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Schweiz «Wir wollen unsere rote Linie aufzeigen»

Für die Schwulenorganisation Pink Cross hat der Churer Bischof mit seinen streitbaren Aussagen über Homosexuelle eine Grenze überschritten: Sie zeigt den Kirchenmann heute an. Denn die Art, wie Huonder alttestamentarische Bibelzitate in unsere Zeit übersetze, sei potentiell gefährlich.

Bischof Vitus Huonder in Chur, Aufnahme vom 9.3.2015
Legende: Die Kritik an Huonders Aussagen zur Homosexualität wird nicht kleiner. Im Gegenteil. Keystone

Der Streit um die Aussagen des Churer Bischofs Vitus Huonder über Homosexualität geht in die nächste Runde: Der Schwulenverband Pink Cross reicht heute bei der Staatsanwaltschaft Chur Strafanzeige gegen den Bischof ein. Damit, so schreibt Pink Cross auf seiner Website, Link öffnet in einem neuen Fenster, reagiere der Verband auf die homophoben Aussagen des Bischofs, die öffentlich zu Verbrechen aufforderten.

Bischof Huonder hatte vor rund einer Woche an einem Kongress im deutschen Fulda einen Vortrag über die biblischen Grundlagen von Ehe und Familie gehalten und dabei unter anderem diese Bibelstellen aus dem Levitikus, dem 3. Buch Mose, zitiert:

Was will Pink Cross mit der Anzeige gegen Bischof Huonder erreichen?

Bastian Baumann: Wir wollen unsere rote Linie aufzeigen. Wir erleben immer wieder Konflikte mit Kirchenvertretern – seit Jahrzehnten, ja sogar seit Jahrhunderten. Für uns hat sich Bischof Huonder mit seinen Aussagen zu stark positioniert.

Bischof Huonder ist ein Kirchenmann; er zitiert in seinem Vortrag lediglich einschlägige Stellen aus dem Alten Testament. Er ruft aber nicht zur Verfolgung Homosexueller auf. Was soll denn gesetzeswidrig an einem Bibelzitat sein?

Ein Kirchenvertreter darf aus der Bibel zitieren. Auch wir erachten die Meinungs- und Religionsfreiheit als sehr wichtig. Huonder zitiert aber nicht nur, er interpretiert. Er sagt etwa: «Das Wort Gottes muss uns prägen, wir müssen unser Leben danach gestalten.» Oder auch: «Mehr Kenntnis brauchen wir nicht, um den damit verbundenen Auftrag zu erkennen.» Das sind implizierte Aufforderungen, die Bibel wörtlich zu leben. Und das erscheint uns sehr gefährlich. Bischof Huonder ist eine Autorität für mehrere Hunderttausend Katholiken, die ihr Handeln dann möglicherweise danach auslegen.

Bischof Huonder hat im Nachhinein eine Klarstellung gemacht: Er wolle Homosexuelle nicht herabsetzen. Sie glauben ihm nicht?

Wie kann man von «nicht herabsetzen» sprechen, und gleichzeitig sagen, es sei ein Gräuel und Blut soll auf sie kommen? Das widerspricht sich sehr stark. Für uns ist Huonders Klarstellung eine Schutzbehauptung. Zudem ist eine Entschuldigung, die gleichzeitig sagt, die Kirche müsse Mitleid mit Homosexuellen haben, für mich keine Entschuldigung. Das ist eine weitere Diffamierung.

Bischof Huonder sagte in seinem Vortrag in Fulda auch, der Glaube könne Menschen mit homophiler Neigung eine Hilfe sein, auf den rechten Weg zurückzufinden:

Empfinden Sie diese Äusserung als Herabsetzung?

Ich bin ein bisschen irritiert davon. Die Kirche und Bischof Huonder sagen immer, man akzeptiere Homosexuelle, wenn sie ihre Neigung nicht ausleben. Man wird also nur akzeptiert, wenn man sich verändert und sich selber unterdrückt. Das ist ein Lebensmodell, das mir widerstrebt. Die Kirche vergisst dabei: Die Bibelstellen sind viele Jahre alt. Man hatte damals das Wissen nicht, dass Homosexualität nicht frei gewählt wird, sondern angeboren ist. Ich hoffe, dass sich die Kirche an die heutigen Gegebenheiten anpasst. Wie sie sich etwa auch beim Thema Frauen langsam bewegt.

Das Gespräch führte Erich Wyss.

Gleiche Rechte für alle?

Lesben und Schwule geniessen auch in der säkularen Schweiz nicht dieselben Rechte wie Heterosexuelle – zumindest wenn's ums Heiraten geht. Soll sich das ändern? Das machte #politbox zum Thema der jüngsten Sendung.

Zur Person

Zur Person

Bastian Baumann ist Geschäftsleiter von Pink Cross. Die Organisation wurde 1993 als neue umfassende Dachorganisation der Schweizer Schwulen gegründet.

Klage eingereicht

Bei der Bündner Staatsanwaltschaft ist eine Strafanzeige einer Privatperson gegen Bischof Vitus Huonder eingegangen. Diese wirft dem Kirchenmann eine öffentliche Aufforderung zu Verbrechen oder zur Gewalttätigkeit vor.

