Zum Inhalt springen

Schweiz Lehrlinge im Stress – Tausende brechen ab

Den falschen Beruf gewählt, am Arbeitsplatz schlecht betreut, als Handlanger ausgenützt: Fast jeder dritte Lehrling auf dem Bau und in der Gastronomie bricht seine erste Lehre ab. Was läuft schief?

Legende: Video Lehrabbruch – in der Schweiz keine Seltenheit abspielen. Laufzeit 17:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 04.11.2015.

Fast zwei Jahre lang biss sich der Strassenbaulehrling Michele durch. Dann ging es nicht mehr: «Der Rücken machte nicht mehr mit, und ich bekam Depressionen.» Der heute 22-jährige Zuger beendete eine Lehre, die diesen Namen kaum verdiente.

Egal ob es schneite oder regnete – ich war am Schaufeln, die andern machten Pause.
Autor: MicheleLehrling im Strassenbau

Wie die «Rundschau» berichtet, wechselten Micheles Lehrmeister ständig. Niemand kümmerte sich um ihn. Stattdessen missbrauchte man ihn als billige Arbeitskraft: «Über ein Jahr lang machte ich nichts anderes als Handsondierungen, also Gräben schaufeln. Egal ob es schneite oder regnete – ich war am Schaufeln, die andern machten Pause.»

Studie deckt Missstände auf

Schlechte Ausbildungsbedingungen sind ein Hauptgrund für die hohen Abbruchquoten im Baugewerbe. Zudem landen gerade auf dem Bau oft Jugendliche, die sonst nirgends unterkommen. Sie brechen bei auftauchenden Problemen die Lehre schneller wieder ab, als solche, die sorgfältig ausgewählt haben. Das sagt eine Studie im Auftrag des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV). 19 Prozent der Strassenbauer brechen laut der Studie ihre Lehre ab. Bei den Maurern sind es sogar 27 Prozent.

Baumeisterverband will Firmen aufrütteln

Der SBV will nun mit einer Kampagne die Unternehmen der Branche aufrütteln. «Die Betriebe müssen jetzt Gas geben, wenn sie weiterhin qualifizierten Nachwuchs wollen», fordert Patrizia Hasler, die Projektleiterin beim SBV. «Das heisst, sie müssen genau prüfen, ob sie sich trotz des Termindrucks auf dem Bau genug Zeit nehmen für die Ausbildung.»

Zwei junge Männer heben auf einem Dach ein Solarpanel vom Palett
Legende: Lehrabbrüche sind auch im Baugewerbe nicht selten. Aber: Jeder Vierte der Lehrlinge findet leider keine Anschlusslösung. Keystone

Zudem müssten sie schon bei der Rekrutierung besser hinschauen, ob sich der Bewerber wirklich eigne, sagt Hasler. Mit Workshops für die Ausbildner und Fragebogen für die Lehrlingsauswahl unterstützt der SBV die Unternehmen.

Vorbereitung der Berufswahl verbessern

Berücksichtigt man alle Lehrberufe, werden im Durchschnitt jährlich 10 Prozent der Lehrverträge aufgelöst, schätzt Theo Ninck, der Präsident der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz SBBK. Zu denken gibt Ninck, dass von rund 20’000 Lehrabbrechern etwa ein Viertel keine Anschlusslösung finden.

Ihnen droht der Abstieg zum Sozialfall. «Der Berufswahlvorbereitungsprozess in der Schule ist enorm wichtig, damit die Schüler besser wissen, worauf sie sich einlassen», sagt Theo Ninck. «Wenn die Jugendlichen schon vor Lehrantritt ein realistisches Bild über ihren Lehrberuf haben und über Schlüsselkompetenzen wie Einsatzfreude, Verantwortungsbewusstsein und Pünktlichkeit verfügen, ist das Risiko eines Abbruchs deutlich kleiner.»

Der Chef sagte mir, ich sei einfach eine billige Arbeitskraft. Ausgebildet wurde ich überhaupt nicht.
Autor: KerstinLehrling in der Gastronomie

Zu den Branchen mit den höchsten Abbruchquoten gehört auch die Gastronomie. Jeder dritte Lehrling schmeisst den Bettel vorzeitig hin, so wie die 20-jährige Kerstin. «Der Chef sagte mir, ich sei einfach eine billige Arbeitskraft. Ausgebildet wurde ich überhaupt nicht.» Zusammen mit Kollegen beschwerte sich Kerstin beim Berufsbildungsamt. Das Amt büsste schliesslich den Lehrbetrieb und entzog ihm die Ausbildungsbewilligung.

Erste Erfolge mit «Qualigastro»-Projekt

Kerstin kann nun ihre Lehre in einem Thuner Restaurant fortsetzen. Dieser Betrieb macht mit am Projekt «Qualigastro», mit dem der Kanton Bern die Zahl der Lehrabbrüche senken will. «Qualigastro» verpflichtet die Ausbildner zu regelmässiger Weiterbildung und unterstützt die Betriebe bei Problemen mit den Lernenden. Mit messbarem Erfolg: Im Kanton Bern sank die Lehrabbruchquote in der Gastronomie in den letzten drei Jahren von 30% auf 18%.

Die Teilnahme an «Qualigastro» ist allerdings freiwillig. Gerade Lehrbetriebe, in denen die Ausbildungsqualität besonders schlecht ist, lassen das Projekt meist links liegen.

22 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von thomas beyeler (Thom)
    Wir haben nur DIESE Jugend, wir haben keine andere! Also: was machen wir für die Zukunft? Könnte es sein, dass unser Berufsbildungssystem BISHER weltklassig war aber in Zukunft nicht mehr? Bekanntlich macht man die schwersten Fehler, solange man Erfolg hat... (Sprichwort aus dem Fussball).
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von S. Meier (SM)
    Die Lehre, wie wir sie heut kennen, sollte durch Berufsbildungsschulen ersetzt werden, wo die Lernenden gegen Ende der Ausbildung ein Praktium absolvieren können. Die Jungen sind in vielen Lehrbetrieben Willkür ausgesetzt. Ausbildner sollten einer gründlichen charakterlichen Prüfung unterzogen werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Manuel Rohrbach (Manuel Rohrbach)
    Ich habe als Mediamatiker in einer Agentur erlebt, wie die Chefs mich schamlos ausgenutzt haben. Ich hatte ein Lehrmeister, der kaum um mich gekümmert hatte und ständig weg war. Ausserdem musste ich mehrmals bis um 22h arbeiten während alle andere Mitarbeiter zu Hause waren. Dazu hat meine Chefin mich als "marktwirtschaftlich gesehen wertlos" bezeichnet. Das nenn ich keine Ausbildung, nur eine Ausnützung als billige Arbeitskraft!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen