04.2021.
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Globale Erwärmung Wenn der Frühling immer früher kommt

Pflanzen in der Schweiz blühen immer früher – mit gravierenden Auswirkungen. Die Übersicht in interaktiven Grafiken.

Bereits der Februar spielte dieses Jahr verrückt. Temperaturen bis zu 18 Grad, Himmel und Schnee eingefärbt von gelblichem Saharastaub. In den Gärten und Wäldern blühten die Haselsträucher und kündigten bereits den Frühling an – rund zwei Wochen früher als noch vor 70 Jahren. In Lagen über 800 Metern über Meer betrug die Verfrühung gar 22 Tage. Dies belegen Messwerte seit 1951 aus 40 verschiedenen Messstationen in der Schweiz, Link öffnet in einem neuen Fenster, welche SRF ausgewertet hat.

Die folgende Grafik zeigt den schweizweiten Durchschnitt aller Messstationen pro Jahr als rote Punkte und den Trend als rote Linie – in diesem Fall für die Blüte des Haselstrauches. Der Trend und der Durchschnitt der Messstationen (Punkte) nach Höhenlage sind blau eingefärbt. Die Grafik geht im Uhrzeigersinn von den 1950er-Jahren bis ins Jahr 2021. Je näher die Linie gegen die Mitte rückt, desto stärker verschiebt sich die Blütezeit in die Wintermonate – und desto früher beginnt für die Pflanze der Frühling.

Nicht nur die Blütenkätzchen des Hasels zeigen sich ungewohnt früh: Die meisten Pflanzen in der Schweiz erwachen immer früher aus dem Winterschlaf. Das dokumentiert der Frühlingsindex des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie Meteoschweiz. Er wird auf Basis des Hasels und neun weiteren typischen Frühlingspflanzen berechnet und gibt an, wie viele Tage der Frühlingsanfang vom Mittel der Vergleichsperiode (1981 - 2010) abweicht. Die neuesten Daten zeigen: Der Frühling 2021 war nur rund drei Tage früher und liegt damit innerhalb der normalen Abweichung. Aber die langjährige Entwicklung zeigt klar, dass der Frühling immer früher kommt.

Wie sich die Pflanzen entwickeln, hängt hauptsächlich von den vorherrschenden Temperaturen ab. Sobald es im Frühjahr genügend warm ist, fahren sie ihre Systeme hoch, bilden Blüten oder beginnen mit dem Blattaustrieb. Das Beispiel der Haselblüte zeigt, dass die erforderlichen Temperaturen heute rund zwei Wochen früher erreicht werden als noch vor 70 Jahren. Dass Pflanzen immer früher ihre Winterruhe beenden, ist eine Reaktion auf die steigenden Temperaturen in ihrer Umwelt. Die Messreihen sind deshalb ein wichtiger Indikator für den Klimawandel und machen dessen lokale Auswirkungen deutlich.

Die Pflanzenwelt kennt aber auch Schutzmechanismen. Sie wirken, zumindest teilweise, als Bremse der gezeigten Entwicklung. Die Buche etwa orientiert sich am Tageslicht. Erst, wenn auch die Tage genug lang sind und genügend Sonnenlicht vorhanden ist, beginnt sie mit der Entwicklung ihrer Blätter. Bei den Messwerten der Buche fällt daher der Unterschied nicht so deutlich aus wie beim Hasel:

Tiere und Pflanzen bilden komplexe ökologische Beziehungen. Wenn die Pflanzen immer früher Blüten austreiben, verändern sich auch das Frostrisiko und die Pollensaison. Über Jahrhunderte eingespielte Abläufe der Natur geraten durcheinander und Beziehungen zwischen verschiedenen Arten werden gestört.

Nehmen die Frostschäden zu?

Auch die Buche ist trotz natürlicher Schutzmechanismen von den Folgen betroffen. Das zeigt ein Beispiel aus dem letzten Jahr: Nachdem die Buchen ausserordentlich früh ihre Blätter ausbildeten, gab es am 11. Mai nochmal Frost in hohen Lagen. Die Rotbuchen auf dem Weissenstein (1380m) verloren ihr junges Blattwerk an die eisigen Temperaturen und blieben bis Ende Juni komplett kahl. «Auch die zweite Generation der Blätter entwickelte nur etwa 50 bis 70 Prozent der üblichen Blattoberfläche» so Frederik Baumgarten von der eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Er hat die Buchen zu dieser Zeit intensiv untersucht. «Es war, als würde man durch einen Herbstwald gehen.»

