Neues Lohnsystem für Ärzte: Die Quadratur des Kreises?

Wie viel soll ein Arzt verdienen? Mit einem neuen Lohnsystem wollen die Ärzte eine Antwort auf diese Frage gefunden haben: Es soll mehr geben für Hausärzte und gleich viel für Spezialisten. Trotzdem sollen die Prämien nicht steigen. Die Krankenkassen wollen das nicht recht glauben.

Behandlung beim Hausarzt: Ein Mann sitzt auf einer Untersuchungsliege.

Bildlegende: Behandlung beim Hausarzt: Das neue Lohnsystem für die Ärzte provoziert Kritik. Keystone

Heute lohnt es sich, wenn ein Arzt kein Wort mit seinem Patienten wechselt, sondern ihn stattdessen gleich an eine Maschine anschliesst – zumindest aus finanzieller Sicht. «Wenn der Arzt zwanzig Minuten mit einem Patienten spricht, wird er nur für 17,5 Minuten entschädigt», erklärt Urs Stoffel von der Ärztevereinigung FMH. Das Patientengespräch wird schlechter bezahlt – ein Grund, warum Hausärzte, die meistens mehr reden als röntgen, weniger verdienen als hoch spezialisierte Mediziner, die oft teure Geräte einsetzen.

Eine andere unfaire Praxis: Viele Eingriffe, zum Beispiel das Einsetzen einer Linse ins Auge, gehen heute schneller als vor 20 Jahren, das Lohnsystem hat man aber nie angepasst. Resultat: Ärzte kassieren für bestimmte Behandlungen, die nur noch 20 Minuten dauern so viel Geld, als hätten sie 40 Minuten dafür aufgewendet.

Alles soll besser werden

Jetzt soll alles besser werden: Die Ärzte haben einen neuen Tarmed-Tarif entwickelt – so heisst ihr Lohnsystem. Es sei fair, sagt FMH-Präsident Stoffel. «Die Zeit, die ein Arzt etwa mit einem Patientengespräch verbringt, wird im neuen System auch fair abgegolten.»

Berücksichtigt haben die Ärzte auch, dass Personal heute mehr kostet als vor 20 Jahren und dass es neue technische Möglichkeiten gibt. Unter dem Strich, sagt Urs Stoffel, würden Hausärzte in Zukunft mehr verdienen, Spezialisten insgesamt nicht weniger. Gleichzeitig ziehe das neue Lohnsystem aber keine höheren Krankenkassenprämien nach sich. «Bei der Revision wurde berücksichtigt, dass durch die neue Tarifstruktur kein Prämienschub zustande kommt», sagt Stoffel. Die Ärzte hätten damit die Quadratur des Kreises geschafft.

Die Krankenkassen sind skeptisch

Unmöglich, finden die Krankenkassen, die das neue Lohnsystem bereits angeschaut haben und es in nächster Zeit noch genau prüfen wollen. «Wenn man das Volumen auf dem gleichen Niveau hält, kann es auf der einen Seite nur Verlierer und im gleichen Ausmass auf der anderen Verlierer geben», sagt etwa Pius Zängerle, der Direktor des Krankenkassenverbands Curafutura. Zängerle glaubt, dass die Spezialärzte ganz einfach mehr machen werden – mehr Untersuchungen, mehr Eingriffe – sollten sie in Zukunft pro Behandlung weniger Geld erhalten.

Genau das sei nämlich bereits 2014 passiert. Damals hatte der Bundesrat genug davon, dass die Ärzte kein neues Lohnsystem zustande brachten – und er verfügte folgendes: Hausärzte bekommen 200 Millionen Franken mehr, dafür müssen die Spezialisten mit Einbussen leben.

Neue Zahlen zeigten nun, dass die Spezialisten dies anderweitig kompensiert hätten, so Zängerle. «Insofern hat dieser Tarifeingriff wahrscheinlich nicht das gebracht, was man sich vorgestellt hat.» Das Bundesamt für Gesundheit bestätigt diesen Eindruck des Krankenkassen-Direktors.

Internes Papier sorgt für Unruhe

Beunruhigt mit Blick auf die Prämien sind die Krankenkassen und der Bund auch wegen gewisser Passagen, die sich in einem internen Informationsschreiben der Ärztegesellschaft FMH finden. Dort steht, dass die Einbussen, die einige Spezialisten aufgrund des neuen Tarmed-Lohnsystems wohl hinnehmen müssten, wieder kompensiert werden sollten. Und zwar in den Lohnverhandlungen mit den Kantonen, die zentral sind. Dort entscheidet sich nämlich, wie viel Lohn die Ärzte tatsächlich erhalten.

Noch einmal die Frage an FMH-Mann Urs Stoffel: Besteht die Gefahr, dass die Krankenkassenprämien wegen des neuen Lohnsystems für Ärzte steigen? Wegen des Systems an sich nicht, sagt Urs Stoffel. Aber wie es sich auswirke, liesse sich erst dann sagen, wenn es in Kraft sei. «Die Nachfrage, die Demographie und die medizinischen Fortschritte werden durch den Tarif natürlich nicht beeinflusst.»

Im Frühling stimmen die Mediziner wohl über ihr neues Lohnsystem ab. Wenn sie Ja sagen, müssen sich auch noch Krankenkassen und Spitäler dazu äussern. Der Bund untersucht es dann ab Ende Juni. Und bis der Bundesrat die neuen Tarife schliesslich absegnet, dürfte es angesichts der Uneinigkeit noch eine ganze Weile dauern.