«Wir gehen jetzt auf die Barrikaden»

Sechzig Mieter einer Siedlung im bernischen Kehrsatz haben genug: Sie wehren sich gegen den schlechten Zustand ihrer Wohnungen. Schimmel, bröckelnder Putz und kaputte Elektrik sind in den drei Blöcken schon fast normal. Mietrechtsexperten sind entsetzt.

Verschimmelte Wände, bröckelnder Verputz an den Wänden, fehlende Badezimmerplättli, offene Steckdosen oder kaputte Geschirrspüler und Kochherde. In den drei Wohnblöcken aus den 70er-Jahren, welche die Firma Gerimax AG besitzt und die von der Immobilienfirma Axxina AG aus Grenchen verwaltet werden, ist Wohnen offenbar eine abenteuerliche Sache.

Die Wohnungen am Dorfrand von Kehrsatz sind zwar sehr preiswert – ihr Zustand entspricht aber ganz und gar nicht der Vereinbarung im Mietvertrag, lautet der Vorwurf der Mieterschaft.

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Mieterprotest in Kehrsatz

5:49 min, aus Schweiz aktuell vom 14.2.2013

Nun fordern sämtliche Mieter der Siedlung Tannacker von der Verwaltung, dass alle Mängel sofort behoben werden. «Wir gehen jetzt auf die Barrikaden», sagt Mieterin Marija Zeciroski. «Seit Jahren suchen wir Kontakt mit der Verwaltung, doch wir werden nicht gehört, die Mängel werden nicht behoben, wir können nichts tun. Wir fühlen uns übers Ohr gehauen und kämpfen nun gemeinsam gegen diese Missstände.»

Die betroffenen Mieter, vor allem betreute Flüchtlinge, Sozialhilfebezüger, Menschen mit kleinem Portemonnaie, haben nun ihre Februarmiete auf ein Sperrkonto einbezahlt – und wenn die Mängel nicht innert einem Monat behoben sind, wollen sie dies auch weiterhin tun.

Untragbare Zustände

«Schweiz aktuell» liess den Mietrechtsexperten Richard Püntener die Situation vor Ort abklären. Seine Beurteilung ist eindeutig: «Ich habe schon Hunderte von Mietwohnungen gesehen, aber was ich hier angetroffen habe, erreicht den absoluten Spitzenplatz in der Hitparade in Sachen vernachlässigtem Unterhalt. Das ist schlicht untragbar.» Es seien Mängel im Kernbereich des Wohnens: Schimmel und fehlende Plättli im Badezimmer und kaputte Kochherde. Wenn der Vermieter den Zins erhalte, sei er verpflichtet, einen Teil davon in den Gebäudeunterhalt zu investieren.

Die zuständige Verwaltung, die Axxina AG, nimmt gegenüber «Schweiz aktuell» schriftlich Stellung: «Die Ausführungen Ihres Experten sind für uns nicht nachvollziehbar, sollten jedoch Unterhaltsmängel bestehen, werden diese anstandslos behoben. Der Gebäudeunterhalt wird laufend nachgeführt und für alle Arbeiten bestehen Serviceabonnements.»

Ausserdem betont die Hausverwaltung: «Die Überbauung stellt sehr günstigen Wohnraum zur Verfügung. Eine 130 Quadratmeter grosse  5,5 Zimmerwohnung kostet 1‘290 Franken Monatsmiete. Es ist und war immer das Ziel der Vermieterschaft, günstigen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Allerdings versteht sich von selbst, dass zu diesem Preis keine Neubauwohnung angeboten werden kann, sondern eine dem Mietpreis und dem Alter der Liegenschaft entsprechende, korrekte Wohnung.»

Zu hohe Hauswartkosten

Die Mängel in den Wohnungen sind nicht der einzige Punkt, der die Mieter der Axxina vorwerfen. Auch die Hauswartkosten seien zu hoch. Mieterin Marija Zeciroski: «Wir bezahlen insgesamt 90‘000 Franken pro Jahr für den Hauswartdienst. Für dieses Geld kommt jemand einmal in der Woche für ein paar Stunden, räumt den Schnee weg und putzt das Treppenhaus – das ist alles.» Mietrechtsexperte Richard Püntener bestätigt: Diese Kosten seien bei der Grösse der Siedlung weitaus zu hoch.

Die Axxina AG schreibt «Schweiz aktuell» dazu: «Die gesamte Überbauung Tannacker ist sehr gross und arbeitsintensiv, verfügt über grosse Freiflächen, neun Treppenhäuser, Kinderspielplätze, Wege und Zufahrtsstrassen. Daher sind die Hauswartkosten auch entsprechend hoch.» Zu den verrechneten Leistungen gehöre auch der Unterhalt von Maschinen und Geräten, Verschleissteilen, Reinigungsmittel und zum Beispiel Salz gegen Eisglätte.

Die Mieterinnen und Mieter der drei Tannacker-Blöcke wollen sich damit aber nicht zufrieden geben. Mieterin Marija Zeciroski: «Wir haben nun alle Mängel jeder einzelnen Wohnung aufgelistet und diese Liste schicken wir nun eingeschrieben der Axxina AG und fordern: Wenn sie die Mängel innert 30 Tagen nicht beheben, dann gehen weitere Mietzinse auf das Sperrkonto der Mieterschlichtungsbehörde.» Die Mieter der Tannacker-Siedlung im bernischen Kehrsatz proben also weiter den Aufstand.