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Kampf gegen Windmühlen? Sturmlauf gegen zu hohe Krankenkassenprämien in Genf

Fast 600 Franken betragen die durchschnittlichen Krankenkassenprämien im Kanton Genf. Jetzt regt sich Widerstand.

Legende: Audio Aufstand gegen zu hohe Krankenkassenprämien abspielen. Laufzeit 05:14 Minuten.
05:14 min, aus Echo der Zeit vom 14.03.2018.

Ein schmuckloses kleines Studio gleich hinter dem Genfer Bahnhof. Drinnen steht ein übergrosser Tisch, darauf ein Teekrug und drei zierliche Schalen. Joëlle Combremont ist Töpferin. Aber der Beruf kommt gerade zu kurz.
«Der Protest hat sich ausgebreitet wie ein Tintenfleck auf einem Löschblatt», sagt sie.

Begonnen hat es letzten Herbst. Damals bekamen die beiden von ihrer Krankenkasse die Prämienerhöhung für dieses Jahr mitgeteilt. «Mit der Erhöhung ist das Limit überschritten worden», sagt Combremont.

Genug ist genug

Als alleinerziehende Mutter mit geringem Einkommen könne sie heute kaum noch die Lebensmittel bezahlen oder mit ihren Kindern mal auswärts eine Pizza Essen gehen. Von Ferien ganz zu schweigen.

Die Freundinnen gründeten eine Facebookgruppe , Link öffnet in einem neuen Fensterund fanden sich wenig später mit 800 Gleichgesinnten auf der Strasse wieder, zur ersten Demonstration gegen die Prämien. Patricia Leoz sagt, sie seien völlig überrumpelt worden: «Ich habe ja noch nie zuvor so etwas gemacht, mich noch nie politisch engagiert.»

Die Langsamkeit der Politik ist unerträglich.
Autor: Joëlle CombremontAktivistin gegen die Prämienexplosion

Inzwischen haben sie mehrmals mit dem Genfer Gesundheitsdirektor Mauro Poggia gesprochen, Joëlle Combremont traf sogar Alain Berset.
Die beiden Frauen waren an einer grossen Fachtagung in Bern und hatten Kontakt mit sämtlichen Parteien in Genf.

Screenshot Facebook
Legende: Auf Facebook rufen die beiden Frauen zum Protest auf. Screenshot Facebook

Ihre Erkenntnis: Die Politik sei überfordert. «Super, endlich eine Bürgerbewegung!», sagten ihnen die Politiker und freuten sich, dass sie die heisse Kartoffel jemandem weiterreichen könnten. Dabei wollen die beiden keine Anerkennung von den Parteien, sondern Lösungen. Und zwar schnell. «Diese Langsamkeit ist unerträglich», sagt Combremont.

Die Politiker sagten: Zuerst brauche es eine Gesetzgebung – und sie beide schlügen verzweifelt den Kopf gegen die Wand. «Denn im Herbst kommt die nächste Prämienerhöhung», schimpft Combremont. Die Frauen sprechen von einem Notfall – und fordern Notrecht: «Aber mit solider gesetzlicher Grundlage», ahmt Combremont die Politik nach.

In ihrem Lachen schwingt Verzweiflung mit. Zumal die Aktionen der Gruppe bisher nicht hoffen lassen, dass sie die nächste Prämienrunde verhindern könnten. Derzeit planen sie Demonstrationen in Genf und in Bern.
Ausserdem unterstützt die Bürgergruppe zwei bereits lancierte Volksinitiativen.

Die Prämien einfach nicht mehr zahlen?

Derweil schimpfen in ihrer Facebookgruppe die Mitglieder über die Ärztegehälter, gegen die Politik. «Die Leute sind gut informiert – und verzweifelt, weil sie zu Geiseln gemacht wurden», sagt Leoz. Man könne ja die Prämien nicht einfach verweigern. Aber genau das sei ihre erste Idee gewesen.

