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Harmos mit Nebenwirkungen Windeln wechseln – nein Danke

Das stinkt den Zürcher Kindergärtnerinnen. Die Einschulung Vierjähriger bringt neue Herausforderungen – und Forderungen.

Legende: Audio «Kindergärtnerinnen wickeln nicht» abspielen.
2:36 min, aus HeuteMorgen vom 18.08.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • In diesen Wochen erleben Tausende von Kindern in der Schweiz ihren allerersten Tag im Kindergarten, tendenziell früher als noch vor ein paar Jahren.
  • Denn mit dem Projekt HARMOS wird der Zeitpunkt der Einschulung in 16 Kantonen vereinheitlicht, womit die Kinder früher schulpflichtig werden.
  • Die Kindergartenlehrpersonen stellt dies vor grosse Herausforderungen, beispielsweise wenn die Kinder noch Windeln tragen.

Der Kindergarten-Stichtag im Kanton Zürich war dieses Jahr schon der 30. Juni. Alle Kinder, die dann vier Jahre alt waren, müssen nun in den Kindergarten. In den nächsten zwei Jahren wird der Stichtag noch weiter zu den Sommerferien hin verschoben.

Wir werden vom Wickelkind bis zum kleinen «Einstein» alle Kinder hier haben.
Autor: Beatrice SchwarzKindergartenlehrperson, Geschäftsleitungsmitglied des Zürcher Lehrerinnen-Verbandes

Dies sorge für eine enorme Bandbreite beim Alter und der Reife der Kinder, sagt Beatrice Schwarz, langjährige Kindergärtnerin und Geschäftsleitungsmitglied des Zürcher Lehrerinnen-Verbandes: «Die jüngsten Kinder sind dann vier Jahre und zwei Wochen alt. Wir werden also vom Wickelkind bis zum kleinen «Einstein» alle Kinder hier haben.»

Klasse alleine lassen – das geht nicht

Vor allem die Wickelkinder machen den Lehrerinnen und Lehrern Sorgen. Sie sei alleine für 20 Kinder verantwortlich und könne sich deshalb nicht um jede volle Windel kümmern. Es sei unmöglich, die Klasse zu verlassen, um ein einzelnes Kind betreuen zu können. Sie betont: «Kindergartenlehrpersonen wickeln keine Kinder, sondern sie unterrichten.»

Kindergartenlehrpersonen wickeln keine Kinder, sondern sie unterrichten.
Autor: Beatrice SchwarzKindergartenlehrperson, Geschäftsleitungsmitglied des Zürcher Lehrerinnen-Verbandes

Der Leiterin des Zürcher Volksschulamts, Marion Voelger, ist das Problem bekannt. Ohnehin seien die ersten paar Monate im Kindergarten für die Lehrpersonen eine grosse Herausforderung. «Das ist eine Beobachtungsphase, wo man wirklich schauen muss, ob der Entwicklungsstand auf dem gewünschten Niveau ist. Viele Gemeinden setzen hier auch Klassenassistenzen zur Unterstützung ein, was natürlich sehr hilfreich ist.»

Klassenassistenzen – das kostet

Klassenassistenzen sind beispielsweise Senioren, die die Lehrpersonen im Kindergartenalltag entlasten. Das wäre gemäss Kindergärtnerin Schwarz die richtige Massnahme – nicht nur gegen das Windelproblem. Gerade ein Kind, das noch kein Deutsch verstehe oder noch nicht ganz so selbständig ist, könne so unterstützt werden: «Ich denke, das wäre eine Riesenhilfe und die beste Lösung für ein solches Kind.»

Allerdings verzichten viele Gemeinden aus Budgetgründen auf Klassenassistenzen. Deshalb lobbyiert der Zürcher Lehrerverband zurzeit bei Bildungspolitikerinnen und -politikern. Für flächendeckende Klassenassistenzen im ganzen Kanton – und für einen möglichst stressfreien Start in den Kindergarten.

74 Kommentare

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  • Kommentar von Arthur Pünter (puenti)
    Die Kinder bereits mit 4 Jahren im Kindergarten einzuschulen ist wieder eine Ausgeburt mehr dieser sogenannten Bildungstheoretiker/innen. Dabei wird ja nicht den Eltern der Entscheid überlassen, ob sie bezüglich des Entwicklungsstandes ihr Kind in den Kindergarten schicken wollen oder nicht. Dieser Staatsinterventionismus auf allen Ebenen, der in diesem Fall unter dem harmlosen Namen HARMOS daherkommt, erstickt zunehmend jegliche Eigenverantwortlichkeit der mündigen Bürgerinnen und Bürger.
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    1. Antwort von Lucas Kunz (L'art pour l'art)
      Sie benützen das richtige Wort "einschulen" - der Kindergarten ist, oder soll eigentlich keine Schule in dem Sinne sein, was man eben unter Schule versteht. Aber lesen Sie den Zürcher Bildungsplan, dann denkt man sich tatsächlich in eine typische Schule versetzt :( Geschuldet ist all dies dem Bestreben, die Anerkennung und Endlöhnung anzuheben - der Beruf der Kindergärtnerin steht trotz ihres anspruchsvollen Berufes massiv tief unten auf der Skala und man kann damit keine Familie ernähren!
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  • Kommentar von Luzia Marvulli (Luzia Marvulli)
    Es kann auch "stimmen" fürs Kind. Unsere Tochter, ein Einzelkind, wollte unbedingt schon mit 4 in den Kindergarten und dann mit 6 Jahren in die Schule. Für uns Eltern wäre es kein Problem gewesen, wenn sie drei Jahre im Kindergarten geblieben wäre. Das war und ist für die inzwischen Gymischülerin immer noch gut so. Und falls sie später möchte, darf sie gerne ein Zwischenjahr einschalten. Wo ist das Problem?
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  • Kommentar von Nicola Harrison (Nicola Harrison)
    „Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben“, André Stern. Kinder sind weder Gefässe, die es gilt zu füllen – noch sind sie Flammen, welche entzündet werden wollen! Kinder kommen als loderndes Feuer zur Welt. Unsere Aufgabe besteht darin, dieses Feuer der Begeisterung zu erhalten. Erfüllen wir die Urbedürfnisse nach Verbundenheit und Autonomie – nähren wir das Feuer – mehr braucht es nicht...Windelfrei!
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