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Schweiz Tod durch Asbest: Glarner Familie erhält Opferhilfe

Zum ersten Mal in der Schweiz unterstützt ein Kanton Angehörige eines Asbest-Opfers mit einer hohen Summe. Die Angehörigen des verstorbenen Roland Schwarzmann werden von der Glarner Opferhilfe mit Fr. 140‘000 entschädigt. Der Familienvater starb 2007 an den Spätfolgen einer Asbestvergiftung.

Legende: Video Tod durch Asbest: Familie erhält Opferhilfe abspielen. Laufzeit 4:22 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 05.12.2014.

Es hat lange gedauert, bis die Familie Schwarzmann nun endlich entschädigt wird. Roland Schwarzmann gelangte ein halbes Jahr vor seinem Tod vor über acht Jahren ans Sozialamt Glarus. Als schwer kranker Mann. Er ersuchte um Schadenersatz und Schmerzensgeld. Nun hat die Glarner Regierung entschieden, dass seinen Hinterbliebenen rund 140‘000 Franken Entschädigung und Genugtuung zustehen.

«Endlich zeigt jemand Verantwortung»

Anfang der 70er-Jahre hatte Schwarzmann als Jugendlicher in seinen Schulferien für die Firma Eternit AG in Niederurnen gearbeitet und dabei Asbeststaub eingeatmet.

Stapel von entsorgtem Asbest.
Legende: Der Rückbau von Asbestprodukten ist brandgefährlich. Vor 50 Jahren wusste das kaum jemand. Keystone

Im Alter von 46 Jahren erkrankte er schliesslich an Brustfellkrebs (Mesotheliom), der nachweislich durch Asbestfasern verursacht wird. Im Jahre 2007 verstarb er an den Spätfolgen der Asbestvergiftung.

Für die Opferfamilie sei der Entscheid ein wichtiges Zeichen, sagt Sohn Markus Schwarzmann gegenüber «Schweiz aktuell». Endlich zeige man Verantwortung: «Es ist für uns eine grosse Genugtuung, dass endlich jemand hin steht – auch wenn es der Staat ist – und sagt: Ja, es ist etwas geschehen und wir entschädigen die Menschen, denen dies geschehen ist.»

Bundesgericht korrigiert Glarner Justiz

Die Firma Eternit (Schweiz) AG kommentiert die Zahlung gegenüber «Schweiz aktuell» in schriftlicher Form: «Beim Entscheid (…) des Kantons Glarus geht es um ein auf dem Opferhilfegesetz basierendes Verfahren zwischen der Familie S. und dem Kanton Glarus. Die Eternit (Schweiz) AG hat davon Kenntnis. Gegenstand des Verfahrens sind Vorgänge in den Jahren 1972/73 im Werk Niederurnen. Die Eternit (Schweiz) AG ist seit 2005 Eigentümerin dieses Werks und daher von der Angelegenheit nicht betroffen.»

Martin Hablützel, der die Familie Schwarzmann als Opferanwalt vertritt, ist sehr zufrieden mit dem Entscheid der Glarner Regierung: «Das ist ein schöner Etappensieg, quasi die Frucht jahrelanger Arbeit.»

Im Jahr 2012 sind er und die Familie Schwarzmann beim Glarner Verwaltungsgericht noch abgeblitzt. Das Gericht ging damals davon aus, dass der Tod des Mannes weder vorhersehbar noch vermeidbar gewesen sei. Das Bundesgericht korrigierte jedoch vor einem Jahr dieses Asbesturteil der Glarner Justiz.

Für einmal haben wir Good News: Jemand kommt zu seinem Recht, jemand erhält Geld.
Autor: Frédéric KrauskopfProfessor für Privatrecht der Universität Bern

Das Bundesgericht befand, dass die Angehörigen des Verstorbenen entschädigt werden sollen, weil die Firma Eternit AG den Jugendlichen damals von gefährlichen Arbeiten hätte fernhalten müssen und weil die Voraussetzung der Strafbarkeit wegen fahrlässiger Tötung erfüllt sei. Ein Anspruch auf Opferhilfe bestehe überdies unabhängig davon, ob ein Täter ermittelt wurde.

