Rätoromanisch: Immer wieder totgesagt und doch lebendig

Der Lehrstuhl für das Rätoromanische in Zürich braucht neue Geldgeber, nachdem die ETH ihren Beitrag an das Studienfach gestrichen hat. Doch wie viele Rätoromanen gibt es überhaupt noch?

Karte der Schweiz mit Verbreitungsgebieten der Idiome.

Bildlegende: Rätoromanisch Fünf Schriftidiome gibt es im Rätoromanischen. Daneben gibt es noch zahlreiche lokale Mundarten. Lia Rumantscha

Die Finanzierung des rätoromanischen Lehrstuhls ist nach wie vor nicht geklärt, sagt Nathalie Huber von der Medienstelle der Universität Zürich gegenüber SRF. «Wir suchen immer noch einen Ersatz für die ETH und gehen auf verschiedene Akteure zu.»

Doch sie versichert: «Es ist klar, dass dieser Lehrstuhl wieder besetzt wird. Rätoromanisch ist eine wichtige Sprache, eine Landessprache. Es wird nicht an der Finanzierung scheitern.»

35'000 Rätoromanen

Für rund 35‘000 Menschen in der Schweiz ist das Rätoromanische Hauptsprache. Das entspricht 0,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung (2013, Bundesamt für Statistik). Verstehen können die Sprache aber noch weit mehr Menschen.

«Insgesamt geben über 100‘000 Menschen in der Schweiz an, Rätoromanisch zu verstehen», sagt Clà Riatsch, Professor für Rätoromanische Literatur an der Universität Zürich.

Heute sind alle Rätoromanen zweisprachig. Einsprachig sind heute höchstens noch kleine Kinder: Manche sprechen in der Familie und im Dorf ausschliesslich Romanisch und lernen erst in der Primarschule richtig Deutsch.

«  Für uns ist das keine Folklore-Veranstaltung. Rätoromanisch ist unsere Sprache, wir brauchen die, auch wenn wir nur Wenige sind. »

David Spinnler
Producent Engiadina RTR

In einigen Regionen Graubündens ist das Rätoromanische immer noch klar die Hauptsprache im Alltag, so etwa im Unterengadin und im Val Müstair.

David Spinnler, der das Regionalbüro des rätoromanischen Radio und Fernsehens im Engadin leitet, sagt: «Wenn ich auf die Strasse raus gehe im Engadin oder im Münstertal, dann spreche ich Romanisch. Für uns ist das keine Folklore-Veranstaltung. Rätoromanisch ist unsere Sprache, wir brauchen die, wir leben die, auch wenn wir nur Wenige sind. Es gibt einen gewissen Stolz: Das ist unsere Sprache, und die gehört zu uns!»

Fünf Idiome

Das Rätoromanisch umfasst fünf Idiome: Sursilvan (Vorderrhein), Sutsilvan (Hinterrhein), Surmiran (Oberhalbstein, Albula), Puter (Oberengadin), Vallader (Unterengadin und Val Müstair). Zudem gibt es noch Dialektformen der Idiome.

Am meisten Menschen sprechen das Sursilvan: knapp 16‘000 geben es als ihre Hauptsprache an. Die Rätoromanen verstehen sich teilweise nicht ohne weiteres untereinander, da die Idiome sich deutlich unterscheiden.

Und im Radio und Fernsehen, was wird gesprochen? «Ich vertone meine Beiträge immer in meinem Dialekt, das ist das Jauer, eine Dialektform von Vallader. Man kann sich das vorstellen, das ist wie wenn ein echter Zermatter Walliserdeutsch spricht. Ein paar Ausdrücke verstehen die Nicht-Walliser nicht», sagt Spinnler.

Rätoromanisch an der Universität

In der Schweiz gibt es an der Universität Freiburg einen Lehrstuhl für Romanisch sowie einen 50-Prozent-Lehrstuhl an der Universität Zürich. Dazu gibt es einen Lehrbeauftragten an der Uni Genf.

12 Studierende sind im Studiengang Rätoromanistik in Zürich eingeschrieben. Unverzichtbar ist der Studiengang für Gymnasiallehrer, die in Graubünden Rätoromanisch unterrichten.

Aber auch für die Medienschaffenden des rätoromanischen Fernsehens RTR und Kulturförderungs-Institutionen wie die Lia Rumantscha braucht es vertiefte Sprachkompetenz. «Von unseren Studierenden bleibt keiner arbeitslos», sagt Riatsch.

Unsichere Überlebenschancen

«Die elektronischen Medien haben wohl die grösste Bedeutung für die Förderung des Rätoromanischen», sagt Riatsch. Durch die SRG sei diese elektronische Präsenz derzeit gesichert. Allerdings: Immer weniger Menschen sprechen rätoromanisch, trotz aller Anstrengungen für den Erhalt der Minderheitssprache.

Rätoromanisch wird von der Schweizer Verfassung ausdrücklich als Landessprache anerkannt.

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Rätoromanen in der Schweiz

25 min, aus SRF mySchool vom 28.2.2014

Für das Überleben der Sprache sei aber noch etwas anderes entscheidend, sagt Spinnler: «Es braucht in Regionen wie dem Val Müstair und dem Unterengadin Arbeit für junge Leute, sonst kommen sie nicht zurück nach ihrer Ausbildung, sondern bleiben z.B. in Zürich.» Dort aber sprechen ihre Kinder kein Rätoromanisch mehr, und die Sprache geht verloren.

Umstrittene Schriftsprache: Rumantsch Grischun

Um den Rückgang des Romanischen zu bremsen, kam die Forderung auf, eine rätoromanische Schriftsprache bereitzustellen. Das Rumantsch Grischun ist entwickelt worden aus den drei Idiomen mit den meisten Sprechern: Sursilvan, Surmiran und Vallader. Das Rumantsch Grischung wurde an manchen Orten auch als Unterrichtssprache an der Primarschule eingeführt, stiess aber teils auf heftigen Widerstand.

Clà Riatsch

Cla Riatsch Fotot

Clà Riatsch zVg

«Bis ich 10 Jahre alt war, habe ich nur Rätoromanisch gesprochen», sagt der Professor für Rätoromanische Sprach- und Literaturwissenschaft. Er ist in Ramosch im Unterengadin aufgewachsen, sein Idiom ist Vallader. Riatsch hält noch bis Ende 2017 den Lehrstuhl an der Universität Zürich inne.

David Spinnler

David Spinnler Foto

rtr

«Wir Rätoromanen würden auf die Barrikaden gehen, wenn unsere Sprache aus der Verfassung gekippt würde», sagt David Spinnler, Producent Engiadina Radiotelevisiun Svizra Rumantscha. Spinnler ist als «Secondo», als Sohn deutschsprachiger Eltern in Sta. Maria im Val Müstair aufgewachsen und wohnt heute wieder dort.