Frostschäden an Buchen
Legende: Frostschäden an Rotbuchen auf dem Weissenstein, 2020. zVg Frederik Baumgarten (WSL)

Mit dem Klimawandel steigen zwar auch die Mindesttemperaturen, aber nicht genug, um mit der früher spriessenden Pflanzenwelt Schritt halten zu können. In hohen Lagen steigt damit das Risiko für Frostschäden, wie eine Studie aus dem Jahr 2017, Link öffnet in einem neuen Fenster bestätigt.

In den Daten lässt sich auch eine Verfrühung bei den Obstkulturen feststellen. Das weisse Blütenmeer der heimischen Obstbäume entfaltet sich rund zwei Wochen früher als noch Mitte des letzten Jahrhunderts, in den Rebbergen entwickeln sich die Blüten sogar rund drei Wochen früher.

Während und kurz nach der Blüte sind die Kulturen am anfälligsten für Frostschäden. Da mit Frost grundsätzlich bis im Mai zu rechnen ist, steigt das Risiko für Frostschäden und Ernteausfälle. «In den vergangenen fünf Jahren hatten die Obstproduzentinnen viermal gegen Frostereignisse zu kämpfen», schreibt der Schweizerische Obstverband auf Anfrage.

Je nach Region und lokaler Topographie spielen aber andere Faktoren eine Rolle: «Das Risiko hängt auch vom Mikroklima ab, den Sorten, der Struktur wie Ausrichtung und Alter der Anlage», so Sibylle Stöckli vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau.

Aber nicht nur Spätfröste setzen dem Obst zu, sondern auch verschiedene Schadinsekten. Die wärmeren Frühlingstemperaturen verlängern ihre Flugsaison und damit das Risiko eines Befalls. Zum Beispiel der Apfelwickler, einer der bedeutendsten Schädlinge im Obstbau. Wissenschaftlerinnen von Agroscope und Meteoschweiz prognostizieren ab 2045, Link öffnet in einem neuen Fenster eine fünf Wochen längere Saison und drei anstelle von zwei Generationen ausgewachsener Schädlinge pro Saison.

Pollensaison kommt immer früher

Mit der Blüte des Haselstrauches beginnt nicht nur der Frühling in der Pflanzenwelt, sondern auch die Leidenszeit der Allergiker. Die Winterruhe verkürzt sich also auch für sie. Auch die Hängebirke, deren Pollen viele Allergikerinnen stark belasten, blüht tendenziell zwölf Tage früher im Jahr - alleine seit den ersten Messungen 1996.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigt zudem, dass sich nicht nur der Saisonanfang Richtung Winter verschiebt, sondern sich die Saison für Hasel- und Birkenpollen intensiviert, beim Hasel gar verlängert. Der Klimawandel manifestiert sich somit einmal mehr als Belastung für die öffentliche Gesundheit und besonders für die Lebensqualität der betroffenen Allergiker.

Auswirkungen auf Biodiversität

Verschiebt sich der Zeitpunkt von Blüten- und Blattentfaltung, hat das auch Einfluss auf das Zusammenleben der verschiedenen Tier- und Pflanzenarten. Verpassen sich beispielsweise Bestäuber und Blüten, bleibt einerseits die Bestäubung aus, andererseits fehlen Futterquellen für die bestäubenden Insekten. Das schreibt das Bundesamt für Umwelt in einem Faktenblatt, Link öffnet in einem neuen Fenster zum Thema Biodiversitätsmanagement. Oder Rehkitze finden zunehmend weniger Nahrung, Link öffnet in einem neuen Fenster, weil ihr Futter immer früher wächst, ihr Geburtszeitpunkt sich aber immer noch am Tag-Nacht-Rhythmus orientiert.

Der Einfluss auf die ökologischen Beziehungen ist schwer abzuschätzen. «Einige Arten sind sehr anpassungsfähig und kommen als Generalisten mit vielen Bedingungen zurecht. Andere Arten sind weniger anpassungsfähig, weil sie auf spezifische Wirtspflanzen angewiesen sind», so Sibylle Stöckli.

Rehe können weiter in die Höhe wandern und ihre Jungen dort gebären, wo sie noch genügend Futter finden. Für andere Arten ist das schwieriger, unter anderem auch, weil sich das Klima zu schnell verändert. Zudem seien es oft auch invasive, gebietsfremde Arten, die sich schnell anpassen könnten und damit einheimische Arten verdrängen würden, so Stöckli weiter.

Vergleichen Sie alle Pflanzen und Standorte

Im phänologischen Beobachtungsnetz von Meteoschweiz, aus dem die Daten stammen, sind langjährige Messreihen für rund ein Dutzend für verschiedene Pflanzen enthalten. Im Folgenden können Sie Frühjahrs-Pflanzen und deren Blütenzeitpunkte oder Blattaustrieb auswählen und den Schweizer Schnitt mit einzelnen Messstationen vergleichen. Eine Trendlinie erscheint nur, wenn sich aus den Messwerten auch tatsächlich ein Trend berechnen lässt.