Und über einen Zahl-Boykott denken sie in der Gruppe offensichtlich intensiv nach. Aber das sei schwierig, weil die Versicherung obligatorisch sei. Man könne also nicht überhaupt nicht zahlen, sondern müsste das Geld auf ein Sperrkonto überweisen: «Das zu organisieren braucht sehr viel Überzeugungsarbeit und die Hilfe von Anwälten, die bereit sind, die Teilnehmenden gegen die Versicherungen zu verteidigen», sagt Leoz.

Am Ende nichts als Enttäuschung?

Wie weit werden die beiden Genferinnen mit ihrer Bürgerbewegung kommen? Was, wenn es keine sichtbaren Erfolge gibt? «Dann werden wir beide wie zwei Hexen auf den Scheiterhaufen geführt und verbrannt, weil wir die Menschen mit leeren Versprechen enttäuscht haben», behauptet Combremont.

Soweit wird es nicht kommen. Aber um tatsächlich etwas zu bewegen, müsste es den beiden Genferinnen gelingen, das Thema auch in andere Kantone zu tragen. Bisher ist der Funke allerdings noch nicht übergesprungen.

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31 Kommentare

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  • Kommentar von Pia Müller (PiMu)
    Ich frage mich schon seit Jahren: Wieso nehmen die Patienten alles auf sich bezügl. KK-Kosten. Die Leistungen werden seit Jahren für den Patienten gekürzt - nur noch ambulant statt stationär - nur noch 3 Tage im Spital auch nach grösseren OP's. Alles gegen den Patienten, obwohl die Prämien ins Unendliche steigen. Die Politiker und der BR stützen den Verursacher (KK's, Spitäler und deren Ärzte). Und der Patient zahlt und zahlt für nichts mehr !!
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  • Kommentar von Ulrich Zimmermann (Crocc)
    Nur wenn jeder Patient die Kosten mitbestimmen kann, können die Gesamtkosten sicken. Deshalb sollte jeder seine Auslagen bis max. 3600.- CHF jährlich selbst bezahlen. Höhere Kosten, wie Spital, übernimmt dann eine solidarische Risikoversicherung mit kleinen Prämien bei der KK, die dabei viel Verwaltungsaufwand einspart.
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  • Kommentar von Leander Eyer (Leander)
    Ja, es ist eine obligatorische Versicherung. Aber das Schwert schneidet in zwei Richtungen: Jeder muss eine Krankenkasse haben, aber die Krankenkasse muss auch jeden aufnehmen. Wenn wir für beide Seiten den Vertragszwang aufheben wird niemand mehr chronisch Kranke versichern. Die Lösung liegt nicht bei der Bezahlung, sondern bei den Leistungen. Wir müssen überall in unserem Leben effizient mit unseren Mitteln umgehen. Irgendwann werden wir auch im Gesundheitswesen damit anfangen müssen.
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    1. Antwort von Walter Freiburghaus (sophisticated)
      Die Lösung liegt insofern bei der Bezahlung, als es dringend eine Einheitskasse braucht. Damit fallen schon viele unsinnige Ausgaben weg. Ueber 60 mal CEO-und Kaderlöhne, Provisionen für Makler und Agenten um dich bei deiner Kasse abzuwerben, uvm. Allein daran kann man sehen, wie krank unser Gesundheitswesen ist.
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    2. Antwort von antigone kunz (antigonekunz)
      ...und woran genau denken Sie Herr Eyer?
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    3. Antwort von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
      Es gibt viele Baustellen, an denen man sparen könnte: Weshalb muss jeder Kanton sein eigenes Kantonsspital haben? Weshalb braucht es in der CH 3 Herzzentren, wo eines genügen würde? Weshalb zahlen die KK jede noch so unsinnige Untersuchung (siehe speziell Privatpatienten)? Weshalb zahlen die KK keine Medikamente aus dem Ausland, sondern nur die masslos überteuerten aus der CH? Weshalb kosten 3 Wochen Spitalaufentalt in DE eben so viel wie 3 Tage in der Schweiz? (mir passiert ...)
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