«Radikale Imame werden den Standort wechseln»

Mit der Schliessung der Al'Nur Moschee in Winterthur lässt sich der radikale Islamismus hierzulande nicht eindämmen. Davon ist der Undercover-Journalist Shams Ul-Haq überzeugt. Allerdings verschaffe der auslaufende Mietvertrag den Sicherheitsbehörden Zeit im Kampf gegen IS-Rekrutierer.

SRF News: Der Vermieter der berüchtigten Al'Nur Moschee in Winterthur will den auslaufenden Mietvertrag mit dem Gotteshaus nicht weiter verlängern. Damit droht der Al'Nur Moschee die Schliessung. Shams Ul-Haq, wie reagieren Sie auf diese Entwicklung?

Shams Ul-Haq: Es freut mich natürlich ausserordentlich, dass der Vermieter die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen der Al'Nur Moschee beenden will. Dieser Schritt war überfällig. Aber die Gefahr ist nicht gebannt. Im Gegenteil: Wenn die Moschee tatsächlich ihre Pforten schliesst, müssen die Schweizer Sicherheitsbehörden wachsamer denn je sein – schliesslich würden die Behörden die einmalige Chance erhalten, sich im Kampf gegen den radikalen Islamismus neu zu formieren.

Was wollen Sie damit sagen?

Weil die Moschee geschlossen wird, werden die radikalen Imame und die mutmasslichen IS-Rekrutierer zwangsläufig den Standort wechseln. Entweder, indem sie sich in einer anderen Moschee einquartieren oder einen eigenen Verein gründen und daraufhin eine neue Moschee eröffnen. Dieser Vorgang geht in der Regel einher mit dem Eintrag ins Handelsregister. Dieser Versuch eines Neuanfangs können die Behörden nicht verhindern. Doch das Gute daran ist, dass das Rekrutierungssytem der radikalen Imame durch die Schliessung der Moschee für vielleicht sechs Monate gestört wird. Genug Zeit für die Behörden, um diese Individuen zu beobachten. Wenn dieselben Leute dann die neue Moschee eröffnen wollen, könnten die Behörden einschreiten.

«  Wenn die Moschee geschlossen wird, müssen die radikalen Imame und die mutmasslichen IS-Rekrutierer zwangsläufig den Standort wechseln.  »

Shams Ul-Haq
Freier Journalist und Terror-Experte

Laufen die Behörden nicht Gefahr, diese mutmasslichen Rekrutierer und radikalen Imame aus den Augen zu verlieren, anstatt sie an einem Ort in der Moschee in Winterthur versammelt zu wissen.

Dieses Argument ist Quatsch. Die Al'Nur Moschee wurde jahrelang beobachtet. Trotz verdeckten Ermittlern mit Migrationshintergrund vor Ort werden in Schweizer Moscheen Jugendliche radikalisiert. Die Folgen waren Verwarnungen. Passiert ist jedoch nichts. In der Schweiz gibt es unzählige Moscheen – darunter befinden sich einige, die illegale Dinge tun. Die Behörden müssen alles unternehmen, um das Rekrutierungssystem zu stören.

Das Problem ist also weiterhin nicht gelöst.

Das ist so. Neben Winterthur versuchen radikale Islamisten auch in Zürich oder Schaffhausen junge Menschen zu rekrutieren. Aus diesem Grund bin ich nicht sehr optimistisch, dass der radikale Islamismus in der Schweiz durch die Schliessung der Al'Nur Moschee substantiell eingedämmt wird. Solange der Schweizer Geheimdienst und die Polizeibehörden Einrichtungen wie die Al'Nur Moschee nicht strenger kontrollieren kann, werden in Schweizer Moscheen radikale Islamisten weiter ein- und ausgehen und finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten.

Trifft es tatsächlich zu, dass die Al'Nur Moschee vom IS finanziell unterstützt wird?

Mit Sicherheit indirekt. So floss beispielsweise Geld von IS-Unterstützern aus Saudi-Arabien in die Schweiz.

In welcher Höhe?

Dazu kann ich keine Angaben machen.

«  Die Gehirnwäsche beginnt mit vermeintlich harmlosen Kampagnen. »

Shams Ul-Haq
Freier Journalist und Terrorexperte

Was sind das für Menschen, welche radikalen Islamisten zum Opfer fallen und sich einer Gehirnwäsche unterziehen?

Es handelt sich insbesondere um junge Menschen, die sowohl private wie auch berufliche Probleme im Leben mit sich herumtragen. Arbeitslosigkeit und finanzielle Not führt zu Frustration – ein idealer Nährboden, um Zwietracht, Wut und Hass in die Köpfe dieser jungen Menschen zu sähen. Kein Wunder werden diese verunsicherten Jugendlichen mit offenen Armen in den einschlägig bekannten Moscheen willkommen geheissen.

