Stress-Transparenz brauchen die Schweizer Banken nicht

Anders als die Europäische Zentralbank legt die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht die Stresstests der Banken nicht der Öffentlichkeit vor. Warum?

Transparenz bringt Vertrauen, das glaubt Vítor Constãncio, der portugiesische Vize-Präsident der Europäischen Zentralbank EZB. Der jüngste Stresstest aller grossen europäischen Banken sei diesbezüglich einmalig, betonte er am Sonntag vor den Medien.

Das Vertrauen, das diese Transparenz schaffe, führe dazu, dass die europäischen Banken besser wüssten, wie ihre Gegenüber da stehen. Und sich deshalb gegenseitig, aber auch Unternehmen, bereitwilliger Geld ausleihen. Kurz gesagt: Mit der Transparenz will die EZB die Wirtschaft ankurbeln.

Transparenz in einem gewissen Mass

Tatsächlich sei die Veröffentlichung der Resultate der Stresstests der EZB ein Schritt in die richtige Richtung findet Harald Hau, Professor für Finanzwissenschaften an der Universität Genf: «Für das Vertrauen in die Banken ist es sicherlich ein Fortschritt. Allerdings muss man sagen, dass mit diesem Stresstest nur in einem gewissen Ausmass Transparenz hergestellt wird.»

Wenn die EZB langfristig Vertrauen schaffen wolle, müsse sie diese Daten regelmässig erheben und sie umfassend veröffentlichen, meint Hau. Er hat deshalb kein Verständnis für die Schweizerische Finanzmarktaufsicht Finma, die die Resultate ihrer Stresstests unter dem Deckel hält.

Man habe vor allem einen Grund für die Geheimhaltung, sagt Vinzenz Mathis, Mediensprecher der Finma: «Es geht darum, dass man hypothetische Szenarien durchrechnet. Man kann sich vorstellen, dass das auch zu Reaktionen auf dem Markt führen würde.» Aus diesem Grund verzichte die Finma auf die Veröffentlichung. So müsse sie keine kurzfristige Reaktion des Marktes befürchten.

Andere Hauptfunktion des Tests

Manuel Ammann, Professor für empirische Finanzmarktforschung an der Universität St. Gallen, hat für beide Haltungen Verständnis. Es komme auf den Zweck an, den man mit den Stresstests verfolge. Die EZB wolle in erster Linie Vertrauen schaffen – da sei eine Veröffentlichung der Resultate sicher richtig. Bei der Finma hätten die Stresstests eine andere Hauptfunktion:

«Das Schweizer Bankensystem ist nicht so sehr in der Krise, wie das beim europäischen der Fall ist. Insofern gibt es keinen Anlass, durch eine bestimmte Aktion Vertrauen zu schaffen.» Die Stresstests der Finma dienten dazu, im Rahmen der aufsichtsrechtlichen Tätigkeit die Banken zu überprüfen, aber nicht dazu, eine Aussenwirkung zu erzielen.

Ammann ist im Übrigen überzeugt, dass die EZB die Resultate ihrer Stresstests in Zukunft auch nicht mehr in jedem Fall kommuniziert – je nach dem, wie gross das Vertrauen in die Bankenwelt gerade ist.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Lücken im Banken-Stresstest

    Aus Tagesschau vom 27.10.2014

    Der Banken-Stresstest der Europäischen Zentralbank hat einige Lücken an den Tag gebracht: 13 von 130 Banken müssen in Sachen Eigenkapital massiv nachbessern, 12 weitere haben dies bereits getan. Unter den Übeltätern befinden sich viele italienische Finanzinstitute.