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Raucherprävention Du musst dein Leben ändern

Vom Biber bis zum Borkenkäfer hat unter der Bundeshauskuppel jeder einen Fürsprecher. Nur einer steht einsam in der Ecke und hüstelt leise vor sich hin: Der Raucher. Doch es regt sich Widerstand.

Spätestens seit der letzte Marlboro-Mann an Lungenkrebs gestorben ist, ist die Mär vom sorgenfreien Genuss vorbei: «Rauchen ist tödlich», lässt die Tabakindustrie ihre Schweizer Kunden (nicht ganz freiwillig) wissen. Im grenznahen Ausland wird mittlerweile auch der Weg ins Jenseits illustriert – Fragen lassen die Schockbilder auf den Zigarettenschachteln keine offen.

Deutsche Zigarettenschachteln mit Schockbildern
Legende: Seit Mai herrscht auch in Deutschland die neue EU-Tabakrichtlinie – und nicht nur bei Rauchern blankes Entsetzen. Reuters/Archiv

Der Ruf ist ruiniert, die mächtigen Multis haben sich auf klandestine Lobby-Arbeit verlegt. Ihren letzten Erfolg feierten sie in der Sommersession: Der Ständerat will das neue Tabakproduktegesetz an den Bundesrat zurückweisen; und erteilte damit weitreichenden Werbeverboten eine Absage.

Heute nahm sich der Nationalrat der stark absturzgefährdeten Vorlage an – und eine bürgerliche Allianz schickte sie zurück an den Absender. Eine empfindliche Niederlage für Gesundheitsminister Alain Berset.

Smoking, drinking, never thinking of tomorrow. Nonchalant.
Autor: Frank SinatraSophisticated Lady

«Die mächtigen Lobbyisten der Tabakindustrie haben ganze Arbeit geleistet», findet denn auch die «NZZ am Sonntag». «Ganze Arbeit» leistet jedoch auch die staatliche Gesundheitsfürsorge: Mit einem bunten Strauss an Kampagnen, Gesetzesvorlagen und Massnahmeplänen will sie den Bürger von den Geisseln unserer Zeit befreien: Alkohol, Übergewicht, Faulenzen, Glücksspiel – das Laster hat viele Gesichter. Und der Bund jeweils die passende Antwort.

«Genug!», findet manch liberaler Geist in Bundesbern. So etwa Ständerat Ivo Bischofberger (CVP/AI): «Leben ist immer lebensgefährlich», zitierte er in der Sommersession Erich Kästner, um dann die Entmündigung der Bürger zu geisseln:

Die heutige allumfassend angelegte Prävention führt nicht zu mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung. Sie gewöhnt den Menschen vielmehr an seine Bevormundung.

Bischofberger machte wie andere bürgerliche Ratskollegen darauf aufmerksam, dass das Parlament schon 2012 das neue Präventionsgesetz zurückgewiesen habe; Nationalratskollege Gregor Rutz (SVP/ZH) empört sich derweil über den «ausufernden Aktivismus», Link öffnet in einem neuen Fenster der Berner Gesundheitsstrategen – als Präsident der Vereinigung des Schweizerischen Tabakwarenhandels ist er freilich nicht ganz unparteiisch.

Ein gesünderes, besseres Leben

Der vermeintliche «Aktivismus» reicht, gerade in der Raucherprävention, weit zurück. Doch erst 2001 lancierte das Bundesamt für Gesundheit seine erste offizielle Anti-Raucher-Kampagne: «Rauchen schadet» – eine Erkenntnis, die man damals offenbar noch für mitteilungswert hielt.

Damit reihte sich das BAG in die internationale Allianz gegen den blauen Dunst ein. Doch die Frage, wie Vater Staat seine Bürger, wie es in der Verfassung der WHO heisst, in einen «Zustand vollständigen, geistigen und sozialen Wohlbefindens» überführen soll, scheidet die Geister – auch bei der Tabakprävention.

  • Schock und Furcht

In den 1990ern nahm der US-geführte Krieg gegen das Rauchen Fahrt auf. Was bereits die Nationalsozialisten vermuteten, erhärteten nun amerikanische Studien: Auch Passivrauchen schadet Ihrer Gesundheit. Rauchen wurde, wissenschaftlich erhärtet, vom Suizid auf Raten zur Gefahr für die (abstinente) Allgemeinheit.

Und die Raucher selbst zu «unverantwortlichem Gesindel, das die Gesundheit ihrer Mitmenschen schädigt» – wie es der militante Raucher (und österreichische Kulturschaffende) Walter Wippersberg formuliert.

Verbreitet wurde die Botschaft mit verstörenden Schockkampagnen. Sie standen Pate für das Grauen, das auch heute noch über amerikanische und britische Fernseher flimmert.

Legende: Video «Sugar, Sugar»: Prävention auf Britisch abspielen. Laufzeit 0:45 Minuten.
Aus News-Clip vom 07.12.2016.
  • Denn sie wissen nicht, was sie tun

Im Gegensatz zur harten angelsächsischen Schule setzten hiesige Gesundheitsschützer auf Information statt Schockwirkung: Sie schrieben sich Schlagworte wie «Partizipation», «Risikokompetenz» oder neudeutsch «Empowerment» («Selbstermächtigung») auf die Fahne.

Was bieder klingt, kam freundlich daher: 2008 lancierte das BAG etwa die Kampagne «Weniger Rauch, mehr Leben». Das erklärte Ziel: «Die neue soziale Norm, das Nichtrauchen, breit sichtbar machen» – und das in bewährter «positiver Tonalität».

Dem Regulierungseifer taten die unterschiedlichen Herangehensweisen dies- und jenseits des Atlantiks keinen Abbruch: Die westliche Hemisphäre wurde in den letzten 20 Jahren zur mehrheitlich rauchfreien Zone.

Legende: Video «Nostalgiefahrt» mit dem Bundesamt für Gesundheit abspielen. Laufzeit 0:19 Minuten.
Aus News-Clip vom 07.12.2016.
  • Ein Stups in die richtige Richtung

Wieder ausgehend von den USA hält in den letzten Jahren eine sanfte Revolution Einzug: Das «Nudging», zu Deutsch: «Anschubsen». Das Konzept basiert auf Erkenntnissen der Verhaltensökonomie und soll Menschen ermuntern, bessere Entscheidungen zu treffen. Wer jemals zielgenau die Fliege im Pissoir anvisierte, hat den freundlichen Schubs schon am eigenen Leib erfahren.

Unter US-Präsident Obama wurde «Nudging» quasi zur Staatsdoktrin. Auch «Merkels Musterbürger» greifen mittlerweile selbstbewusst zum Apfel statt zum Donut; die Kalorienbombe aus dem hintersten Winkel des Regals zu fischen, wäre zu viel Aufwand.

Auch in der Schweiz wird das Potenzial zusehends erkannt: Grünen-Nationalrat Bastien Girod macht sich derzeit für «Nudge statt höherer Tabaksteuer», Link öffnet in einem neuen Fenster stark. Und auch das Bundesamt für Gesundheit begleitet künftige Nichtraucher in eine «neue Freiheit, die ohne Gift auskommt, nichts kostet und nicht süchtig macht». Der Staat als Motivations-Guru – das Ende der Präventionsgeschichte?

Legende: Video «Du schaffst das!» – auf in ein rauchfreies Leben abspielen. Laufzeit 0:21 Minuten.
Aus News-Clip vom 07.12.2016.

Sendebezug: SRF 4 News, 5.12.16, 18 Uhr.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Jerome Gerster (jgerster)
    Offenbar ist Raucher in der Öffentlichkeit nicht gleich Raucher: ich rauche nur zusammen mit anderen Rauchern oder alleine, achte darauf, niemanden zu belästigen, gehe in "Raucherzonen" und mache die Zigi aus, wenn ich merke, dass ich jemanden störe. Habe also nicht das Gefühl, andere Mitmenschen zu gefährden. Verstehe aber den Ärger, viele Raucher sind diesbezüglich unanständig und uneinsichtig. Stehen dann 2 meter vom Aschenbecher entfernt und schmeissen den Stummel trotzdem auf den Boden...
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Diese Woche: Als Hauswart kriege ich in der Mittagspause von einem Mieter ein Telefon! Vor ihrem Haus raucht jemand seit 3 Tagen, ein junger Bursche ob ich ihn nicht wegweisen könne! Nun kurz vor 1300 Uhr begegne ich dem Übeltäter. "Ich darf an meinem Arbeitsplatz(wohlgemerkt in der Mittagspause auf einem Fabrikareal draussen) nicht rauchen. Leute seit ihr noch zu retten.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    Zuerst die Raucher, dann die Übergewichtigen, die Alkoholtrinker, die Unsportlichen; who `s next???
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    1. Antwort von W. Ineichen (win)
      @mitulla: Im Gegensatz zu Rauchern gefährden Alkoholtrinker nur die eigene Gesundheit und nicht die der Mitmenschen.
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    2. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      Schauen Sie sich doch die aktuellen Diskussionen und Verordnungen unserer Gesundheitspolitiker an! Dann merken Sie schnell, wohin die Reise geht... Auch Übergewichtige, Herzkranke, Diabetiker, oder "Bewegungsarme" kommen unter Druck! Später könnte es "Bildungsferne" oder "Trunkenbolde" treffen. Alle diese Gruppen schädigen nicht nur sich selber, sondern durch höhere Krankheitskosten oder Arbeitsausfälle auch die Allgemneinheit. Ich bin explizit gegen jedwelchen Ausschluss aus dem sozialen Netz.
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