Unfallrisiko Senioren?

Darf ein 91-Jähriger noch hinters Steuer? Diese Diskussion beschäftigt derzeit die Schweiz, nachdem ein 91-jähriger Autofahrer in Münchenstein seinen Freund auf dem Elektrovelo überfahren hat. Letzten Frühling hatte der Rentner noch einen Fahreignungstest bei seinem Hausarzt gemacht.

Es war ein tragischer Unfall – Niklaus M.91 Jahre überfuhr mit seinem Auto seinen Kegelkollegen, 77 Jahre. Der war auf dem Elektrovelo unterwegs – als der Unfall passierte. Wie es genau dazu kommen konnte, untersucht die Polizei derzeit.

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Studie stellt Gesundheits-Checks für Senioren am Steuer infrage

4:00 min, aus 10vor10 vom 24.10.2014

Seit dem Vorfall beschäftigt das Land wieder die Frage: Wann ist man zu alt fürs Autofahren? Neuropsychologe Gianclaudio Casutt trainiert regelmässig Senioren am Fahrsimulator. In seinen neusten Untersuchungen an der Universität Zürich hat er das Unfallrisiko von betagten Autofahrern in der Schweiz mit dem in Deutschland verglichen.

Sein erstaunliches Ergebnis: Während bei den jungen Fahrern die Unfallrate in beiden Ländern vergleichbar hoch ist, verursacht die Altersgruppe 70 plus in der Schweiz weit mehr Unfälle, als in Deutschland.

«Die deutschen Autofahrer legen in ihrem Leben mehr Fahrkilometer zurück. Dieses Mehr an Praxis und Erfahrung auf der Strasse hilft ihnen im Alter. Sie können altersbedingte Schwächen besser ausgleichen und bauen weniger Unfälle», erklärt Gianclaudio Casutt. Ausserdem macht er noch einen zweiten Unterschied aus. In Deutschland gibt es keine speziellen Prüfungen für Senioren am Steuer. Dort muss der Autofahrer nicht, wie in der Schweiz ab 70 Jahre alle 2 Jahre zum Fahreignungstest beim Hausarzt.

Falsche Sicherheit?

«Die Tests beim Hausarzt könnten bei manchen Senioren bewirken, dass sie die Verantwortung an den Experten abgeben. Sagt der, sie können noch fahren, dann setzen sie sich weiterhin hinters Steuer, obwohl sie sich selbst vielleicht schon längst unsicher dabei fühlen», sagt Casutt.

Wiegen sich Schweizer Senioren durch den Gesundheits-Check also in falscher Sicherheit? Bruno Kissling vom Schweizerischen Hausärzteverband meint Nein. Seiner Meinung nach sind die Fahreignungstests sehr wohl sinnvoll. Denn damit würden vorallem die medizinisch auffälligen Fälle erkannt. «Nach meiner Erfahrung schätzen sich die meisten Senioren richtig ein», erklärt Kissling und die regelmässigen Kontrollen sensibilisieren sie zusätzlich.

Einheitliche Regelung

Auch politisch regt sich Widerstand. Maximilian Reimann fühlt sich als Senior am Steuer in der Schweiz zunehmend diskriminiert. Der SVP-Nationalrat im Kanton Aargau muss seit zwei Jahren selbst regelmässig zum Arzt, um weiterhin fahren zu dürfen. Reimann hat eine Motion eingereicht, die die unterschiedliche Behandlung der Autofahrer auf Schweizer Strassen anprangert.

«Ich fordere das inländische und ausländische Senioren am Steuer in der Schweiz gleich behandelt werden. Es kann nicht sein, dass die Deutschen nicht zu regelmässigen Checks müssen und wir Schweizer aber gehen», meint der Nationalrat.

Im Zuge des neuen Strassenverkehrsgesetzes Via Sicura sollen die obligatorischen Kontrollen für Senioren am Steuer schweizweit verschärft werden. Dass das Unfallrisiko damit sinkt, ist nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht nachvollziehbar.