Spendet für die Schweizer Luftwaffe!

3,126 Milliarden Franken – so viel kosten die 22 neuen Kampfjets. Der Gripen ist am Mittwoch Zankapfel im Nationalrat – eine stundenlange Debatte ist vorprogrammiert. Vor 100 Jahren war alles viel einfacher: Die erste Schweizer Militärflotte wurde mittels Spendenaufruf finanziert.

Am Mittwoch entscheidet der Nationalrat über den Kauf des schwedischen Kampfjets Gripen. Rechtzeitig zum Geschäft hat das Schweizerische Bundesarchiv ein Juwel zutage gefördert.

Vor genau 100 Jahren war eine Schweizer Luftwaffe erstmals ein Thema. Es ging um nichts weniger als die Beschaffung der ersten Flugzeugflotte für die Schweizer Armee.

Man schrieb das Jahr 1913, der erste Weltkrieg zeichnete sich ab. Doch nicht der Bundesrat entschied sich damals zum Kauf von Flugzeugen. Er war – wie auch Teile der Armeeführung – nicht davon überzeugt, dass eine Luftwaffe wirklich notwendig war zur Sicherung der Schweizer Grenze.

«Eine unentbehrliche Waffe»

Diese Ansicht teilten andere Armeevertreter nicht. Um ihr Ziel zu erreichen, entschloss sich die Offiziersgesellschaft deshalb, einen Spendenaufruf in der Bevölkerung zu lancieren – zum Kauf von Militärflugzeugen.

«Heute ist das Flugzeug zu einer unentbehrlichen Waffe geworden», steht auf dem Flugblatt, das vom damaligen Militärminister Arthur Hoffmann sowie zahlreichen weiteren Armeevetretern und Parlamentariern unterzeichnet worden war.

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Der Erfolg des Spendenaufrufs

1:52 min, vom 10.9.2013

«Es ist nicht mehr zu bestreiten, dass das Heer, welches ohne Flugzeuge den Kampf gegen ein anderes, mit Flugzeugen ausgerüstetes aufnehmen wollte, sich in ausgesprochenem Nachteile befinden würde», steht in dem Aufruf weiter. «Wir halten es für unsere Pflicht, diese Sammlung dem Wohlwollen aller patriotisch denkenden Mitbürger aufs wärmste zu empfehlen.»

Es folgte die Veranstaltung von Flugtagen, Kollekten und Sonderverkäufen. Sie brachten rund 1,7 Millionen Franken ein. Der Betrag entspricht heute ungefähr 52 Millionen Franken.

«Eine Mischung aus Hightech, Sport und Abenteuer»

Auch andere Länder wie Frankreich, Italien und Deutschland kannten damals solche Spendeaktionen für die Beschaffung von Flugzeugflotten. Allerdings war niemand spendefreudiger als die Schweiz: Pro Kopf kam fünfmal so viel Geld zusammen wie in den anderen Ländern.

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Propeller-Konstruktionen statt Kampfflugzeuge

3:04 min, vom 10.9.2013

Das Volk spendete aber nicht aus Angst vor einem drohenden Krieg. Sondern aus Begeisterung für die Luftfahrt. «Fliegen war in der Schweiz sehr populär», erklärt Stefan Nellen, Dienstchef Historische Analysen beim Bundesarchiv. «Fliegen muss man sich um 1913 vorstellen als eine Mischung aus Hightech, Sport und Abenteuer.»

Der Hauptgrund für die Anschaffung der Flugzeuge war laut Nellen die Aufklärung. Man wollte sehen, wo auf dem Boden die feindlichen Truppen waren. «Flugzeuge haben im ersten Weltkrieg aber keine kriegsentscheidende Rolle gespielt», sagt der Historiker.

Bereits 1914 hoben die erste Fliegertruppe der Schweizer Armee vom Boden. Dabei handelte es sich aber nicht um die mit Spendengeldern finanzierte Flotte, sondern um konfiszierte ausländische Maschinen und solche von Schweizer Flugpionieren.

Piloten stehen vor einem Zweidecker

Bildlegende: Ein Farman-Zweidecker mit Piloten Lugrin, Bordier und Durafour. Schweizerisches Bundesarchiv

Hauptmann Theodor Real, Instruktor der Kavallerie und selber Pilot, berief im Auftrag des Bundesrates kurzerhand zehn Piloten zum Einsatz. «Das Team bestand fast ausnahmslos aus Schweizer Flugpionieren der ersten Stunde, die ihre Flugzeuge teils gleich selber mitbrachten», erklärt Nellen. Darunter war auch Oskar Bider, der 1913 als erster Mensch der Welt die Alpen überflog. Bei den Flugzeugen handelte es sich um Holz- und Propellerkonstruktionen, die von den Piloten selbst gemacht oder eingekauft wurden.

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Die Piloten waren Flugpioniere der ersten Stunde

0:35 min, vom 10.9.2013

Erst 1916 konnte das Militärdepartement mit den 1,7 Millionen Franken eine Flotte von 17 Flugzeugen beschaffen – zum Teil aus Frankreich, zum Teil aus Eigenproduktion.

Die Flugzeuge wurden vor allem zu Schulungszwecken und zur Aufklärung gebraucht. Es sei überliefert, dass die Piloten sich beschwert hätten, dass sie viel zu wenig fliegen konnten, erzählt Nellen. Auch Treibstoffknappheit während des Krieges hielt die Schweizer Truppen am Boden.

Erst ab 1930 begann die Schweizer Luftwaffe, eine wichtige Rolle in der Armee zu spielen. Bundesrat und Parlament einigten sich auf einen Kredit von 13 Millionen Franken und kaufte damit 105 Flugzeuge.

In der am Mittwoch anstehenden Debatte im Nationalrat geht es um 22 Flugzeuge. Kostenpunkt: 3,126 Milliarden Franken. Mit dem Betrag hätte man 1914 über 30'000 Flugzeuge kaufen können.

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Spenden für ein Militär-Flugzeug

0:29 min, aus Tagesschau vom 10.9.2013

Gripen-Debatte live

Verfolgen Sie die Gripen-Debatte im Nationalrat live bei SRF: Ab 8.00 Uhr auf SRF info oder hier auf srf.ch/news.

Historisches Dokument