Kostenstudie von Swissnuclear Stilllegung der AKW wird teurer

Die geschätzten Kosten steigen um rund zehn Prozent auf 23 Mrd. Franken. Mit einberechnet ist auch die Entsorgung der radioaktiven Abfälle.

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Stilllegung wird teuer als erwartet

4:14 min, aus 10vor10 vom 15.12.2016

  • 22,8 Milliarden Franken kosten die Stilllegung der schweizerischen Kernkraftwerke und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle gemäss einer neuen Studie von Swissnuclear. Dies entspricht einem Anstieg von 10 Prozent gegenüber der letzten Kostenrechnung von 2011.
  • Der Anstieg hat Methode: Bereits bei der letzten Erhebung 2011 war der Betrag für den Atomausstieg im Vergleich zu 2006 um drei Milliarden Franken höher eingeschätzt worden.
  • Den Mammutanteil am Gesamtbetrag macht der Aufwand für die Entsorgung aus: 19,2 Milliarden Franken. Dieser ist im Vergleich zur letzten Rechnung um über drei Milliarden Franken gestiegen.
  • Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) lässt die Studie durch das eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI prüfen und legt die endgültige Höhe der Kosten fest. Dadurch wird sichergestellt, dass bei der Ausserbetriebnahme der AKW die erforderlichen Mittel für Stilllegung und Entsorgung vorhanden sind.
  • Solange die AKW laufen, bezahlen die Betreiber die Entsorgungskosten direkt. Für die Zeit danach bestehen zwei Fonds: der Stilllegung- und Entsorgungsfonds. Ausgehend von der Gesamtkostenrechnung bezahlen die Verursacher – die AKW-Betreiber – in diese Fonds Jahresbeiträge ein.
Aufnahme des AKW-Mühlebergs bei Dämmerung.

Bildlegende: Das AKW Mühleberg: Es wird als erstes der Schweizer Werke 2019 heruntergefahren. Keystone

Die Stilllegung der Schweizer AKW und die Entsorgung der radioaktiven Abfälle dürften teurer werden als bislang angenommen. Der Stilllegungsfonds und der Entsorgungsfonds (STENFO) beziffern die Gesamtkosten auf 22,8 Milliarden Franken.

Die Zahl entstammt der Kostenstudie 2016 von Swissnuclear im Auftrag der Kommission der beiden Fonds. Sie fällt um zehn Prozent höher aus als noch bei der letzten Einschätzung im Jahr 2011, wie STENFO mitteilte. Damals wurde der mit dem Ausstieg verbundene Betrag auf 20,7 Milliarden Franken geschätzt. Die jüngste Studie wird nun von unabhängigen Experten überprüft, was rund ein Jahr in Anspruch nimmt.

Zwei Fonds zur Sicherung der Finanzierung

Damit die Finanzierung der Stilllegung und Entsorgung nach der Ausserbetriebnahme der AKW gesichert ist, bestehen zwei Fonds: der Stilllegungs- und der Entsorgungsfonds. Die Kosten für Stilllegung und Entsorgung werden alle fünf Jahre neu berechnet. Auf dieser Grundlage werden Jahresbeiträge für die AKW-Betreiber festgelegt. Bereits bei der letzten Erhebung 2011 war der Gesamtbetrag für den Atomausstieg im Vergleich zu 2006 um über drei Milliarden Franken höher eingeschätzt worden.

Alpiq und Axpo rechnen mit tieferen Beiträgen

Alpiq und Axpo rechnen mit tieferen Beiträgen
Die Energiekonzerne Alpiq und Axpo rechnen trotz steigender Kostenschätzung der Stilllegungskosten für die Periode 2017 bis 2021 mit tieferen Beiträgen an den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds für Kernanlagen. Weil die geologischen Tiefenlager später in Betrieb genommen werden und wegen «der guten Fondsperformance der vergangenen Jahre», müsse Axpo in besagtem Zeitraum keine jährlichen Beiträge leisten, schreibt der Konzern etwa mit Blick auf das AKW Beznau. Bei den Partnerwerken Leibstadt und Gösgen, an denen Axpo substantiell beteiligt ist, resultierten aus denselben Gründen ebenfalls deutlich tiefere Beiträge, heisst es weiter.

