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Schweiz Sommaruga: «Nicht in der Vergangenheit gefangen bleiben»

Gründet die Neutralität der Schweiz auf der Schlacht bei Marignano? Darüber streiten sich Politiker und Historiker. Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga warnt bei der 500-Jahr-Feier davor, die Vergangenheit für Zwecke der Gegenwart zurechtzubiegen.

1515 kämpften in Marignano in Norditalien Tausende Eidgenossen gegen Frankreich um das Herzogtum Mailand. Die Schlacht endete für die Eidgenossen mit einer Niederlage – viele sehen darin die Neutralität der Schweiz begründet; Marignano wurde zum Mythos. Anlässlich der Feierlichkeiten in Norditalien warnte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga jedoch vor einem Missbrauch der Geschichte.

Legende: Video 500 Jahre Marignano abspielen. Laufzeit 1:46 Minuten.
Aus Tagesschau vom 13.09.2015.

«Bei aller Hingabe, mit der wir die Geschichte beschwören, müssen wir aufpassen, dass wir nicht in der Vergangenheit gefangen bleiben», sagte Sommaruga. Das Schicksal der heutigen Schweiz sei nicht auf dem Schlachtfeld von Marignano besiegelt worden.

Stimmzettel statt Schlachtfelder

Für viele wichtige Etappen auf dem Weg zur heutigen Schweiz – wie dem Ausbau der Volksrechte, der Emanzipation der Frauen, der Schaffung der Sozialwerke, den Aufbau des Rechtsstaates oder der internationalen Einbettung der Schweiz – habe es Kämpfe gebraucht, aber es gebe keine Mythen und keine Erinnerungsorte. Denn diese Meilensteine seien nicht auf Schlachtfeldern erkämpft worden, sondern mit Argumenten und Stimmzetteln.

Auch die Schweizer Neutralität habe ihren Ursprung nicht auf diesen Feldern. «Aber nutzen wir die politischen Debatten rund um Marignano, um über uns nachzudenken», sagte Sommaruga. So könne die Erinnerung an die Schlacht von Marignano Anlass zu Diskussionen geben, wie die Schweiz ihre Neutralitätspolitik im 21. Jahrhundert interpretieren soll. «Es ist an uns, die Zukunft zu gestalten – das ist die Lehre, die wir aus der Vergangenheit ziehen können.»

Legende: Video Mythos Marignano abspielen. Laufzeit 13:00 Minuten.
Aus Rundschau vom 01.04.2015.

Ursprung der Neutralität – oder nicht?

Die Schlacht bei Marignano fand am 13. und 14. September 1515 vor den Toren Mailands im heutigen Melegnano statt und endete mit einer herben Niederlage der Schweizer. Rund 12'000 Eidgenossen kamen bei den Kämpfen gegen die Heere des französischen Königs und der Republik Venedig ums Leben.

Die «Schlacht der Giganten» sorgt in jüngster Zeit immer wieder für Diskussionen. Während die einen Marignano als Wendepunkt in der Geschichte der Eidgenossenschaft, als Abwendung von der Grossmachtpolitik und Beginn der Neutralität deuten, kämpfen andere gegen eine nationalkonservative Vereinnahmung des «Mythos von Marignano».

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37 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Holm (Marty)
    Diese Schlacht war ein grosses Fiasko, weil erstens nur Kantone mit expansionistischen Tendenzen und Profiteure daran beteiligt waren. Zweitens es auf Seiten Frankreichs und Venetiens viele schweizer Söldner gab, welche zu einem grossen Teil überliefen. Drittens bereits am Plündern und Raubschatzen waren, bevor die französischen Truppen besiegt waren. Also kein Fiasko für die Schweiz,- die gab es damals noch gar nicht!-, sondern ein Fiasko für die damaligen Beteiligten!
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  • Kommentar von Marlies Artho (marlies artho)
    Ganz genau wird diese Vergangenheit wohl kaum jemand beschreiben können,da vielleicht vieles geändert wird,zu welchen Gunsten auch immer.Dankbar bin ich auf alle Fälle, dass uns die Vorfahren eine Schweiz aufgebaut haben,wo uns Frieden und Wohlstand gebracht hat.Klar doch, wenn man alles hat,wird vieles zur Selbstverständlichkeit,darum hat man es ja auch nicht mehr nötig,in die Vergangenheit zu blicken. S.S. was halten sie,von den heutigen Gewaltdemos? Was denken Sie könnte man nun dagegen tun?
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  • Kommentar von Stefan Faes (Stefan Faes)
    Die Niederlage in Marignano hat die aggressive Expansion des Eidgenössischen Staatenbundes beendet, auch wegen der inneren Zerrissenheit aufgrund der Reformation. Mit der Neutralität hat dies wenig zu tun. Diese wurde der Schweiz 1814/15 während des Wiener Kongresses auferlegt und ist nicht selbst gewählt. Söldner in grosser Zahl stellte die Eidgenossenschaft bis Mitte des 19.Jh verschiedenen Armeen, sogenannte Reisläufer.
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    1. Antwort von Franz NANNI (Aetti)
      Es hat vermutlich immer noch einige "Reislaeufer" in der Fremdenlegion... denke ich..Soeldner hat es immer gegeben und wird es immer geben.. aber frueher war es fuer viele der einzige Ausweg um etwas zu essen zu bekommen.. hat man fuer andere Krieg gemacht
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