Für Professor Frédéric Krauskopf löst die Opferhilfezahlung des Kantons Glarus das juristische Hauptproblem der Asbest-Problematik indes nicht: «Rechtlich hat das Opferhilfegesetz keine grosse Wirkung», bemerkt der Experte für Privatrecht der Universität Bern, «diese Entschädigung hat aber sicherlich eine psychologische Signalwirkung für andere Asbestgeschädigte. Für einmal haben wir Good News: Jemand kommt zu seinem Recht, jemand erhält Geld.»

Entscheidend für die Asbest-Fälle seien viel mehr die Verjährungsfristen, welche zurzeit im Parlament diskutiert werden, nachdem der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die bisherige Schweizer Verjährungsfrist von zehn Jahren gerügt hat.

Opfer-Anwalt will Eternit (Schweiz) AG belangen

Auch Opferanwalt Martin Hablützel ist überzeugt, dass die Geste der Opferhilfe des Kantons Glarus Signalwirkung habe: «Dieser Entscheid ist wegweisend für den Kanton Glarus, aber auch für alle anderen Kantone, in denen Menschen leben, welche von Asbest-Problemen betroffen sind. Es wird mit grosser Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass weitere Opferhilfestellen Zahlungen erbringen werden.»

Für Martin Hablützel ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Er will im Namen der Familie Schwarzmann in einem nächsten Schritt gegen die Eternit (Schweiz) AG vorgehen und versuchen, weitere Forderungen geltend zu machen.

Was ist Asbest?

Asbest ist ein Sammelbegriff für verschiedene in der Natur vorkommende Silikat-Minerale. Der faserförmige Stoff, namentlich das Chrysotil, auch Weissasbest genannt, fand die technisch weitaus breiteste Anwendung. Inzwischen ist die krebserregende Wirkung von Asbeststaub weltweit unbestritten.

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11 Kommentare

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  • Kommentar von E. Meier, Zug
    Hätte der Asbest-Milliardär Stefan Schmidheiny nur einen Funken Charakter, hätte er schon längst ein winziger Teil seiner Verantwortung wahr genommen, indem er für die vielen Asbest-Opfer und Angehörigen, durch seine Asbest-Firmen, eine Opfer-Stiftung initialisiert hätte. Wie schon bei Landis & Gyr, verzockte Stefan Schmiedheiny lieber das Pensionsgeld der Angestellten mit gesetzeswidrigen Derivaten an der Börse. Nach jahrelangen Gerichtsprozessen musste Schmidheiny dann das Geld zurückzahlen!!
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  • Kommentar von P.Bernet, W'bach
    Ich habe einige Fälle etwas genauer angeschaut. Es gibt Menschen, die mit Asbest gearbeitet haben, und auch nach vielen Jahren noch gesund sind. Besonders gefährdet sind Arbeiter, die schon in jungen Jahren, z.B. während der Lehre mit Asbest zu tun hatten, und die gleichzeitig noch starke Raucher waren. Durch das Rauchen werden die Flimmerhärchen in der Luftröhre ausgeschaltet, die sonst einen grossen Teil des gefährlichen Staubes wieder hinausschaffen.
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  • Kommentar von Jury Maligan, Chiang Mai
    Ich habe 1970-1975 auch mit Asbest gearbeitet. Damals wusste man zwar von "Staublungen" der Kohle- oder Eisenbergwerkler, aber Asbest war nicht als gefährlich bekannt. Es wurde überall als feuerfester Isolationsstoff verbaut. Dass man heute die Arbeitgeber als Schuldige in Fällen hinstellt, als die Gefährlichkeit noch nicht bekannt war, finde ich falsch. Was nach der Bekanntheit der Asbest-Gefahr geschah ist ein anderes Kapitel. Für in Zement gebundenen Asbest besteht heute noch keine Gefahr.
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