Zum Inhalt springen

Schweiz Verkehrslärm: Bund rechnet mit Klagen von 19 Milliarden Franken

In der Schweiz leiden 1,3 Millionen Menschen unter dem Lärm von Autos, Zügen und Flugzeugen. Auf den Bund könnten deshalb in den kommenden Jahren Lärm-Entschädigungs-klagen in Milliardenhöhe zukommen. Der Bund plant laut «10vor10» nun einen Systemwechsel.

Legende: Video «Teurer Lärm» abspielen. Laufzeit 4:49 Minuten.
Aus 10vor10 vom 10.12.2013.

Immer mehr Menschen in der Schweiz sind vom übermässigen Verkehrslärm betroffen. Sie leben in der Nähe von einem Flughafen, von Autobahnen oder von der Eisenbahn.

Autobahn in Lenzburg (AG).
Legende: Nicht überall in der Schweiz sind die Autobahnen lärmsaniert wie hier in Lenzburg (AG). Keystone

Seit den 80er-Jahren hat der Bund für die Lärmsanierung von Strassen und Schienen insgesamt 2,5 Milliarden Franken aufgewendet. Doch das reicht nicht.

Noch immer sind unzählige Strassen und Schienen nicht lärmgeschützt. Vielerorts ist die Lärmbelastung heute sogar höher als vor 20 Jahren. Hauptgründe sind die schwereren Motorfahrzeuge und das steigende Verkehrsaufkommen.

Mangelhafte Lärmsanierung wird teuer

Im März 2015 laufen die Fristen für die Lärmsanierung der Bundesstrassen ab. Drei Jahre später die Fristen für Kantons- und Gemeindestrassen. Die mangelhafte Lärmsanierung kann den Bund, die Kantone und Gemeinde dann ganz teuer zu stehen kommen.

Hausbesitzer, die von übermässigem Lärm betroffen sind, können nämlich ab 2015 Entschädigungsklagen einreichen. Der Bund rechnet mit Lärmklagen in der Höhe von über 19 Milliarden Franken. Das geht aus einem internen Schreiben des Bundesamtes für Umwelt hervor, welches «10vor10» vorliegt. 19 Milliarden Franken – das entspricht etwa dem Kauf von 135 Gripen-Kampfjets. Den grössten Teil der Entschädigungen müssten Kantone und Gemeinden berappen. Denn ihnen gehören die meisten der nicht lärmsanierten Strassen.

Stützen können sich Kläger auf die Bundesverfassung. Diese verpflichtet den Bund, die Bevölkerung vor schädlichen Einwirkungen zu schützen.

Revision des Umweltschutzgesetzes

Um die drohenden 19-Milliarden-Franken-Klagen abzuwenden, plant der Bund nun einen Systemwechsel. Neu sollen Liegenschaftsbesitzer automatisch Geld bekommen – von Bund, Kantonen und Gemeinden. Von den jährlich wiederkehrenden Zahlungen sollen jene profitieren, deren Haus an zu lauten Strassen oder Schienen liegt. Lärmklagen wären dann aber nicht mehr möglich.

Für Bafu-Vizedirektor Gérard Poffet hat diese sogenannte Lärmausgleichs-Norm (LAN) gegenüber dem bestehenden System (ENA) mehrere Vorteile: «Mit dem neuen System wollen wir eine Sicherheit einbringen, wie eine Versicherung. Wir bezahlen jedes Jahr eine kleine Summe statt eine grosse Summe, welche das Gericht festlegt. Dieses System ist für die Strassenbesitzer viel berechenbarer.»

Doch auch dieser Systemwechsel ist teuer. Der Bund rechnet mit Kosten von über 370 Millionen Franken. Und das jährlich. Die meisten Lärmzahlungen an Liegenschaftsbesitzer müssten Kantone und Gemeinden entrichten (genaue Zahlen siehe unten in der CH-Karte).

Der geplante Systemwechsel dürfte alles andere als lautlos über die Bühnen gehen. Bereits im Frühling soll sich der Bundesrat mit dem heiklen Dossier befassen.

Lärm-Entschädigungszahlungen nach Kantonen:

Strassenverkehrslärm

  • 1,2 Millionen Personen sind tagsüber Opfer von übermässigem Strassenverkehrslärm
  • 85 % der belästigten Menschen leben in den Städten und Agglomerationen
  • Die Nachtruhe ist von 700'000 Menschen beeinträchtigt
  • Im Berufsleben sind 420'000 Arbeitsplätze zu hohem Strassenlärm ausgesetzt. Das entspricht 12 % aller Stellen

36 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von U. Christen, Rupperswil
    Am Anfang das Ende sehen! Wieso erteilen Gemeinden & Kanton Baubewilligungen ohne nahrhaftes Verkehrskonzept? So geschehen für die neue Coop Verteilzentrale Schafisheim. Als Einwohner der Region ist jetzt schon klar, dass die Belastung von Lärm & Feinstaub durch zusätzlich 1800LKW & 4500 PW pro Tag immens zunehmen wird. Zumal der Verkehrsfluss dadurch auch nicht besser wird. Reichen da nachträgliche Zahlungen?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von U. Christen, AG
    Meines Wissens wurde im Aargau für den Nationalstrassenkoridor vom Kanton Lämschutzmasnahmen geplant & teilweise auch umgesetzt. Seit diese an den Bund übergegangen sind gibt es anscheinend andere Prioritäten & der Schutz ist ins Stocken geraten. Statt Schadenszahlungen & Neubauten würde das Geld besser für direkte Massnahmen eingesetzt werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von H. Wach, Luzern
    Dieser Beitrag ist eine schizophrene Wahrnehmung über Lärm. Hier geht es um unheilige Allianzen von Bauindustrie, Immobilienbesitzern & Umweltfanatikern. Weit mehr als 1.3 Mio. Menschen setzen sich permanent - meist freiwillig - dem Lärm aus. Beispiele: Hören von lauter Musik über Smartphone, in Diskotheken, Lärm in Stadien, usw. Das rasante Wachstum der Hörgeräte-Hersteller & -Händler ist der Beweis. Und: Vermieter werden m. Steuergeldern subventioniert. Die Mieten werden nicht fallen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen