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Lebenslängliche Störung «Pädophile sind nicht per se Monster»

Pädophilie ist nicht heilbar. Doch laut den Gutachten soll der mutmassliche Täter von Rupperswil therapierbar sein. Psychologin Monika Egli, die seit Jahren mit Pädophilen arbeitet, erklärt, was darunter zu verstehen ist.

Monika Egli-Alge

Monika Egli-Alge

Psychologin

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Monika Egli-Alge ist Fachpsychologin Psychotherapie und Rechtspsychologie FSP, Zertifizierte Gutachterin SGRP und Geschäftsführerin des Forensischen Instituts Ostschweiz (Forio). Sie therapiert unter anderem seit 14 Jahren Pädophile.

SRF News: Wie viel Prozent der Männer haben eine pädophile Neigung?

Monika Egli-Alge: Man schätzt, dass etwa ein Prozent der Männer sich zu Kindern hingezogen fühlen. Das sind Hochrechnungen aufgrund von Studien. Mit andern Worten, die Störung tritt etwa gleich häufig auf wie Schizophrenie. Allerdings lebt über die Hälfte dieser Männer ihre sexuelle Ausrichtung nicht aus.

Warum kann eine pädophile Neigung nicht wegtherapiert werden?

Das weiss man nicht. Auch die Ursachen sind nicht wirklich klar. Man weiss aber, dass die Ausrichtung lebenslänglich bleibt.

Ab wann gilt denn ein Täter als fertig therapiert?

Erstes Ziel einer Therapie ist, dass der Patient weder Kinderpornografie konsumiert noch sich an Kindern vergeht. Zweites Ziel: Der betroffene Mann akzeptiert seine Ausrichtung. Therapieziel drei ist das Bewältigen des Alltags. Therapiert ist ein Mann, wenn er ein tadellos funktionierendes Risikomanagement hat.

Viele Pädophile kommen immer wieder zu uns.

Dazu gehört auch, dass ein Betroffener selber merkt, wenn sein Leidensdruck wieder grösser wird, wenn Ängste oder auch Fantasien wieder zunehmen. Die Betroffenen wissen, dass sie in einem solchen Fall freiwillig zu uns kommen sollen. Viele kommen deshalb auch immer wieder zu uns.

Wie sieht ein solches Risikomanagement aus?

Das ist sehr individuell. Die sicherste Strategie ist das Vermeiden bestimmter Situationen. Also etwa, dass ein Betroffener nicht mehr in Hallenbäder geht, wo er Buben in Badehosen sieht. Dass einer keine Vereinsarbeit mit Kindern macht. Oder dass ein Patient kein Smartphone besitzt, um den Konsum von Pornobildern zu vermeiden.

Für mich tönt das ein bisschen wie wenn man eine noch nicht scharf gemachte Handgranate auf einem öffentlichen Platz liegen lässt.

Als Therapeut kann man keine 100-, 90- oder auch nur 60-prozentige Garantie geben, dass ein Betroffener nicht Täter wird. Wir können die Zukunft nicht vorhersehen. Es handelt sich hier um Menschen, nicht um programmierbare Roboter. Sicher ist aber: Mit einer Therapie ist ein Täter schon viel besser gewappnet als ohne.

Muss man als Mutter Angst um seinen Bub haben, wenn dieser so einem therapierten Mann alleine begegnen würde?

Im Prinzip ja, das muss eine Mutter beunruhigen. Allerdings werden bei sexuellem Missbrauch zwei Drittel der Taten von Nicht-Pädophilen im nahen Umfeld der Kinder begangen, ein Drittel von Pädophilen. Und nochmals, es ist möglich, sein eigenes Verhalten zu kontrollieren. Ein Therapierter hat gelernt und geübt, sein Verhalten zu kontrollieren. Darauf vertrauen wir. Aber wichtig ist, was er später aus dem bei uns Erlernten macht. Das kann ich nicht kontrollieren. Das ist in der Verantwortung der Betroffenen selber.

Könnte hier nicht die medikamentöse Kastration hilfreich sein?

Das macht man nur bei besonders schweren Fällen, bei Menschen mit einem starken Trieb. Die Männer können mit triebhemmenden Medikamenten sexuelle Erregung nicht mehr so gut spüren.

Der Trieb lässt sich nicht ganz unterdrücken.

Das Problem ist, dass die Fantasie auch mit Medikamenten bleibt. Man muss sich das ein bisschen wie Hunger vorstellen. Auch mit Medikamenten bekommt man Lust auf das Salamibrot, das direkt vor einem auf dem Teller liegt. Der Trieb lässt sich nicht ganz unterdrücken.

Die Betroffenen dürfen also ihre Sexualität nicht mehr ausleben. Das stelle ich mir schwierig vor.

Es ist tatsächlich schwierig. Wir haben oft die Situation, dass die Betroffenen schwere Depressionen haben oder in schwere persönliche Krisen geraten, auch suizidal werden. Wenn ein Pädophiler nicht auf erwachsene Sexualpartner ausweichen kann – was meistens der Fall ist –, bleibt oft nur der Verzicht auf gelebte Sexualität.

Ist die Rückfallgefahr bei einem Täter höher, der sich schon einmal an einem Kind vergriffen hat?

Auf jeden Fall. Die meisten wissen, dass sie einem Kind Schaden zufügen, wenn sie sexuelle Handlungen mit diesem durchführen. Es braucht also viel, diese Schwelle zu überschreiten. Wenn allerdings ein Täter diese Grenze einmal überwunden hat, wird er sie ein nächstes Mal leichter missachten. Der Täter will die Belohnung, die er damals erhalten hat, wieder abholen. Das ist oft vergleichbar mit einer Sucht.

Die meisten therapiewilligen Täter erhalten in unserer Gesellschaft – vorausgesetzt sie sind jung – ein Recht, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen. Ihr Grundrecht kollidiert mit der Sicherheit unserer Kinder.

Ich möchte kurz einen Schwenker machen zu der Angst als Eltern. Ich habe auch Buben. Die meisten sexuellen Vergehen an Kindern werden – wie schon erwähnt – von Menschen in ihrer nahen Umgebung gemacht, von Nicht-Pädophilen. Man spricht von so genannten Ersatztätern.

Die grösste Angst müssen Eltern vor Tätern aus ihrer nächsten Umgebung haben.

Das Opfer ist also ein Ersatz für nicht vorhandene erwachsene Sexualpartner. Die grösste Angst müssen Eltern also vor Tätern aus ihrer nächsten Umgebung haben. Aber zurück zu den Pädophilen: Es ist ein schwieriger Grundkonflikt, den Sie ansprechen. Der Schweregrad der Tat oder Taten sowie der Grad der Störung oder Störungen entscheidet, ob jemand lebenslänglich weggesperrt wird.

Im Fall von Rupperswil werden die Richter noch entscheiden. Aber alle Pädophilen werden nicht eingesperrt. Wie gehen wir damit um?

Der Fall von Rupperswil ist in seiner ungeheuerlichen Grausamkeit aussergewöhnlich. Ich nehme diesen Mann nicht in Schutz. Pädophile sind aber nicht per se Monster. Sie haben eine Störung, die sie nicht selbst gewählt haben. Je weniger wir solche Menschen verteufeln, desto eher können sie offen darüber sprechen. Je eher jemand über seine Störung spricht und sich therapieren lässt, desto niedriger ist die Chance, Täter zu werden.

Das Gespräch führte Christa Gall.

In eigener Sache

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Redaktion SRF News

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