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148 Kommentare

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  • Kommentar von S.Sommer, Bern
    Wenn es nur homosexuelle geben würde, dann würde hier niemand diskutieren. Etwas gemerkt? Die Gesellschaft wird nicht von Homosexuellen getragen und damit sollten wir denen auch nicht gleich viel Rechte geben. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun sondern mit banalem gesunden Menschenverstand.
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    1. Antwort von G.Beretta, Bern
      Ne was hätte ich jetzt merken sollen? Die Gesellschaft wir nicht von Kindern, Frauen und Alte Leute getragen und damit sollten wir DENEN (Menschen) nach ihrer "Logik" her, auch nicht gleich viel Rechte geben. Wenn dass nicht Diskriminierung ist sagen Sie mir wie Sie S.Sommer es nennen möchten……seien Sie ein Vorbild und fangen Sie an mit banalem gesunden Menschenverstand Kommentare zu erfassen
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    2. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      S.Sommer, das Thema wird doch nur deshalb bewirtschaftet, weil Menschen eben gerade über Religionen eingeimpft wurde, etwas Höheres zu sein, die Krone der Schöpfung, Homo sapiens. Würden Menschen endlich einsehen, ein Teil der Natur zu sein, wäre eine solche Diskussion überflüssig, denn Homosexualität ist natürlich und von der Wildbiene bis zum Elefanten bei jeder Tierart inbegriffen. Schutz oder Haltung der Haus-, Nutz- und Wildtiere sieht eine solch differenzierte Haltung auch nicht vor.
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    3. Antwort von m.mitulla, wil
      Wenn ich S.Sommer richtig verstanden haben geht es um eine "Quasi-Erhöhung" einer Gruppe von Menschen, die durch Pink Cross vertreten werden. Die geforderte Rücksichtnahme auf besondere Gruppen geht in diesem Falle zu weit - sie würde Vorrechte schaffen. Grundsätzlich teile ich die Meinung, einzelne Gruppen wie versch. Glaubensgruppen, Atheisten, Behinderte, Kinder, Junge, Alte, Alleinerziehende, Arbeitslose u.v.a.m. seien nicht zu diskriminieren (betr.alle!) - aber auch nicht zu privilegieren.
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    4. Antwort von G.Beretta, Bern
      die Minderheiten werden IMMER NOCH diskriminiert und wir reden SCHON von Privilegien?
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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber, Neustadt
    Schade, dass Bischof Huonder weitere Lehren aus Leviticus unterschlägt. Eine Auswahl aus dem schwer erträglichen Original: Gläubige sollen zum Opfern einer Taube den Kopf abknicken und ihr Blut an der Wand des Altars ausdrücken (Kapitel 1), ferner nur bestimmte Heuschreckenarten essen (Kapitel 11), und keinesfalls ein Kleid aus zweierlei Fäden tragen (Kapitel 19). Wer mit der Sklavin eines anderen schläft, erfährt aber Gnade: Ihm droht zwar Strafe, aber nicht die Hinrichtung (Kapitel 19).
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    1. Antwort von Reto Munteler, Zürich
      @S. Demlgruber; Kennen Sie denn das Buch "Leviticus", seine Bedeutung und an welche "Gläubige" sein Inhalt vor über 3000 Jahren gerichtet wurde? - Oder denken Sie wirklich, das seien quasi Gebote, die von Christen eingehalten werden müssten?
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  • Kommentar von Alex Vorburger, Zürich
    So viel Worte zur Grenze zwischen Meinungsfreiheit und Diskriminierung und dem "rechten Glauben". Dabei ist die Frage doch ganz einfach: Was entspricht wohl eher der Botschaft Jesu? Gesetzestreues 'Christentum', das zu verantworten hat, dass entsprechendes Handeln andere ausgrenzt und unglücklich macht oder Menschen, die in eigenverantwortetem Handeln und Lieben Erfüllung finden, ohne das Leben anderer in verletzender Weise einzuschränken?
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    1. Antwort von m.mitulla, wil
      "Wer selber ohne Sünde sei, der werfe den ersten Stein",...A.Vorburger. Die Bibel eckt verschiedentlich an, sie ist keine Wellnessoase, sondern ein Leitfaden für das Leben. Vieles ist nicht buchstabengetreu zu verstehen, sondern in einem geschichtlichen Kontext zu interpretieren. Ich finde es ungeschickt von Bischof Huonder, genau eine solche Bibelstelle zu zitieren, die zu so viel Unverständnis stösst. Allerdings halte ich "Pink Cross" für eine besonders verständnislose, aggressive Gesellschaft
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    2. Antwort von Reto Munteler, Zürich
      @m. mitulla; Ich dachte bisher immer, diese Bibelstelle sei einigermassen bekannt, da sie in der Debatte Homosexualität/christlicher Glaube immer wieder mal zitiert wird. Wenn man nun bestimmte historische Quellen nicht mehr zitieren darf, weil die Gesellschaft mit Unverständnis darauf reagiert, finde ich das eine sehr ungute Entwicklung. So wird der Zugang zu Wissen versperrt und das Unwissen nimmt weiter zu.
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    3. Antwort von m.mitulla, wil
      Ja, da teile ich Ihre Meinung, R.Munteler. Zu "Meinungsfreiheit" gehört meines erachtens nicht, historische Texte zu verbieten - das ist tatsächlich eine fatale Entwicklung. Das würde dem Menschen verbieten aus der Geschichte zu lernen, würde weitere Regulierungen und Einschränkungen vorantreiben und letztendlich Freiheiten beschneiden.
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