Harmonisiert, aber noch lange nicht harmonisch

Noch nie war die obligatorische Schulzeit in der Schweiz so einheitlich geregelt wie heute. Dies bilanzieren zumindest die Erziehungsdirektoren. Doch der Eindruck täuscht. So sind die Kantone zum Beispiel beim Sprachunterricht noch nicht auf einer Linie. Es droht gewissermassen ein Kulturkampf.

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Harmonisierung der Schulzeit harzt

1:57 min, aus Tagesschau vom 1.7.2015

Zufrieden sei man, betonten Generalsekretär, Präsident und Vizepräsidentin der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz vor den Medien. Denn die Eckwerte des Bildungssystems seien nun harmonisiert. Gemeint sind die Schulpflicht, die Dauer und Ziele der einzelnen Bildungsstufen sowie die Übergänge von einer Bildungsstufe zur nächsten.

Nach den Sommerferien bieten erstmals alle Kantone der Deutsch- und der Westschweiz sechs Jahre Primarstufe und drei Jahre Sekundarstufe 1 an. 17 Kantone, darunter alle Westschweizer, haben nun ein zweijähriges Kindergarten-Obligatorium. In weiteren Kantonen hätten die Eltern immerhin ein Anrecht, dass ihre Kinder zwei Jahre lang den Kindergarten besuchen können.

Sprachunterricht ist nicht harmonisiert

Mit den Angleichungen sollen es Schülerinnen und Schüler bei einem Umzug in einen anderen Kanton einfacher haben. Bei den Fremdsprachen wird das allerdings vorderhand nicht gelingen. Wer vom Thurgau in den Kanton Bern zügelt, ist unter Umständen zwei Jahre mit Französischunterricht im Verzug. Zwar hatten sich die Kantone 2004 geeinigt, ab der dritten Klasse eine erste und ab der fünften Klasse eine zweite Fremdsprache zu unterrichten. Eine davon muss eine Landessprache sein.

Doch aus einzelnen Kantonen kommt Widerstand. Der Kanton Thurgau zum Beispiel will das Frühfranzösisch abschaffen. In Zürich gibt es ähnliche Bestrebungen. Ein Urteil des St. Galler Verwaltungsgerichtes hat diese für den Moment blockiert. Das Gericht hat ein ähnliches Begehren in St. Gallen für ungültig erklärt.

Nur Englisch will Berset nicht

Bildungsminister Alain Berset hat unlängst angedroht, einzuschreiten, falls in einem Kanton die Primarschüler nur noch Englisch lernen sollten. Bei der Erziehungsdirektorenkonferenz hofft man, dass es gar nicht so weit kommt. Ihnen macht der Entscheid aus Nidwalden Mut. Dort hat das Stimmvolk erst kürzlich beschlossen, das Frühfranzösich beizubehalten.

Auch der Lehrplan 21 steht vielerorts im Gegenwind. Zwar kann ein Kanton im Harmos-Konkordat sein und muss diesen Lehrplan nicht übernehmen. Dennoch steht auch er im Zusammenhang mit der Harmonisierung.

2018 will die Erziehungsdirektorenkonferenz eine zweite Bilanz zu Harmos ziehen. Im Bildungswesen in der Schweiz ist in den letzten Jahren viel passiert. Ruhe ist noch nicht eingekehrt.