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Basler Psychiatrie Uniklinik testete Medikamente an Patienten

Die Psychiatrische Universitätsklinik Basel hat jahrzehntelang mit nicht zugelassenen Medikamenten an Patienten experimentiert – zum Teil sogar unter Zwang. Dies geht aus einer Studie hervor, die «Schweiz aktuell» vorliegt.

Legende: Video Medikamententests in der Psychiatrie Basel abspielen. Laufzeit 4:30 Minuten.
Aus Schweiz aktuell vom 03.04.2017.
  • Gemäss einer Studie der Uni Bern wurden Arzneimittel an mehr als 1000 Psychiatriepatienten getestet.
  • Die Tests fanden oft ohne das Wissen der Patienten statt.
  • Die Basler Pharmaindustrie stellte Testmedikamente gratis zur Verfügung.

An der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (PUK) sind zwischen 1953 und 1980 nicht zugelassene Medikamente an über 1000 Patienten getestet worden. Betroffen waren insbesondere Patientinnen und Patienten mit einer Schizophrenie, einer Depression oder einer Manie. Insgesamt wurden knapp 60 Arzneimittel getestet.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie von Urs Germann vom Institut für Medizingeschichte der Universität Bern.

Vor 1970 gab es überhaupt keine Regelung für klinische Tests.
Autor: Urs GermannMedizinhistoriker

Betroffen von den Medikamententests waren zum Teil auch Frauen und Männer, die gegen ihren Willen in die Klinik eingewiesen worden waren. «Bei diesen Tests an Zwangsversorgten dürfte es sich um einen juristischen Graubereich gehandelt haben. Denn bezüglich Zulässigkeit klinischer Tests gab es vor 1970 überhaupt keine Regelung», erklärt der Leiter der Studie Urs Germann.

Physischer Zwang und Kooperation

Es gab Patienten, die während mehreren Klinikaufenthalten mit verschiedenen Versuchspräparaten behandelt wurden. Laut Urs Germann wendeten die Ärzte bei den Tests in Einzelfällen auch physischen Zwang an. Demnach gab es auf Seiten der Patienten ein breites Spektrum von Wissen und Nichtwissen, von Zwangserfahrung, Widerstand und Kooperationsbereitschaft.

Unter den getesteten Präparaten waren auch Wirkstoffe, die wegen der Nebenwirkungen nie zugelassen wurden.

Legende: Video Ein düsteres Kapitel der Medizingeschichte abspielen. Laufzeit 1:50 Minuten.
Aus Tagesschau vom 03.04.2017.

Gratis-Präparate der Basler Pharmaindustrie

Die Basler Pharmaindustrie hatte ein grosses Interesse daran, die Wirkstoffe an Patienten auszuprobieren. Wie andere Kliniken liess sich die PUK Basel die Präparate oft gratis zur Verfügung stellen. Sie testete im Gegenzug die Medikamente und berichtete über die Wirkung. Auch lieferten die Ärzte der Pharmaindustrie umfangreiche Testberichte über die Wirkungen der getesteten Medikamente.

Zu den wichtigen Industriepartnern gehörten die Basler Unternehmen J. R. Geigy AG, die Ciba AG (heute Novartis AG) sowie Hoffmann-La Roche AG (heute Roche AG). Die Studie geht davon aus, dass zwischen der Psychiatrischen Klinik Basel und diesen Unternehmen ein besonders intensiver Austausch stattfand.

330 Patientenakten

Als Grundlage für die Pilotstudie, welche die Universitäre Klinik Basel 2016 in Auftrag gegeben hatte, dienten 330 Krankenakten von Patienten. Hinzu kommt eine Auswahl wissenschaftlicher Publikationen von Ärzten, die an den Medikamententests beteiligt waren. Novartis, Nachfolgeunternehmen von Ciba, Geigy und Sandoz, lehnte es ab, seine Archive für die Untersuchung zu öffnen. Man wolle zuerst die Ergebnisse der historischen Untersuchung über die Medikamententests in Münsterlingen (TG) abwarten, hiess es.

Medikamententests in der Schweiz

Münsterlingen (TG)
Psychiater und Klinikleiter Roland Kuhn testete von 1950 bis Mitte der Siebzigerjahre an über 1600 Menschen dutzende nicht zugelassene Medikamente. Betroffen waren auch Verdingkinder. Eine historische Aufarbeitung läuft und wird voraussichtlich 2018 abgeschlossen sein. Den Auftrag für die Studie gab der Kanton Thurgau.

Zürich
In der Psychiatrischen Klinik Burghölzli wurden von 1950 bis 1980 dutzende Medikamente getestet, betroffen waren rund 1000 Patienten. Eine Aufarbeitung im Auftrag der Kantonsregierung läuft und soll 2018 abgeschlossen sein.

Herisau (AR)
In der Psychiatrischen Klinik Herisau testeten die Ärzte zwischen 1957 und 1958 ein nicht zugelassenes Medikament an 18 Patienten. Das getestete Medikament löste heftige Nebenwirkungen aus, eine Patientin starb während des Tests. Bisher sind keine weiteren Fälle von Medikamententests in Herisau bekannt.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Eliane Schneider (Eliane Schneider)
    Die Aufarbeitung eines Verbrechens an der Menschlichkeit (nicht verjährbar) sollte nicht benutzt werden von der nach wie vor berechtigten Kritik an Diagnose- und Behandlungsmethoden abzulenken. Die gängigen Medikamente wie z.b. die genannten Neuroleptika sind alles andere als ein medizinischer Fortschritt. Sie nicht nur unbrauchbar und teuer, sondern nach wie vor gefährlich, mit schweren Nebenwirkungen und Todesfällen.Wer es genauer wissen will, kann die gemeldeten UAW's bei Swissmedic einsehen.
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  • Kommentar von Xavier Moser (Xenons)
    Ein Skandal damals wie heute. Seit 1964 gab es die Deklaration von Helsinki, welche das Einholen einer schriftl. Einverständniserklärung des Patienten (zumindest eines Angehörigen) für med. Studien voraussetzte. Diese neue Untersuchung befördert Namen von Basler-Psychiatriekoryphäen zu Tage, welche auf dieser Basis Karriere machten. Skandalös die Einschätzung der heutigen Geschäftsführerin der PUK, welche die Methoden verharmlost: „die Ärzte gaben sich Mühe, die Patienten zu behandeln.“
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  • Kommentar von Beat Gurzeler (B.Gurzeler)
    Wir in der Schweiz sind nicht besser als wir uns darstellen , früher wurden die Tests in der Schweiz ausgeführt , jetzt geht man ins Ausland , aber überall wird es an Menschen durchgeführt ( die schwächsten oder die sich nicht gut wehren können ). Eine Hoffnung gibt es wenn nicht die Verjährung eingetreten ist , aber ich denke das dies von den entsprechenden Stellen schon verhindert wird , die hätten schon einiges zu verlieren.
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