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Schweiz Wir schmieren uns Flüssig-Plastik auf die Haut

Kosmetik-Hersteller verzichten weitgehend auf Plastikpartikel in Peelings und Zahnpasta. «Kassensturz»-Recherchen zeigen: Dafür ist Flüssig-Plastik weit verbreitet und gelangt in Flüsse und Seen. Keine Gefahr, sagen Hersteller. Experten warnen: Was nicht abbaubar ist, gehört nicht ins Abwasser.

Legende: Video «Neuer Plastik in Kosmetika: Mehr als ein Schönheitsfehler» abspielen. Laufzeit 7:33 Minuten.
Aus Kassensturz vom 18.10.2016.

Bereits 2014 berichtete «Kassensturz» über das Thema Mikroplastik. Damals im Fokus: Kleine Mikrokügelchen aus Polyethylen, die gemäss Hersteller Zähne oder Haut «mechanisch reinigen». Doch die Kügelchen landen daraufhin im Abwasser und gelangen anschliessend in die Natur: In sämtlichen untersuchten Gewässern und sogar in Milch und Honig wurden solche Mikroplastik-Partikel gefunden.

Die gute Nachricht

Die Industrie reagierte und versprach, freiwillig auf solche Partikel zu verzichten. «Kassensturz» hat dies überprüft. Fazit der Stichprobe: Nur noch in wenigen Produkten befinden sich solche Polyethylen-Kügelchen. Und jene Hersteller, die diese noch verwenden, versprechen, es handle sich um «letzte Rezepturen», die demnächst ersetzt würden.

Die schlechte Nachricht

Doch Polyethylen-Kügelchen sind nicht das einzige Problem. Denn Plastik kennt viele Namen. So werden Plastikbestandteile in flüssiger Form für diverse Zwecke in Kosmetika verwendet: Als Verdicker, Filmbildner oder als Stoff, der Sonnencrèmes beim Baden auf der Haut behalten soll.

Die Hersteller greifen sehr gerne auf Plastik zurück: Er ist billig in der Herstellung, löst keine Allergien oder Irritationen aus und gelangt beim Auftragen nicht in den menschlichen Körper.

Aber für die Umwelt ist der Plastik ein Problem. Bernhard Wehrli vom Wasserforschungsinstitut Eawag warnt: «Das alles sind Stoffe aus der Welt des Plastik. Sie gelangen in die Umwelt und bauen sich nur sehr langsam ab. Das ist ein Problem.»

Folgen kaum erforscht

«Kassensturz» wollte von den Herstellern wissen, warum sie nicht auch auf die anderen Formen von Plastik verzichten. Die Antwort war überall dieselbe: Nach heutigem Wissenstand würden die flüssigen Plastikbestandteile keine Gefahr für die Umwelt darstellen. Ein Verzicht sei somit nicht nötig.

Bernhard Wehrli, Professor für Aquatische Chemie am Eawag sieht dies anders: «Es handelt sich hier um langkettige Moleküle, die so in der Natur nicht vorkommen und schlecht abbaubar sind.» Er vergleicht die Stoffe mit anderen Ölen, zum Beispiel von Autos. Da sei man es sich auch gewohnt, dass diese nicht ins Abwasser gehören. Es sei deshalb unsinnig, dass wir täglich unser Badewasser mit nicht abbaubaren Stoffen verschmutzen. «Diese flüssigen Polymere in der Natur zu messen, ist sehr aufwendig. Welche Auswirkungen diese Stoffe auf die Umwelt haben, ist noch wenig erforscht.»

Es geht auch ohne

Dass es auch ohne Plastik geht, beweisen die vielen Produkte, die bereits ganz ohne Plastik auskommen. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kauft sich Naturkosmetika. Dort ist jeglicher Plastik verboten. Es gibt aber auch unter den konventionellen Produkten viele ohne Plastikbestandteile. So haben alle Zahnpasten und die meisten Schampoos und Duschgele, die wir untersucht haben, keine solchen Stoffe darin.

Anders: Wer Sonnencrème, Wimperntusche oder Peeling benutzt, sucht etwas länger nach Produkten ohne Plastik. Wie man Produkte mit Mikroplastik erkennen kann, erfahren Sie in unserem Service-Artikel (siehe Link).

Mikroplastik auch in Textilien

Das Problem von Mikroplastik in Kosmetika ist also schon lange bekannt. Seit kurzem ist aber klar: Auch Textilien – vor allem Outdoorkleidung und Unterwäsche – geben Mikroplastik in die Umwelt ab. Eine aktuelle Untersuchung der Universität Plymouth lässt aufhorchen: Nach einem Sechskilo-Waschgang blieben bis zu 700‘000 synthetische Fasern im Wasser zurück. Diese werden nur sehr langsam abgebaut. ETH-Professor Bernhard Wehrli beschäftigt sich mit Schadstoffen im Wasser und erklärt: «Die Gefahr ist nicht dramatisch, aber man muss die Situation im Auge behalten.»

Das SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» hat mehrere Hersteller von Outdoor-Bekleidung angefragt, wie sie zu diesem Thema stehen. Nicht reagiert haben Jack Wolfskin, The North Face und Nike. Anders der Schweizer Hersteller Mammut. Peter Hollenstein, Nachhaltigkeits-Verantwortlicher
bei Mammut, erklärt: «Das Thema ist uns bekannt. Im Moment ist jedoch die Datengrundlage noch sehr schwach in diesem Bereich. Wir verfolgen daher den Forschungsprozess sehr aufmerksam, um uns weiter darüber zu informieren.» Weiter sagt er, die Lösung müsse auf Branchenebene stattfinden. Im Moment würden diesbezüglich auch schon erste Gespräche stattfinden

«Espresso» hat auch herkömmliche Kleiderketten angefragt. H&M schreibt: «Wir sind besorgt um die Auswirkungen der Mikrofasern auf die Umwelt.» Man werde die eigenen synthetischen Stoffe untersuchen. «So werden wir sehen, ob Anpassungen in der Herstellung möglich sind, damit die Textilien weniger Fasern verlieren.» Manor teilte mit, «das Thema ist uns nicht bekannt.»

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Immerhin, der schnellste Weg, diese Giftstoffe ins Wasser zu bringen.... die Welt dankts und die deformierten Fische etc ebenfalls. .... und die Wirtschaft wurstelt weiter und der Gestzgeber wartet weiter....
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    1. Antwort von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
      Weil in diesem Artikel unter dem neuen Kunstschlagwort 'Mikroplastik' komplett unterschiedliche Themen behandelt werden. Von PTFE Oligomeren (aus Imprägniermitteln) welche nichts mit PTFE Membranen zu tun hat. Über normale organische Öle organischen Ursprungs. Über Polyethylen Nano Partikel bis Nylonhaltige Bekleidung. Es ist ein extremer Rundumschlag... Das muss schon ein bisschen diversifiziert werden... Ein Verbot würde den Lebensstandard von 1800 bedeuten. ... (Tatsache...).
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  • Kommentar von Severin Heck (Selber denken und prüfen)
    Irgendwie schon tragisch, dass Sie die Debatte nicht korrekt darstellen: - Auf der einen Seite haben sie die Hautkrebs-Lobbies, sprich böses UV. Immer Sonnencreme. - Auf der anderen Seite, die Risikobeurteilung der Funktionsbausteine der Sonnencreme. Es ist eine Risiko-Abschätzung. Wann, was, wo. Keine Pauschal- Moralistische Beurteilung in Gut und böse. Arbeitet man an der Sonne (Bau) oder im Büro?! Australien oder Schweiz?! Es gibt da kein eindeutiges Optimum.
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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    Ansonsten gibt es doch für das kleinste Problemchen ein Verbot. Verbieten, und Hersteller die sich nicht daran halten wandern ins Gefängnis. Ganz einfach. (oder ist auch hier wieder Korruption im Spiel?)
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    1. Antwort von Bernhard Wehrli (Bernhard Wehrli)
      Wir können ja selber entscheiden, ob wir uns Plasik auf die Haut streichen wollen. Allerdings sollten die Produkte klarer gekennzeichnet sein. "Enthält Flüssigplastik" wäre einfacher zu verstehen als "enthält Acrylat-Copolymer".
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    2. Antwort von Peter Zurbuchen (drpesche)
      Natürlich können wir selber entscheiden, aber wissen wir den über alle Inhaltsstoffe Bescheid. Sollte man als Normal-Konsument nicht davon ausgehen können, dass gesundheitsschädigende oder umweltgefährdende Stoffe nicht verkauft oder wenigstens entsprechend gekennzeichnet sind? Hersteller und Vertreiber haben doch auch eine Verantwortung, oder nicht? Aber wenn man Geld damit machen kann, ist alles in Ordnung?
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