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Bergsturz in Bondo «Mit dem Murgang haben wir nicht gerechnet»

Es wird noch sehr lange dauern, bis sich die Lage am Piz Cengalo beruhigt hat, sagt der leitende Geologe in Bondo.

Legende: Video Geologe: «Es gab ein ganz aussergewöhnliches Ereignis» abspielen. Laufzeit 02:26 Minuten.
Aus Tagesschau vom 26.08.2017.

SRF: Sie sind als leitender Geologe heute ins Gebiet geflogen. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Yves Bonanomi: Wir sehen vor Ort, dass noch minütlich bis stündlich ganz kleine Blockstürze und Steinschläge herunterkommen. Das gehört dazu nach einem solchen Ereignis. Wir haben aber auch Felsbereiche gesehen, die haben offene Klüfte und wir gehen davon aus, dass hier noch eine Million Kubikmeter absturzgefährdet ist.

Es kann täglich passieren.
Autor: Yves BonanomiLeitender Geologe am Piz Cengalo

In welchem Zeitraum könnte sich das Material ins Tal herunterbewegen?

Das können wir im Moment ohne Messungen noch gar nicht sagen. Wir haben einfach ein Szenario: Es kann täglich passieren.

Gibt es auch ein Worst-Case-Szenario?

Nein, eigentlich nicht. Es könnte ein bisschen mehr sein als erwartet, aber das würde immer noch im Rahmen dieser einen Million Kubikmeter liegen. Sicherlich nicht in dem Rahmen der bisherigen Stürze.

Direkt vor Ort geht im Moment niemand, das wäre viel zu gefährlich.
Autor: Yves BonanomiLeitender Geologe am Piz Cengalo

Sie konnten nun erst über das Gebiet fliegen, um Eindrücke zu sammeln. Ab wann kann man ins Gelände reingehen, um Messungen vornehmen?

Das muss ich präzisieren: Direkt vor Ort geht niemand, das ist viel zu gefährlich. Man kann sich dem Gebiet aber bis auf eine gewisse Distanz annähern. Wir werden morgen dorthin gehen und Messungen machen mit Radargeräten und «Laser Scanning».

Und was hoffen Sie aus diesen Messungen erfahren zu können?

Aus dem «Laser Scanning» erfahren wir die exakte Ausbruchskubatur, die am Mittwoch als Bergsturz ausgebrochen ist. Und mit dem Radar wollen wir auffällige Bewegungen der noch hängenden Massen feststellen.

Dass der Berg in Bewegung ist, wusste man seit einiger Zeit, dass was kommt auch. Haben Sie ein solches Ereignis wie am Mittwoch erwartet?

Etwa Mitte August hat das Geologenteam und der Leiter des Amts für Wald- und Naturgefahren mit mir zusammen entschieden, dass es aufgrund einer Befliegung und der jährlichen Messergebnisse, möglich wäre, dass in den nächsten Tagen bis Wochen ein Bergsturz niedergehen könnte.

Aber dass gleich vier Millionen Kubikmeter auf einmal herunterkommen, das hat auch sie überrascht?

Nein, wir haben ebenfalls Mitte August eine Sturzsimulation mit unseren Rahmenbedingungen in Auftrag gegeben, um die Reichweite abzuschätzen, damit wir den Gefahrenbereich kennen. Und wir haben 3,7 Millionen Kubikmeter als Eingabeparameter eingegeben. Und das Ereignis vom Mittwoch zeigt, sowohl die Kubatur wie auch die Reichweitenabschätzung waren korrekt.

Es wird wohl noch sehr lange dauern, bis sich die Lage hier ganz beruhigt hat.
Autor: Yves BonanomiLeitender Geologe am Piz Cengalo

Gab es Dinge, die am Ereignis am Mittwoch dann doch aussergewöhnlich waren?

Ja, es gab ein ganz aussergewöhnliches Ereignis. Und zwar das gleichzeitige Auslösen eines sehr grossen Murgangs, der hier bis ins Tal heruntergeflossen und in den Geschiebesammler von Bondo eingeflossen ist.

Wieso war das aussergewöhnlich?

Weil normalerweise gibt es einen Bergsturz, der sich im bekannten, abgeschätzten Bereich ablagert. Murgänge werden erst später durch starken Niederschlag ausgelöst. Wir haben das hier in Bondo bereits 2011 beziehungsweise mit den Murgängen 2012 so erlebt.

Zum Schluss: Wie ist Ihre Gesamtbeurteilung der Lage in dieser Gegend, in diesem Tal rund um diesen Piz?

Es wird in nächster Zeit noch zu kleineren bis grösseren Felsstürzen kommen. Und es wird wahrscheinlich sehr lange dauern, bis sich die Lage hier am Cengalo ganz beruhigt hat. Ich bin relativ häufig hier in Bergell im Einsatz, da es hier oft zu Steinschlägen, Blockschlägen oder kleineren Felssturzereignisse kommt. Zum Glück nicht in den bewohnten Gebieten. Auch hier in Bondo war nie eine Gefährdung direkt durch den Bergsturz vorhanden. Aber es sind natürlich Wanderwege betroffen, und da muss man entsprechend reagieren.

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