Schweiz schliesst Botschaft in Tripolis

Libyen ist zu gefährlich geworden: Die Schweiz hat ihr Botschaftspersonal aus Libyen nach Prag ausgeflogen. Wegen der unsicheren Lage sind gross angelegte Massen-Evakuierungen verschiedener Staaten angelaufen. Die Philippinen wollen ihre Gastarbeiter nach Malta ausschiffen.

Schwere, dunkle Geländewagen fahren hintereinander über eine Strasse.

Bildlegende: Sie ergreifen die Flucht: Ein Konvoi von diplomatischen Fahrzeugen überquert die Grenze zu Tunesien bei Ben Guerdane. Reuters

Die Schweiz hat ihre Botschaft in der libyschen Hauptstadt Tripolis aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen. Das Schweizer Personal sei ausgereist, teilte das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Abend mit.

Elf Angehörige der Schweizer Vertretung verliessen Tripolis gegen Mittag an Bord eines Flugzeugs, das die Tschechische Republik für ihre zehn eigenen Botschaftsmitarbeiter charterte. Auch das für den Schutz der Schweizer Botschaft zuständige Armee-Detachement habe das Land verlassen. Die Ausgereisten sind am Abend in Prag eingetroffen und werden sobald wie möglich in die Schweiz weiterreisen.

Laut dem EDA hat von den rund 80 Schweizer Staatsangehörigen, die in Libyen leben, die grosse Mehrheit die doppelte Staatsbürgerschaft. Die Schweizer Staatsangehörigen wurden von der Botschaft mehrfach kontaktiert und wegen der «extrem labilen Sicherheitslage» allen Schweizern die Ausreise empfohlen.

Massenevakuierung von Ausländern

Wegen der unsicheren Lage bereiteten die Philippinen eine Massenevakuierung vor. Rund 13'000 Landsleute, sogenannte Overseas Filipino Workers (OFW), sollen mit Schiffen von Libyen auf die Mittelmeerinsel Malta gebracht werden, von wo aus sie dann nach Asien zurückfliegen. Zuvor war ein philippinischer Bauarbeiter in Bengasi enthauptet worden, eine Krankenschwester wurde von mehreren Jugendlichen vergewaltigt.

Auch Griechenland entsandte nach Regierungsangaben eine Fregatte, um rund 200 Menschen unterschiedlicher Nationalität ausser Landes zu bringen. Viele westliche Länder, darunter die USA, Grossbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien haben ihr Botschaftspersonal abgezogen.

Die internationalen Mitarbeiter der EU-Delegation sowie der EU-Grenzschutzmission «Eubam Libya» (EU Border Assistance Mission) verliessen ebenfalls vorübergehend das Land Richtung Tunesien.

Kampf um den Flughafen Tripolis

Wegen der neu entbrannten Kämpfe steht das Alltagsleben in Tripolis praktisch still. Die Hauptstadt ist fast menschenleer, die meisten Geschäfte verriegelt. Banken und Behörden sind seit Tagen geschlossen, die Vorräte an Strom, Wasser und Treibstoff gehen zur Neige.

Nach zwei Tagen relativer Ruhe sind die Kämpfe um den Flughafen Tripolis wieder voll entbrannt. Milizen griffen das Gelände mit schweren Waffen an und verletzten dabei mehrere Wachleute, wie Sicherheitskräfte bestätigten.

Auch entlang der wichtigen Zugangsstrasse zum Flughafen und im Westen von Tripolis kam es laut Augenzeugen zu Gefechten zwischen rivalisierenden Milizen.

Seit Tagen wütet ein Grossfeuer in einem Treibstofflager am Flughafen, dass von Raketen getroffen wurde. Wegen der Kämpfe müssen Feuerwehrleute ihre Löscharbeiten immer wieder einstellen, der Brand ist nach wie vor nicht unter Kontrolle.

Rivalisierende Milizen bekämpfen sich aufs Blut

Die brennenden Treibstofftanks befinden sich entlang der Strasse zum Flughafen, die mitten im Kampfgebiet der rivalisierenden Milizen liegt. Diese liefern sich seit Mitte Juli Gefechte, nach dem der Flughafen nach der libyschen Revolution im Jahr 2011 in die Hände der Sintan-Brigaden gefallen war.

Diese verteidigen den Flughafen gegen islamistische Kämpfer und die Misrata-Brigaden. Dabei geht es bei den Kämpfen auch um die Kontrolle von Schmugglerrouten, durch die sich die Milizen finanzieren.

Die Kämpfe zwischen den Milizen in Tripolis und Bengasi haben in den vergangenen Wochen fast 180 Menschenleben gekostet. Nach Angaben des libyschen Gesundheitsministeriums wurden Hunderte verletzt, wie das Nachrichtenportal Al-Wasat berichtete.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Gescheiterter Staat: Libyen kommt nicht zur Ruhe

    Aus 10vor10 vom 30.7.2014

    Libyen unter Gaddafi: Das war eine Schreckensherrschaft und viele waren erleichtert, als der Sturz des Diktators im Oktober 2011 Tatsache wurde. Doch knapp drei Jahre später scheint der Frieden weit weg. Früher im Kampf gegen den unbeliebten Despoten geeint, kämpfen nun Hunderte von Gruppierungen gegeneinander. Libyen zerfällt.