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Wirtschaft SNB-Entscheid für Wirtschaft «mittelfristig existenzbedrohend»

Der Euro-Mindestkurs der Nationalbank hat vor allem der hiesigen Exportwirtschaft geholfen. Dank ihm waren die Produkte aus der Schweiz für europäische Käufer billiger. Was bedeutet der heutige Entscheid für den Werkplatz Schweiz?

Legende: Video «Befürchtungen in der Exportwirtschaft» abspielen. Laufzeit 2:07 Minuten.
Aus Tagesschau vom 15.01.2015.

Eines dominiert bei allen Wirtschaftsverbänden: Die Überraschung. Zwar wurde da und dort damit gerechnet, dass die Nationalbank irgendwann die Untergrenze zum Euro anpassen könnte. Aber dass der Mindestkurs heute fallen würde, dachte niemand.

Legende: Video «SRF-Wirtschaftsredaktor Christian Kolbe zum SNB-Entscheid» abspielen. Laufzeit 1:30 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 15.01.2015.

Auch nicht Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse: «Überraschend ist vor allem der Zeitpunkt. Insbesondere, weil es in der Eurozone gärt. Wir haben verschiedene Unsicherheiten. Und vor diesem Hintergrund besteht die Gefahr, dass der Wechselkurs überschiesst.»

Auch die Binnenwirtschaft betroffen

Klar ist: Die Freigabe der Untergrenze von 1.20 Franken zum Euro bringt die Realwirtschaft in Probleme. Der Eurokurs ist kurz nach Bekanntwerden deutlich gefallen.

Das stelle die gesamte Schweizer Wirtschaft vor grosse Probleme, sagt Minsch: «Es ist nicht nur die Exportindustrie, die natürlich direkt unter einer massiven Aufwertung des Frankens zu leiden haben wird. Auch Zulieferer für die Exportbetriebe und die Binnenwirtschaft, die durch stärkere Konkurrenz aus dem Ausland gefordert sein wird, haben schwierige Zeiten vor sich.»

Die Sorgen der Exportwirtschaft

Vor allem aber bangt die Exportwirtschaft. Schweizer Produkte werden teurer. Das betreffe auch die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, sagt Verbandssprecher Ivo Zimmermann: «Unsere Branche exportiert rund 60 Prozent ihrer Güter nach Europa. Mit der zunehmenden Überbewertung werden die Margen, die eh schon vergleichsweise tief sind, vollkommen wegschmelzen. Mittelfristig wird das existenzbedrohend sein.»

Besorgt sind auch Vertreter der Uhrenindustrie, die laut Angaben des Schweizerischen Uhrenverbandes 95 Prozent ihrer Produkte exportiert. Der SNB-Entscheid treffe die Branche in einer schwierigen Phase, sagt Verbandspräsident Daniel Pasche.

Die Absätze in den Hauptmärkten Deutschland und Frankreich seien bereits stark rückläufig. Darüber hinaus hapere es auch in Asien. Was nun geschehe, drehe die Uhr drei Jahre zurück.

Auch die nach eigenen Angaben grösste Exportindustrie der Schweiz, die Chemie-, Pharma- und Biotechindustrie, rechnet mit einer Trübung der Wachstumsaussichten. Fraglos werde sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exporte verschlechtern, schreibt der Verband Sciencenindustries in einer Mitteilung.

Angst vor Einbruch der Touristenzahlen

Gross sind auch die Sorgen der Tourismusbranche. «15 Prozent Verteuerung des Frankens, wie wir sie jetzt sehen, heisst eine massive Verteuerung des Ferienlandes Schweiz», sagt Hotelleriesuisse-Chef Christoph Juen.

Sollte das jetzt erreichte Kursniveau andauern, erwartet er, dass die Nationalbank weitere flankierende Massnahmen trifft. «Denn wir müssen unbedingt darauf achten, dass der Kurs sich irgendwann unwesentlich unter 1.20 einpendeln wird.»

Alarmiert ist auch der Detailhandel. Laut einer Migros-Sprecherin ist es durchaus möglich, dass nun noch mehr Schweizer ihre Einkäufe im Ausland machen werden.

Auch die Gewerkschaften äussern schlimme Befürchtungen. Unia sieht tausende Arbeitsplätze in Gefahr. Sie sei über den SNB-Entscheid «konsterniert», schreibt sie. Nun sei der Frankenspektulation Tür und Tor geöffnet. Auch Travail Suisse fürchtet einen «Kahlschlag bei den Stellen».

Legende: Video «Hans-Ulrich Bigler zu den Auswirkungen» abspielen. Laufzeit 3:55 Minuten.
Aus 10vor10 vom 15.01.2015.

Hausaufgaben gemacht

Unabhängig von den aktuellen Befürchtungen haben sich die Schweizer Firmen seit der Einführung der Untergrenze vor gut drei Jahren langsam aber sicher auf den Euro-Kurs von 1.20 eingestellt.

Trotz der überraschenden Ankündigung der SNB sei das Gewerbe insgesamt bereit für die neue wirtschaftliche Situation, sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizer Gewerbeverbands. Schwierig sei es aber für die Exportbranche. «Wir haben jetzt wieder flexible Wechselkurse und damit das unternehmerische Risiko, wie wir das vor der Einführung des Mindeskurses auch schon hatten.»

Schweizer Firmen stehen aber immer noch gut im Rennen, und die Wirtschaft steht solide da. Doch jetzt muss sie sich auf die neue Situation einstellen.

SNB-Entscheid zum Mindestkurs

Der SNB-Entscheid hat die Märkte ins Trudeln gebracht. Präsident Thomas Jordan hat vor den Medien Stellung genommen. Die Ereignisse des Tages finden Sie im Protokoll des Livetickers.

24 Kommentare

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  • Kommentar von Heiri Hofer, Zürichberg
    Als Büezer ohne HSG-Ausbildung steht es mir nicht zu, was zu sagen. In keiner Art und Weise kritisiere ich die SNB. Aber: Ähnlichkeiten mit finanzpolitischen Bananenrepupliken? Kolonnen an den Grenzen, leere Bankomaten, Einkaufszentren leer, Anbieter sitzen auf Produkten, Ferienbuchungen werden abgesagt, Ausländer meiden die CH. Leider glauben viele, eine Käseglocke über die Schweiz stülpen zu können. Diese Probleme hätten wir nicht, wäre bei uns ebenfalls der EURO das Zahlungsmittel
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  • Kommentar von Bruno Hochuli, Reinach BL
    Leider wird schon wieder auf Panik gemacht, warten wir doch einmal ab wie sich das Ganze entwickelt. Die SNB wird schon wissen was sie tut. Es wird keine Suppe zu heiß gegessen. Es wird in diesem Spiel immer Gewinner und Verlierer geben.
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  • Kommentar von Wolfgang Blum, Basel
    Und wieder wirft sich einem die Frage auf wem die SNB gehört und wer sie lenkt. Offensichtlich hat weder das Schweizer Volk noch seine Vertreter auch nur den geringsten Einfluss darauf was diese Bank tut, ist aber voll und ganz in deren Abhängigkeit. Nach all den politischen und wirtschaftlichen Kommentaren kommt man zu dem Schluss, dass die SNB genau das tut was die EZB will. Und was macht die EZB? Die macht was die Fed will! RIP Schweiz!
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