Personen-Freizügigkeit: Arbeitsmarkt bleibt attraktiv

Im internationalen Vergleich war die Nettozuwanderung in die Schweiz im Jahr 2014 stark. Der Wanderungssaldo fiel mit 73'000 Personen erneut hoch aus, wie der neuste Bericht des Seco zeigt. Wegen der ungleichen Wirtschaftsentwicklung kamen zuletzt mehr Zuwanderer aus Süd- und Osteuropa.

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Immer mehr Zuwanderer aus dem südlichen Europa

1:59 min, aus Tagesschau vom 23.6.2015

In der EU ist die Wirtschaftsentwicklung seit Ausbruch der letzten Wirtschaftskrise sehr unterschiedlich. Die Schweiz jedoch hat ein gutes Wachstum und eine stabile Arbeitsmarktentwicklung vorzuweisen.

Die ungleiche Wirtschaftsentwicklung innerhalb Europas spiegelt sich in der Zuwanderung in die Schweiz. So stieg der Wanderungssaldo von Personen aus Portugal, Italien und Spanien von 13‘500 im Jahr 2008 auf 22‘300 im Jahr 2014. Eine Zunahme des Saldos von 4600 auf 10‘500 war im gleichen Zeitraum infolge der schrittweisen Öffnung des Schweizer Arbeitsmarktes auch gegenüber den zehn osteuropäischen EU-Staaten festzustellen.

Demgegenüber verringerte sich die Nettozuwanderung aus Deutschland von 29‘000 auf 6800. Insgesamt belief sich der internationale Wanderungssaldo 2014 auf 73‘000 Personen, wovon 50‘600 aus EU/EFTA-Staaten stammten. Gegenüber dem Vorjahr ging damit der Wanderungssaldo von EU/EFTA-Staatsangehörigen um rund 25 Prozent zurück und kam damit leicht unter dem Durchschnitt der letzten sechs Jahre zu liegen.

Die Zuwanderung im Rahmen der Personenfreizügigkeit hat dabei das Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum hierzulande genährt, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mitteilt. Besondere Herausforderungen stellten sich vor allem in den Grenzregionen der lateinischen Schweiz, heisst es weiter. Im Tessin führte eine starke Zuwanderung von Arbeitskräften zu einem bedeutenden Zuwachs der Grenzgängerbeschäftigung.

Ein besonderes Augenmerk legt das Seco damit auf die Grenzregionen in der Romandie und im Tessin. Trotz der insgesamt erfreulichen Arbeitsmarktentwicklung könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Konkurrenz für die Ansässigen in einzelnen Regionen und Arbeitsmarktsegmenten stärker geworden sei.

Mehr als die Hälfte mit Uni-Abschluss

Nach wie vor handelt es sich bei der Zuwanderung aus dem EU-Raum in erster Linie um eine Arbeitsmigration. Das heisst: 2014 kamen rund 60 Prozent der Zuwanderer auf diesen Ländern wegen der Arbeit in die Schweiz.

Gemäss dem Bericht hat sich die Qualifikationsstruktur der zugewanderten Arbeitskräfte aber kaum verändert: Nach wie vor haben mehr als die Hälfte der Zuwanderer aus EU/EFTA-Ländern einen Universitätsabschluss oder eine andere tertiäre Ausbildung. Auch stieg die Arbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise kaum an. Nur Norwegen hat im EU/EFTA-Raum eine noch tiefere Erwerbslosenquote.

Trotz dieser an sich günstigen Entwicklung bleibt das Seco wachsam: Die nach wie vor starke Zuwanderung und die eingetrübten Konjunkturaussichten machten die fortlaufende Beobachtung der Arbeitsmarktentwicklung nötig, heisst es in einer Mitteilung. Sehr hohe Priorität habe auch die Kontrolle und Durchsetzung der Lohn- und Arbeitsbedingungen im Rahmen der flankierenden Massnahmen.

Die Aufwertung des Frankens hat den Schweizer Arbeitsmarkt für Zuwanderer und Grenzgänger noch attraktiver gemacht. Im Tessin seien heute mehr als ein Viertel, in Basel-Stadt und Genf je knapp ein Fünftel aller Erwerbstätigen Grenzgänger, schreibt das Seco. Das könnte sich auch auf die Löhne und die Erwerbslosenquote ausgewirkt haben.

Seco-Staatssekretärin: «Zuwanderung fördert den Wohlstand»

Die Schweiz blicke auf 13 Jahre mit einer starken Zuwanderung zurück, sagte Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch vor den Medien in Bern. Gleichzeitig seien es Jahre des guten und soliden Wirtschaftswachstums gewesen. Dass die gute Wirtschaftsentwicklung ohne Nutzen für den Einzelnen sei, treffe nicht zu: Der Wohlstand pro Kopf habe zugenommen. «Wir werden immer auf Zuwanderung angewiesen sein», unterstreicht Ineichen-Fleisch denn auch im Gespräch mit SRF News. Konkret helfe diese, den Fachkräftemangel zu beheben, zudem sei die Zuwanderung eine Stütze für den Konsum und kurble die Wirtschaft an. Mit Blick auf negative Begleiterscheinungen wie im Tessin räumt Ineichen-Fleisch ein, dass ein gewisser Druck auf die Löhne da sei. «In gewissen Regionen haben das Grenzgängertum und die Einwanderung stark zugenommen, diese Arbeitsmarktsituation müssen wir anschauen. Wenn Missbräuche festgestellt werden, muss man die entsprechenden Entscheide treffen.» Das sei aber Sache der Kantone und nicht des Bundes.