Quellen und Methodik

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Die Daten für unsere Grafiken stammen aus dem Phänologischen Beobachtungsnetz von Meteoschweiz und werden von Hand erhoben. «Rund 160 Leute besuchen die Pflanzen mehrmals pro Woche und dokumentieren den Fortschritt», sagt Regula Gehrig von Meteoschweiz. Sie betreut das Messnetz. Die freiwilligen Beobachterinnen folgen einer detaillierten Anleitung, Link öffnet in einem neuen Fenster. Die Daten werden von Meteoschweiz geprüft und anschliessend frei zur Verfügung gestellt, Link öffnet in einem neuen Fenster. Interessierte können sich mit der PhaenoNet App, Link öffnet in einem neuen Fenster an den Beobachtungen beteiligen.

Die Werte pro Jahr (Punkte) für die einzelnen Messstationen werden direkt als Tag im Jahr angezeigt. Die Werte für die Schweiz und die einzelnen Höhengruppen zeigen das arithmetische Mittel aller Stationen der jeweiligen Gruppe im betreffenden Jahr. Dabei werden nur Messstationen mit einbezogen, die auch über kontinuierliche Messungen im jeweiligen Zeitraum verfügen.

Auf Basis dieser Jahreswerte wird die Trendlinie berechnet. Dafür wenden wir eine lineare Regression an. Bei gruppierten Werten (Schweiz, Höhengruppen) schwankt die Anzahl der Messstationen pro Jahr. Deshalb beziehen wir nur die Mittelwerte der Jahre mit ein, die auf mindestens fünf Messstationen beruhen. Ob sich ein Trend berechnen lässt, prüfen wir mit dem Mann-Kendall Test. Dieses Verfahren wird auch beim Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen, Link öffnet in einem neuen Fenster angewendet.

Radio SRF 1, 15.15 Uhr, 3.6.2021

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140 Kommentare

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Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Peter Belmi  (P.B.)
    … vielleicht haben wir auch schon bald eine 2. oder 3. Ernte, so wie schon heute in wärmeren Ländern. Es ist nicht Alles so schlecht wenn es wärmer wird.
  • Kommentar von Stefan von Känel  (Trottel der feinen Gesellschaft)
    An die Fraktion "es ist schon immer wärmer und kälter geworden": Was Sie alle nicht begreifen wollen, sind die Zeitskalen, in denen diese Veränderungen stattgefunden haben. Die Veränderung vollzieht sich diesmal in kürzester Zeit und wird nicht so einfach aufzuhalten sein. Recherchieren Sie mal zu "Rückkopplungseffekte". Und wenn wir schon dabei sind, es gibt auch einen Grund weshalb der Planet Venus trotz weiterem Abstand von der Sonne massiv heisser ist als Merkur.
  • Kommentar von Maciek Luczynski  (Steine)
    Es ist nicht der erste Klimawandel (in der Geschichte der Erde) und es wird auch nicht der letzte gewesen sein.
    Die Menschen stören sich aber daran, dass die optmiert aufgebauten Produktionsstädten, dann nicht mehr optimal laufen können, wenn sich die "Umwelt" ändert.
    Es werden Lebewesen und Ökosysteme sterben, dafür aber neue kommen.
    Das war schon vor den Menschen und wird nach dem Menschen so sein.
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Es ist der erste Klimawandel ausgelöst von einer einzelnen Spezies auf diesem Planeten. Dass es scheinbar so schwierig ist unnatürliche Klimaveränderungen von vorherigen natürlichen Veränderungen zu unterscheiden erstaunt mich jedesmal von Neuem.
    2. Antwort von Peter Belmi  (P.B.)
      @ Pascal Odermatt: ob der Klimawandel „natürliche“ Gründe hat (so wie ein Meteoreinschlag) oder dem Menschen angelastet wird spielt schlussendlich für den Klimawandel nur eine geringe Rolle. Sich anpassen heisst die Devise, und da sind wir heute in einer viel besseren Lage als früher
    3. Antwort von Nic Grund  (Gruendeli)
      Herr Odermatt, Zyanobakterien waren die ersten, nicht der Mensch: vor ca. 2.4 bio Jahren haben sie die Erdatmosphäre mit O2 angereichert. Dies führte zu einem Massensterben der Zyanobakterien, sie haben sich selber vergiftet. Durch die O2 reicherung nahm der Methangehalt in der Atmosphäre ab, es wurde zum schwächeren Treibhausgas CO2 oxidiert und dies führte zur Klimakatastrophe (Huronian Eiszeit).

      Es hat aber auch die Grundlage gelegt für mehrzellige Organismen.