Zoff unter Fahrenden

Schweizer Fahrende und ausländische Roma kommen sich immer häufiger in die Quere. Die Standplätze für ihre Wohnwagen sind knapp, die Kulturen sehr unterschiedlich. «Rundschau»-Recherchen zeigen: Der Bund könnte noch diesen Herbst eine Task-Force gründen, um die Situation zu entschärfen.

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Zoff unter Fahrenden

12 min, aus Rundschau vom 25.6.2014

«Wir haben ein Hauptproblem, das sind die Transitfahrenden», sagt Gérard Mühlhauser gegenüber der «Rundschau». Der 32-Jährige ist Jenischer, ein Schweizer Fahrender und Sprecher der Bewegung Schweizer Reisender (BSR).

Die ausländischen Roma seien in der ganzen Schweiz. «Sie gehen unbewilligt auf Plätze, auf jenische Plätze, sie hinterlassen meist Chaos, Dreck. Darum schliesst ein Platz nach dem anderen», sagt Mühlhauser.

Platz machen für Schweizer

Dem widersprechen die Roma vehement. Roma-Pfarrer Stefan sagt es so: «Es gibt gute und Schlechte. Aber das ist keine Frage, ob man Schweizer ist.» Unter den Schweizer Fahrenden gebe es Rassisten.

Nirgendwo sonst in Europa würde ausländischen Fahrenden der Zugang zu bestimmten Plätzen verwehrt. «Hier in der Schweiz steht ein Schild: Wenn ausländische Leute drauf sind, müssen sie weg und den Schweizern Platz machen. Das ist nicht richtig», sagt Stefan. Das mache ihn traurig.

Kommt Task-Force im Herbst?

Bereits im Mai hatten die Nationalrätinnen Silva Semadeni (SP/GR) und Aline Trede (Grüne/BE) in einer Motion gefordert, der Bundesrat müsse eine nationale Task-Force einsetzen, um die Verpflichtungen gegenüber der Jenischen, Sinti und Roma umzusetzen.

Eigentlich wäre der Bund bereits dazu verpflichtet, die drei Volksgruppen besser zu schützen. Denn: Sie sind bereits seit 1995, als der Bund ein europäisches Rahmenübereinkommen unterzeichnete, als nationale Minderheiten anerkannt. Doch laut den Parlamentarierinnen habe sich die Lage seither «nicht verbessert».

Campingwagen von Fahrenden.

Bildlegende: Rassismusvorwürfe auf der einen Seite; Vorwürfe, Chaos und Dreck zu hinterlassen auf der anderen. Keystone

Vor wenigen Tagen kam es in Bern zu einer wichtigen Gesprächsrunde. Koordiniert von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) trafen sich Vertreter verschiedener Vereinigungen von Jenischen, Sinti und Roma mit Isabelle Chassot, der Leiterin des Bundesamtes für Kultur (BAK).

«Rundschau»-Recherchen zeigen: Bereits diesen Herbst könnte die geforderte Task-Force gegründet werden. Susanne Goldschmid, stellvertretende Leiterin Kommunikation beim BAK, kann dies auf Anfrage zwar nicht bestätigen. Sie verweist auf die Beantwortung der Motion von Nationalrätin Silva Semadeni (SP/GR) – der Bundesrat werde diese «in den nächsten Wochen» behandeln.

Doch laut Angela Mattli, Kampagnenleiterin bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, stehen die Vorzeichen «grundsätzlich positiv». Der Dialog sei erfolgversprechend verlaufen. «Wir haben das Gefühl, dass unsere Anliegen verwaltungsintern ernster genommen werden», sagt sie.

Es gebe politischen Druck von verschiedenen Seiten. Bereits im März hatte Nationalrätin Yvette Estermann (SVP/LU) gefordert, das jenische Volk besser zu schützen. Zudem solle die Armee den Fahrenden ungenutzte Flächen zur Verfügung stellen.

Plätze besetzt oder geschlossen

Mitglieder der Bewegung Schweizer Reisender betonen, sie wollten künftig keine Plätze mehr mit ausländischen Roma teilen. Die Bewegung versteht sich seit der spektakulären Berner Platzbesetzung diesen Frühling als neues Sprachrohr der Schweizer Fahrenden.

Die «Rundschau» hat den BSR-Sprecher Gérard Mühlhauser mehrere Tage lang begleitet. Die Reportage zeigt, wie der Mangel an Durchgangsplätzen das Leben von Schweizer Fahrenden bestimmt.

Einen neuen Platz für die nächsten vier Wochen zu suchen, ist für Gérard Mühlhauser ein schwieriges Unterfangen. Im appenzellischen Teufen, in Schlieren und in Küssnacht am Rigi brennt er an.

Alle Plätze sind entweder anderweitig genutzt, bereits voll oder geschlossen. Schliesslich landet er mangels Alternative dort, wo er nicht hin wollte: auf dem Transitplatz in Kaiseraugst, wo er seinen Wohnwagen neben ausländische Roma stellt.