Nach Burkhalters Rücktritt «Jetzt ist das Tessin dran»

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Mögliche Nachfolgerinnen und Nachfolger

3:02 min, aus 10vor10 vom 14.6.2017

  • Der freiwerdende Sitz im Bundesrat gehört der lateinischen Schweiz. Darin sind sich nach dem überraschenden Rücktritt von FDP-Bundesrat Didier Burkhalter viele einig.
  • Ein Name fällt dabei besonders oft: Der des Tessiner FDP-Nationalrats Ignazio Cassis. Seine Parteikolleginnen und -kollegen rechnen ihm gute Chancen auf eine Wahl aus.
  • Der 56-Jährige selbst hat aber noch nicht entschieden, ob er kandidieren möchte.

Wird ein Sitz im Bundesrat frei, lassen die Ansprüche nicht auf sich warten. Allen voran heisst es jetzt, das Tessin sei wieder dran – nach 18 Jahren ohne Vertretung in der Landesregierung. Die Präsidentin der italienischsprachigen Parlamentarier, Nationalrätin Roberta Pantani von der Lega dei Ticinesi, sagt: «Das wäre wirklich eine gute Gelegenheit.» Und wenn von Tessiner Kandidaten die Rede ist fällt immer nur ein Name: der von FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis.

Er selbst unterstützt die Forderung nach einem Tessiner Bundesrat: «Ich gehe davon aus, dass sich das Tessin – wie in den letzten zehn Jahren – auch diesmal melden wird. Aber sich zu melden, heisst noch nicht zu gewinnen», gibt er zu bedenken.

Cassis

Bildlegende: Ignazio Cassis wird als Nachfolgekandidat für den zurücktretenden Didier Burkhalter gehandelt. Keystone

Kandidatur nicht ausgeschlossen

Über seine eigenen Ambitionen sagt Cassis: «Es kommt wirklich darauf an, was will ich in meinem Leben – in meinem Privat- und öffentlichen Leben. Ich überlege, welche anderen Möglichkeiten, welche anderen Wege für mich vorne stehen, dann werde ich einen Entscheid treffen.» Das passiere sicher nicht heute.

Er wolle sich nicht festlegen. Cassis sagt aber auch: «Ich schliesse eine Kandidatur nicht aus.» Andere in der Fraktion äussern sich da schon überzeugter.

  • Nationalrätin Doris Fiala (FDP/ZH): «Wenn man daran denkt, wie lange das Tessin keinen Bundesrat mehr gestellt hat, ist es ganz eindeutig so, dass das eine gute Variante sein könnte. Und Ignazio Cassis geniesst grossen Respekt – nicht nur innerhalb unserer Fraktion, sondern wie ich denke auch im ganzen Parlament.»
  • Nationalrat Kurt Fluri (FDP/SO): «Von mir aus gesehen hat eine Kandidatur von Ignazio Cassis als Bundesrat grosse Vorteile. Er ist eine Integrationsfigur. Er ist perfekt dreisprachig und hat eine grosse Kenntnis von allen möglichen Dossiers.»

Der Tessiner alt Nationalrat Fulvio Pelli, der bei früheren Bundesratswahlen auch schon als Favorit gehandelt worden war, nennt zwar keinen Namen. Doch auch er ist überzeugt: «Das Tessin muss sich jetzt auf einen Kandidaten festlegen, der alle überzeugt.» Wenn man sich jetzt verzettele, vergebe man eine Chance.

Die Parteileitung der FDP will heute Nachmittag über das weitere Vorgehen nach Burkhalters Rücktritt informieren. Dieser bleibt noch bis Ende Oktober im Amt.

Inlandredaktorin Géraldine Eicher zu Cassis' Chancen

Man muss vorausschicken: Favoriten haben es oft schwer. Wer am Anfang am heissesten gehandelt wird, kann sich am Schluss die Finger verbrennen. Das könnte auch Ignazio Cassis passieren. Seine Nachteile: Er hat sich schon Feinde im Bundeshaus geschaffen, etwa beim Thema Altersvorsorge. Die Abstimmung darüber und die Bundesratswahl sind fast zeitgleich, das könnte alte Wunden aufreissen.
Seine Vorteile: Er hat als Fraktionschef Führungserfahrung, ist ein gewiefter Taktiker, kann Koalitionen schmieden, ist dossiersicher und dreisprachig. Und er kommt aus dem Tessin, dem Kanton, der seit 18 Jahren auf einen Bundesratssitz wartet. Aber seine Herkunft kann auch ein Nachteil sein: Cassis wäre der dritte Lateiner im Bundesrat – neben Alain Berset und Guy Parmelin.

Seit Cotti kein Tessiner

Seit dem Rücktritt von Flavio Cotti 1999 haben acht Kandidaten aus der italienischsprachigen Schweiz versucht, in den Bundesrat gewählt zu werden; letztmals Staatsrat Norman Gobbi im Jahr 2015. Keiner schaffte es.