Reform des Euro-Systems Diese Idee könnte Schule machen

Statt der Herausgabe von Eurobonds sollten die Schulden der einzelnen Länder gebündelt und an Anleger verkauft werden. Hinter der Idee steht der Markus Brunnermeier, Ökonom an der Universität Princeton.

SRF News: Frankreich will unter Präsident Emmanuel Macron Geld in die Wirtschaft pumpen, um sie voranzubringen, während Deutschland eher sparen möchte. Wie sind die beiden Ansätze vereinbar?

Markus Brunnermeier: Das ist generell schwierig. Beide Länder haben sehr unterschiedliche Wirtschaftsphilosophien, die sich stark unterscheiden. So hält sich etwa Deutschland ans Haftungsprinzip: Wer eine Entscheidung trifft, solle auch dafür haften.

Dagegen steht in Frankreich das Solidaritätsprinzip – das Risiko sei zu teilen – im Vordergrund. Das sieht man etwa bei der Diskussion um die Eurobonds. Auch ich halte diese Idee für problematisch, vor allem wegen der Gesamthaftung: Wenn ein Land zu grosse Schulden eingeht und diese nicht mehr zurückzahlen kann, muss ein anderes Land einspringen. Ein solches System setzt Fehlanreize.

«  Unser System wäre langfristig angelegt, um zukünftige Euro-Krisen zu vermeiden. »

Wie könnte eine andere Lösung aussehen?

Unsere Forschungsgruppe «Euro-Nomics» an der Universität Princeton hat ein Modell entwickelt, das mit dem Solidaritätsgedanken Frankreichs und zugleich mit dem Haftungsgedanken Deutschlands vereinbar ist. Die Idee ist, dass eine europäische Institution – oder auch private Banken – die Schulden der einzelnen Länder aufkauft, diese bündelt und vorrangige sowie nachrangige Anleihen herausgibt. Das Risiko ist so in der nachrangigen Anleihe konzentriert. Sollte es zu einzelnen Ausfällen kommen, wird das von der nachrangigen Anleihe aufgefangen. So schützt die nachrangige Anleihe die vorrangige Anleihe.

Warum sollten Banken ein solches Produkt aus gebündelten Anleihen kaufen?

Derzeit ist das Problem der Teufelskreis um Bankenrisiken und Staatsrisiken. Die Banken halten viele Papiere ihres Landes. Damit tendieren beide immer in die gleiche Richtung. Durch unsere Idee könnte der Teufelskreis durchbrochen werden: Banken dürften nur noch die sicheren, vorrangigen Anleihen kaufen. Die risikoreicheren, nachrangigen Anleihen würden für Spekulanten, Privatanleger oder Versicherungen übrigbleiben – mit langem Anlagehorizont.

«  Deutschland ist vom Euro-Raum stark abhängig, weshalb es auch im eigenen Interesse europäisch denken sollte. »

Wieso sollten die sich auf solch hochspekulative Anlagen einlassen?

Sie sind an sich nicht so hochspekulativ. Ausserdem werfen sie eine höhere Rendite ab. Man geht also ein höheres Risiko ein, erhält aber auch mehr Zins für sein Geld. Ein solches System wäre langfristig angelegt, um zukünftige Krisen zu vermeiden. Zur Lösung des Griechenland-Problems würde es allerdings nicht taugen.

Ihr Konzept tönt nach einer Win-Win-Situation. Doch erst jetzt, nach vier Jahren, zeigt die Europäische Kommission Interesse an der Idee.

Tatsächlich hat die EU-Kommission unseren Vorschlag aufgegriffen und es scheint, dass etwas in dieser Richtung geschehen könnte. Der Vorteil an dem Konzept ist, dass dafür keine internationalen Verträge geändert werden müssen. Nachdem sich Deutschland nun sehr lange gegen die von Frankreich und den südeuropäischen Ländern bevorzugten Eurobonds gewehrt hat, sieht man unsere Idee jetzt wohl als einen realistischen Ausweg an.

Trotzdem gibt es noch immer Widerstand in den Euro-Ländern: Einige halten an den Eurobonds fest, andere – etwa Stimmen in Deutschland – befürchten, man könnte durch diese neuen Anleihen später in die Eurobonds hineinschlittern. Diese Gefahr könnte man allerdings einschränken. Gerade die Deutschen sollten erkennen, dass es auch für ihr Land sehr gefährlich ist, nichts zu tun. Das Land ist vom Euro-Raum stark abhängig, weshalb es auch im eigenen Interesse europäisch denken sollte.

Das Gespräch führte Maren Peters im Rahmen des Swiss International Finance Forum 2017.

«Senior Bonds» und «Junior Bonds»

Die vorrangigen Anleihen oder «Senior bonds» wären sehr sichere Staatsanleihen, die ein ideales Anlageinstrument für Banken sein könnten. Die nachrangigen Anleihen oder «Junior Bonds» wären eher etwas für Anleger mit Risikoappetit. Der Vorteil dieses Modells wäre, dass es zwar gemeinsame Staatsanleihen, aber keine gemeinsame Haftung gäbe. Der Steuerzahler des einen Landes müsste also nicht mehr für die Anleihen des anderen bürgen. Jedes Land wäre nach wie vor für seine Schulden selbst verantwortlich. Den Risikoausgleich würde der Markt übernehmen. (petm)

Markus Brunnermeier

Markus Brunnermeier

Der gebürtige Deutsche lehrt sei 15 Jahren an der Universität Princeton in New Jersey. Brunnermeier forscht über die Entstehung und Bewältigung grosser Finanzkrisen.