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Angst vor Anschlägen Schweizer Juden wünschen sich mehr Schutz

Legende: Audio Wie können sich Juden in der Schweiz schützen? abspielen. Laufzeit 3:47 Minuten.
3:47 min, aus Rendez-vous vom 24.05.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Schweizer Juden befürchten, dass ihre Einrichtungen Ziel von Terroranschlägen und Gewalttaten werden könnten.
  • Sie möchten deshalb mehr Unterstützung von Politik und Behörden – etwa bei der Bewachung von Synagogen.
  • An der Delegiertenversammlung des SIG in Genf steht das Thema Sicherheit zuoberst auf der Traktandenliste.

Die Berichte über Terroranschläge im Ausland gehen an den Schweizer Juden nicht spurlos vorbei. Das weiss Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), aus erster Hand. «Das Thema beschäftigt unsere Leute stark», sagt er. Vor allem wenn eine Attacke gegen eine jüdische Institution passiere, seien sie «sehr besorgt».

Schweizer Juden müssen sich selber schützen

Mit ihren Sorgen fühlen sich viele Schweizer Juden allein gelassen. Während in zahlreichen anderen europäischen Ländern Polizisten und Soldaten die jüdischen Einrichtungen bewachen, ist in der Schweiz die jüdische Gemeinschaft grösstenteils selber für den Schutz von Synagogen und Gemeindezentren verantwortlich.

Ein Minarett- oder Burkaverbot wird keinen einzigen Terrorakt verhindern.
Autor: Pinchas GoldschmidtPräsident der europäischen Rabbinerkonferenz

Das hat jedes Jahr Kosten von mehreren Millionen Franken zur Folge. Darauf haben jüdische Organisationen in letzter Zeit immer wieder hingewiesen. Inzwischen ist Bewegung in diese Diskussion gekommen. «Der Bund hat eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen», führt er aus. Das sei ein grosser Fortschritt.

Behörden sollen sich beim Schutz beteiligen

Konkret wird der Sicherheitsverbund Schweiz, der mit Bundesbehörden, Kantonen, Gemeinden und Religionsgemeinschaften vernetzt ist, prüfen, wie die Behörden die jüdischen Gemeinden besser unterstützen können.

Denkbar wäre etwa, dass der Staat einen Teil der anfallenden Sicherheitskosten übernimmt, oder dass die Polizei vermehrt Synagogen und jüdische Schulen bewacht. Die Vertreter der Schweizer Juden begrüssen diese Entwicklung und hoffen, dass bald auch erste Massnahmen umgesetzt werden.

Oberrabiner Goldschmidt: «Extremismus ist das Problem»

Für Pinchas Goldschmidt sind Schutzmassnahmen bloss Symptombekämpfung. Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz betont, dass Sicherheitsmassnahmen zwar wichtig seien. Doch im Kampf gegen den islamistisch motivierten Terrorismus sei dies nicht ausreichend.

Dabei sei es wichtig, zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden: «Das Problem ist der Extremismus. Der Islam selber ist eine Religion wie alle anderen», so Goldschmidt. Aber der Radikalismus müsse bekämpft werden.

Der Dialog mit den Muslimen muss verbessert werden.
Autor: Pinchas GoldschmidtPräsident der europäischen Rabbinerkonferenz

Goldschmidt, der in der Schweiz aufgewachsen und heute als Oberrabbiner in Moskau tätig ist, sagt, dass es eine bessere Ausbildung von islamischen Geistlichen in Europa brauche, um den Extremismus zu bekämpfen. Auch müsse transparenter werden, wer die Moscheen finanziere.

Älterer Mann mit Bart, Brille und Hut.
Legende: Oberrabiner Pinchas Goldschmidt: «Ein Minarett- oder Burkaverbot wird keinen einzigen Terrorakt verhindern». Imago

Doch anstatt solche Massnahmen zu ergreifen, agiere die Politik in vielen europäischen Ländern heute populistisch und stemple die Muslime zu Sündenböcken, kritisiert Goldschmidt. So komme man nicht weiter. «Ein Minarett- oder Burkaverbot wird keinen einzigen Terrorakt verhindern», ist er überzeugt.

Wichtig sei vielmehr der Dialog mit dem Islam. Goldschmidt betont in diesem Zusammenhang, dass die Muslime wichtige Verbündete seien im Kampf gegen den Terror. Denn sie selber litten unter dem radikalen Islamismus am meisten.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
    Die Aussagen von Pinchas Goldschmidt, m.E. das Wichtigste an diesem Artikel, gehen in der Diskussion leider etwas unter: "Ein Minarett- oder Burkaverbot wird keinen einzigen Terrorakt verhindern" sowie "Der Dialog mit den Muslimen muss verbessert werden". - Mir schmeckt die Verquickung der jüdischen Diaspora in (Finanz-)Wirtschaft und Politik (spez. USA) nicht, aber in diesen Punkten gebe ich dem Präsidenten der europäischen Rabbinerkonferenz recht. Dessen sollten wir uns auch bewusst sein.
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  • Kommentar von Edi Steinlin (stoni)
    Dass man den Menschen jüdischer Religion bei Bedarf ihr Synagogen beschützt ist vollkommen i.O. Nicht aber ihre Schulen, ihre Altersheime usw., auch Menschen jüdischer Religion können ohne weiteres unsere Schulen und Altersheime benützen, um ihre eigenen Einrichtungen zu beschützen, fehlt uns das Geld.
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  • Kommentar von Beatrice Fiechter (thea)
    Ich sehe ein weiteres Problem: Man versucht das Unfassbare einer Tragödie öffentlich zu verarbeiten, aber gesellschaftlich ist ein latenter Rassismus weiter verbreitet, als wir denken! Er ist sozusagen unter der Hand wieder gesellschaftsfähig geworden! Das sollte uns schwer zu denken geben. Eine freie Gesellschaft kann nur in gegenseitiger Toleranz u. Offenheit, in gegenseitiger Hilfsbereitschaft u.Respekt der Andersartigkeit bestehen - diese Resourcen müssten wieder aktiver gepflegt werden!
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    1. Antwort von Michael Räumelt (Monte Verita)
      Liebe Frau Fiechter, Jude/en ist/sind keine Rasse sonder eine Religionszugehörigkeit, genauso wie Budhhisten oder Katholiken usw. Nur die Nazis, haben versucht eine "Rasse" daraus zu kreieren!! Demnach ist der Begriff Rassismus in Verbindung mit Juden hier fehl am Platz!
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    2. Antwort von Nicolas Dudle (Nicolas Dudle)
      Die Funktionsweise von typischem Rassismus und religiöser Ausgrenzung ist dieselbe. Deswegen erachte ich in diesem Fall die Auseinandersetzung mit dem gewählten Begriff als Haarspalterei. Wer will, versteht Theas Aussage, wer nicht will, verharmlost die eigene Einstellung.
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