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Schweiz «Psychisch kranke Menschen tragen oft eine doppelte Last»

Psychisch Kranke leiden nicht nur unter ihrer Behinderung, sondern häufig auch an der Stigmatisierung. Sie werden oft nicht ernst genommen, obwohl sie dringend Hilfe benötigen würden. Mark Zumbühl von Pro Infirmis weiss: Das Wichtigste und aller Anfang ist – miteinander reden.

Der diesjährige Internationale Tag der behinderten Menschen, 3. Dezember 2014, steht unter dem Motto: «Wir reden mit!». Mark Zumbühl von Pro Infirmis erklärt, wie das Kompetenzzentrum gegen die Stigmatisierung von psychisch kranken Menschen kämpft – und weshalb es so wichtig ist, Menschen, deren Behinderung nicht sichtbar ist, zu unterstützen.

SRF: Mark Zumbühl, was ist das Ziel der diesjährigen Kampagne von Pro Infirmis vom 3. Dezember?

Mark Zumbühl: Wir machen seit Jahren mit solchen Aktionen auf die Anliegen von Menschen mit Behinderung aufmerksam. In diesem Jahr stehen Menschen mit psychischen Behinderungen im Fokus, da man ihnen ihr Leiden nicht ansieht. Unser Spot, welcher ab Mittwoch im Internet zu sehen ist, hat Depression zum Thema, weil diese Diagnose enorm viele Menschen derart heftig trifft, dass sie selber und auch ihr Umfeld oft komplett aus der Bahn geworfen werden. Wir wollen sensibilisieren und entstigmatisieren.

Erklären Sie.

Eine psychische Behinderung ist unsichtbar, daher werden die Leiden dieser Patienten oft nicht ernst genommen. Menschen mit psychischer Behinderung, besonders Depressionspatienten, werden von ihrem Umfeld oft mit der Bemerkung konfrontiert: «Reiss dich halt zusammen – ich war auch schon mal traurig!» Diese Person ist aber nicht nur «einfach traurig», sie ist unter Umständen schwer krank. Ihre Krankheit wird nicht ernst genommen – diese doppelte Last ist sehr schwer zu tragen.

Warum sind psychisch Kranke oft mit so viel Unverständnis konfrontiert?

Weil solche Diagnosen im Umfeld oft enorme Unsicherheiten und diffuse Ängste wecken. Zudem hat die ganze politisierte Diskussion um so genannte «Scheininvalide» psychisch Beeinträchtigte in ein schräges Licht gerückt. Wie bereits erwähnt, ist ihre Behinderung nicht sichtbar, ihr Schmerz nicht messbar. Gerade darum müssen sie sich häufig gegen den Vorwurf des Betrügens, des Erschleichens von Sozialleistungen wehren. Diese Patienten sitzen nicht im Rollstuhl und trotzdem brauchen sie oft genauso dringend Hilfe.

Die meisten Neu-Berentungen bei der IV werden Patienten mit psychischen Behinderungen zugesprochen…

Korrekt. Und natürlich kommt es auch zu Missbrauch. Überall wo Geld vergeben wird, muss damit gerechnet werden, dass auch Betrug stattfindet. Aber Betrugsfälle werden oft unverhältnismässig aufgeblasen. Es ist ein verschwindend kleiner Anteil an der gesamten Zahl von Betroffenen. Viel wichtiger wäre, im Gespräch zu bleiben.

Mit Verlaub, der Ansatz, man muss einfach mit psychisch Kranken reden, scheint mir jetzt doch etwas gar schlicht…

Absolut nicht. Darüber zu sprechen ist ein Anfang, das Wichtigste. Haben Sie einen Kollegen am Arbeitsplatz, der regelmässig wochenlang krank ist? Sprechen Sie mit ihm oder ihr. Eventuell lässt sich bei rechtzeitigem Reagieren Schlimmeres abwenden. Dies müssen auch Arbeitgeber realisieren. Unsere Gesellschaft täte gut daran mit Menschen, die am Leben leiden, behutsamer umzugehen.

Das Interview führte Andrea Christener.

Mark Zumbühl ist Mitglied der Geschäftsleitung von Pro Infirmis (Kompetenzzentrum für Fragen rund um Behinderung). Pro Infirmis kümmert sich um die Anliegen von Menschen mit Behinderung in der ganzen Schweiz. Die neue Kampagne «Ich bin leer» startet am 3. Dezember 2014.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von A.Käser, Zürich
    Das Ganze hat noch eine weitere Perspektive.Wieso ZWINGT die Gesellschaft,den Menschen zu leben?Eine"ethische Ansicht",die vorwiegend durch die Religionen etabliert,"eingefordert"worden ist.Mitnichten,ohne uneigennützige Hintergedanken,wie die Geschichte beweist.Das Leben,bzw.dessen Verlust,als Mittel zur Repression.Gehorsam erzwungen über Folter(um den Tod zu sublimieren)und Todesdrohungen.Wieso wird nicht,sowohl physisch als auch psychisch Kranken die Wahl gelassen,zu leben oder zu sterben?
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      Würdevoll leben oder sterben.Das Individuum sollte nicht versuchen müssen,sich risikoreich von seinem Leben zu"befreien".So wie es als normal erachtet wird,Kranken mit Medikamente und Operationen beiseite zu stehen,um ihr Leben erträglicher zu machen,sollte es legitim sein,diese"Hilfe"(Medikamente)für einen Abbruch der physischen Existenz,in Anspruch nehmen zu können.Anmassend und erdreistend ist von der Gesellschaft zu glauben,dem Individuum vorschreiben zu können,was es zu ertragen/dulden hat.
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  • Kommentar von Ernst Jacob, Moeriken
    Betrugsfälle werden oft unverhältnismässig aufgeblasen..., logisch, auch kleine Einbrüche, Ueberfälle, Verstösse, und vieles Anderes auch, was letztlich doch nur die ganz allein betrifft, die gegen Gesetze verstossen. Und dazu sind doch unsere Medien da, um mit Publikationen dafür zu sorgen, dass die Oeffentlichkeit über Misstände orientiert wird. Aber vielleicht sollte man derartige Publikationen generell verbieten, damit auch sicher niemand erfährt, wer das System betrügt. Mitleid, nicht Sühne
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  • Kommentar von M. Pestalozzi, Zürich
    Die Argumentation scheint mir völlig verquer. Die doppelte Last tragen de facto die Angehörigen und Mitmenschen der depressiven Personen. Z. B. der Arbeitskollege, der die Arbeit des Depressiven auch noch erledigen muss - und dann anscheinend noch mit ihm darüber sprechen soll. So übel das tönt: Die Gesellschaft will Beweise sehen, wenn die Leute sich "ausklinken" und nicht mehr am Erbringen von Leistungen beteiligt sind.
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