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Wegweisendes Urteil Sex ohne Gummi war Schändung

Legende: Audio «Stealthing»-Fall im Waadtland abspielen. Laufzeit 2:16 Minuten.
2:16 min, aus Info 3 vom 09.05.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Waadtländer Kantonsgericht hat das Strafmass gegen einen Mann bestätigt, der während des Geschlechtsverkehrs ohne Wissen seiner Partnerin das Kondom abgezogen hatte.
  • Allerdings qualifizierte die zweite Instanz das Delikt nicht mehr als Vergewaltigung.
  • Der Mann war im Januar vom Strafgericht Lausanne wegen Vergewaltigung zu einer bedingten Gefängnisstrafe von zwölf Monaten verurteilt worden.

Die beiden hatten sich via die Flirting-App Tinder kennenglernt. Schon nach wenigen Mails trafen sie sich in einem Restaurant, zwei Tage später dann zum Abendessen bei der Frau zu Hause. Sie wollten Sex.

Geschützten Sex, wie beide sagen. Kurz vor seinem Höhepunkt wollte der Mann dann aber ungeschützten Sex. Die Frau lehnte ab. Trotzdem stellte sie wenig später fest, dass der Mann den Akt ohne das Kondom beendet hatte.

Für die Frau war das schlimm: Sie fürchtete nicht nur eine Schwangerschaft, sondern auch eine Ansteckung mit HIV. Und weil der Mann einen Aids-Test verweigerte, musste sie eine präventive Therapie mit schweren Nebenwirkungen absolvieren. Sie zeigte den Mann an – juristisch ein heikler Fall.

Juristisches Neuland

Staatsanwältin Laurence Brenlla meint, dass es in der Schweiz bisher keinen Präzedenzfall gab. Für die Staatsanwältin aber ist klar: Der Mann wusste, dass sich die Frau ungeschütztem Sexualverkehr widersetzen würde, er umging ihren Widerstand einfach, indem er das Kondom heimlich entfernte.

Das sei wie eine Vergewaltigung, so die Staatsanwältin, allenfalls eine Schändung, weil die Frau überrumpelt, getäuscht und zum Widerstand unfähig war.

Stealthing ist inakzeptabel.
Autor: Baptiste ViredazAnwalt der Klägerin

Die Sicht des Angeklagten ist eine andere. Er habe das Kondom nicht absichtlich entfernt. Es sei gerissen oder irgendwie verloren gegangen. Fünf mögliche Erklärungen präsentierte er dem Gericht, das aber keine Variante für glaubwürdig hielt.

Wenn geschützter Sex verabredet sei, der Mann aber das Kondom heimlich entferne, dann sei das rechtlich eine Schändung. 12 Monate Gefängnis bedingt lautet das Urteil.

Der Anwalt der Frau ist erleichtert. «Stealthing ist inakzeptabel», meint Baptiste Viredaz. Der Entscheid sei wichtig, weil das Erzwingen von ungeschütztem Verkehr offenbar eine verbreitete Praxis sei. Viredaz reichte dem Gericht den Fachartikel der amerikanischen Juristin Alexandra Brodsky ein. Der Artikel berichtet davon, dass an US-Universitäten das «Stealthing» sehr häufig vorkomme.

Problematik weitgehend unerforscht

Und in der Schweiz? Das Online-Portal «20 Minuten» hat eine Umfrage durchgeführt. Ergebnis: 8 Prozent der Teilnehmenden erklärten, sie seien Opfer von ungewolltem Sex ohne Kondom geworden, fünf Prozent erklärten, sie hätten schon heimlich das Kondom entfernt.

Bei der Genfer Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen meint eine Mitarbeiterin, es gebe keine verlässlichen Zahlen zur Häufigkeit, aber das Problem sei sehr real und die Frauen erlebten den Übergriff als Vergewaltigung.

Streng juristisch ist das Vorgehen keine Vergewaltigung. Aber mit zwölf Monaten bedingt hat das Gericht ein Urteil gefällt, das klar macht: das Erzwingen von ungeschütztem Sex ist kriminell.

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31 Kommentare

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  • Kommentar von W. Pip (W. Pip)
    Ein löbliches Urteil. Man darf hoffen, dass die Anzahl Anzeigen jetzt sprunghaft ansteigt. Umgekehrt warte ich gespannt auf ein Urteil, dass Frauen einbuchtet, wenn sie heimlich die Pille absetzen, damit sie eine Schwangerschaft erzwingen können...
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Der wahre Gentleman traegt Condom.. auf sich und beim Akt AN sich....
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  • Kommentar von A. Zuckermann (azu)
    Na Hr. Huber, übernehmen Sie Verantwortung und ziehen Sie sich ein Kondom über, wen Sie kein Vertrauen haben. Wie finden Sie es, Täglich eine Hormonpille runter zu werfen?
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    1. Antwort von N. Huber (N. Huber)
      Sie missverstehen hier etwas. Im Gegenteil schätze ich es unglaublich, wenn eine Frau diese Last auf sich nimmt und täglich die Pille nimmt. Ich könnte sowas nicht und bin allen Frauen dafür dankbar! Gleichzeitig vertraue ich auf die geschilderte Aussage der Frau, dass sie die Pille nimmt. Wie eine Frau darauf vertraut, dass das Kondom dran bleibt. Wird dagegen eines der beiden Versprechen gebrochen, finde ich beides gleich verachtenswert und beides sollte bestraft werden. Meinen Sie nicht auch?
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      @ Huber: das ist beides Vertrauensbruch. Aber wenn die Frau die Pille nicht nimmt wird der Mann nicht krank, oder? Ein Kondom schützt nicht nur gegen Schwangerschaften, sondern auch gegen tödliche Krankheiten. Und um die geht es vorwiegend im Gerichtsurteil.
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