Und wie werden diese Jugendlichen konkret radikalisiert?

Die Rekrutierer sprechen den Satz, «Du musst in den Irak oder nach Syrien reisen, um Dich dort dem IS anzuschliessen und Ungläubige zu töten» nie aus. Dafür sind diese «Rattenfänger» zu klug. Vielmehr beginnt die Gehirnwäsche mit vermeintlich harmlosen Kampagnen wie beispielsweise derjenigen in Winterthur unter dem Titel «Lies!». Da werden in Winterthur auf offener Strasse in der Fussgängerzone gratis Korane unter die Leute gebracht – und die interessierten anschliessend in die Moscheen gelockt. Dort werden die ahnungslosen Menschen nach den Freitagsgebeten in Hinterzimmer gebracht und zum Abendessen eingeladen .Daraufhin werden ihnen isolierte Koranverse vorgelegt – wie beispielsweise den Satz: «Du sollst Ungläubige töten». Die Textpassagen davor und danach werden aber mit keinem Wort erwähnt, dabei sind genau diese zentral, um die Zusammenhänge des Korans verstehen zu können. Auch werden Propaganda-Videos des IS und anderen radikaliserten Gruppen gezeigt.

«  Jugendliche werden nach den Freitagsgebeten in Hinterzimmer gebracht. Dort werden ihnen isolierte Koranverse vorgelesen und Propaganda-Videos des IS vorgespielt.  »

Shams Ul-Haq
Freier Journalist und Terror-Experte

Laut Schweizer Nachrichtenberichten sollen sich in der Schweiz gegen 80 Dschihadisten aufhalten. Wie plausibel ist diese Zahl in Ihren Augen?

Ich bin davon überzeugt, dass diese Zahl deutlich höher ist – und ich befürchte, dass diese noch steigen wird. Denn auch wenn der IS sowohl in Syrien wie auch im Irak unter Druck ist, gibt es noch weitere islamistische Organisationen in der Region. Die Al Nusra oder die Al Kaida wird gestärkt aus dem Niedergang des IS hervorgehen – auch personell.

Wie lässt sich der radikale Islamismus in der Schweiz eindämmen?

Eine politische Partei muss einen Gesetzesentwurf in das Parlament tragen oder eine Volksabstimmung lancieren. Ein verschärftes Gesetz müsste dazu führen, dass die Behörden Moscheen, die sich nicht an die Regeln unserer Demokratie halten, unverzüglich schliessen könnten. Darüber hinaus müssten radikale Individuen, welche versuchen, Jugendliche zu rekrutieren, verhaftet und des Landes verwiesen werden.

Islamismus-Experte Kurt Pelda zur Schliessung der Moschee

«Jetzt verlieren viele harmlose, moderate Muslime ihre Moschee aufgrund einer kleinen Minderheit von radikalisierten Islamisten», sagt Pelda. Doch der Journalist ist überzeugt, dass sich die Islamistenszene nun auf andere Moscheen verteilen wird: «Es gibt überhaupt keinen Mangel an Alternativen.» Allerdings hätten einige Moscheen auf die Entwicklung reagiert und «Abwehrmassnahmen» gegen mutmassliche Hassprediger und IS-Rekrutierer eingeleitet. Dazu zählen die Grüze Moschee in Winterthur oder auch die Moschee in Wetzikon. Darüber hinaus hält es Pelda für unwahrscheinlich, dass die Al’Nur Moschee eine neue Lokalität finden wird – es sei denn die Verantwortlichen trennten sich von den radikalen Elementen. Pelda kritisiert die Behörden der Stadt Winterthur. «Die Behörden haben versagt. Es wäre die Aufgabe des Staates gewesen, diese Moschee zu schliessen.»
Video «Al'Nur Moschee in Winterthur schliesst» abspielen

Al'Nur Moschee in Winterthur schliesst

1:25 min, aus Tagesschau vom 27.10.2016

Shams Ul-Haq

Shams Ul-Haq

Shams Ul-Haq ist Journalist und Terror-Experte. Der in Pakistan geborene Deutsche lebt in Hessen. In der Schweiz fiel der langjährige Korrespondent in Lybien, Syrien und Afghanistan mit den verdeckten Recherchen im Asylzentrum Kreuzlingen und der Winterthurer Al'Nur Moschee auf. Soeben ist sein erstes Buch «die Brutstätte des Terrors» erschienen.