Auch für Alpiq fallen die Jahresbeiträge für die Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt wegen der neuen Kostenbasis «leicht tiefer» aus, wie das Unternehmen mitteilte. Alpiq ist am Werk in Gösgen mit 40 Prozent und am Werk in Leibstadt mit 32,4 Prozent beteiligt. Sie übernimmt anteilsmässig einen Teil der Jahreskosten.

Die Stilllegung der fünf AKW und des Zentralen Zwischenlagers in Würenlingen (ZWILAG) wird neu mit rund 3,6 Milliarden Franken veranschlagt. Mit dem Geld werden etwa die Vorbereitung für die Stilllegung, Einschluss, Unterhalt und Bewachung der Anlage, die Dekontamination oder Demontage und die Zerkleinerung der aktivierten und kontaminierten Teile sowie die Dekontamination des Geländes berappt. Dazu kommen Kosten für Überwachung, Versicherung und Verwaltung.

Ende 2015 betrug das Kapital im Stilllegungsfonds knapp zwei Milliarden Franken. Die noch ausstehenden Mittel werden durch Fondsbeiträge der Kernkraftwerkbetreiber und durch Kapitalerträge des Fonds bereitgestellt.

Teurere Entsorgung

Den Löwenanteil am Gesamtbetrag von 22,8 Milliarden Franken macht der Aufwand für die Entsorgung des radioaktiven Abfalls aus. Dafür müssen etwa ein zentrales Zwischenlager, Behandlungsanlagen, geologische Tiefenlager, eine Verpackungsanlage und ein Nasslager des Kernkraftwerks Gösgen realisiert werden. Zusammen mit Forschung, Transport und Wiederaufbereitung kostet das gemäss der aktuellen Schätzung 19,2 Milliarden Franken – ein Anstieg von über drei Milliarden Franken im Vergleich zu 2011.

Solange die AKW laufen, bezahlen die Betreiber die laufenden Entsorgungs- und Zwischenlagerkosten direkt. Bis 2015 waren dies 5,5 Milliarden Franken. Bis zur Ausserbetriebnahme aller Kernkraftwerke werden es 7,5 Milliarden Franken sein. Der Entsorgungsfonds deckt die verbleibenden 10,5 Milliarden Franken ab, nicht eingerechnet sind 1,2 Milliarden Franken, welche der Bund beisteuert. Ende 2015 befand sich im Entsorgungsfonds mit 4,2 Milliarden Franken bloss rund 40 Prozent des dereinst benötigten Geldes zur Entsorgung der Atomabfälle aus den Schweizer AKW.

Einschätzung von Inland-Redaktorin Sarah Nowotny:

Wie genau die neuste Kostenschätzung ist, kann niemand sagen. Klar ist aber, dass insbesondere die AKW-Gegner keine Freude daran haben, dass die AKW-Betreiber in nächster Zeit weniger oder gar kein Geld in den Fonds einbezahlen müssen. Sie befürchten, dass dereinst zu wenig Geld da sein wird und die Allgemeinheit wird bezahlen müssen. Ebenso stören sie sich daran, dass die Betreiber mehr Zeit erhalten, um die Fonds zu äufnen. Zu guter Letzt monieren sie, es könne nicht sein, dass die Schweiz viel weniger Geld für die Stilllegung eines AKW veranschlage als etwa Deutschland.

Neue Kostengliederung

Laut der Swissnuclear-Mitteilung basiert die jüngste Studie erstmals auf einer neu definierten Kostengliederung. Diese schliesse auch Zuschläge für Prognoseungenauigkeiten sowie Chancen und Gefahren mit ein. «Dadurch können die Stilllegungs- und Entsorgungskosten genauer berechnet (...) und effektiver überprüft werden als in der Kostenstudie 2011.»