Lebens- statt Liebeskrisen Weniger Sex-Fragen bei der Notrufnummer 147

Selbstzweifel, Angst und Überforderung: Schweizer Jugendliche fragen bei der Notrufnummer 147 vermehrt wegen schwerer persönlicher Krisen um Rat. Beratungsgespräche zu Sexualität und Liebe werden seltener.

  • Der Anteil der Fragen, welche Sexualität und Liebe betreffen, nimmt seit Jahren laufend ab, wie aus den am Mittwoch publizierten Zahlen des Jahres 2016 hervorgeht.
  • Mittlerweile geht es nur noch in knapp 14 Prozent aller Beratungen per Telefon, Chat, SMS oder E-Mail um Fragen zu Sex und Liebe. 2012 lag dieser Anteil noch bei über 20 Prozent.
  • Pro Juventute erklärt sich die Abnahme vor allem damit, dass Jugendliche heute andere Kanäle haben, um sich über Verhütung, Homosexualität oder Sexting zu informieren. Statt einer persönlichen Beratung holen sie sich lieber anonym Rat im Internet.
  • Im Schnitt meldeten sich letztes Jahr jeden Tag zwei Jugendliche mit suizidalen Absichten. Einmal pro Woche musste eine Krisenintervention ausgelöst werden, weil das Leben der Jugendlichen akut gefährdet war.

Ein Anruf in der Not, eine SMS, eine Chatnachricht oder ein Mail: Beim Beratungs- und Hilfsangebot der Pro Juventute verlagern sich die dringlichen Anfragen immer deutlicher. Schwere persönliche Probleme – etwa Stress oder Überforderung – stehen ganz oben, gefolgt von Ängsten oder Suizidgedanken.

Fragen, welche Teenager vor ein, zwei Jahrzehnten unter den Nägeln gebrannt haben, haben etwas abgenommen. Dazu gehören Fragen rund um Sexualität, das erste Mal oder Verhütung. Bernhard Bürki, Mediensprecher bei Pro Juventute, erklärt das so: «Wissensfragen kann man googeln und kommt so weiter. Wenn es aber schwere persönliche Probleme sind, findet man keine Antworten im Internet und braucht eine Person, mit der man reden kann.»

Eine akute Krise pro Woche

Entsprechend dauern die Gespräche mit den Betroffenen auch länger als früher. 70 Fachleute stehen den Hilfesuchenden rund um die Uhr zur Verfügung. Sie versuchen, mit ihnen Perspektiven und Antworten auf die Frage «wie weiter?» zu finden.

Zweimal am Tag melden sich auch Kinder und Jugendliche bei 147, die keinen Ausweg mehr sehen und Selbstmordgedanken hegen. Das kann eine Krisenintervention auslösen, sagt Bürki: «Diese lösen wir im Schnitt einmal pro Woche aus. Das sind akute Fälle, bei denen es um Leib und Leben geht.»

Pro Juventute schlüsselt ihre eigenen Zahlen auf, kann aber daraus nicht auf den allgemeinen psychischen Zustand von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz schliessen. Eine Erklärung aber für mehr Druck, der auf Kindern und Jugendlichen lastet, hat Bürki: «Heutige Kinder haben weniger freie Zeit zur Verfügung und auch weniger Freiraum – räumlich gesprochen.» Somit hätten sie auch weniger Platz, um sich zu entfalten.

Sorgengeplagte Kinder

Ein Blick in die Statistik der Kinder- und Jugendpsychiatrie (Obsan, Psychische Gesundheit in der Schweiz, 2016) zeigt, dass die Anzahl der kleinen Patientinnen und Patienten mit grossen Sorgen im letzten Jahrzehnt zugenommen hat – bei ambulanter Beratung um fast 6 Prozent. Eine Entwicklung, die auch Erwachsenen zu denken geben müsste.