Wie man weniger als 1 Prozent Steuern zahlt

Ein Journalisten-Konsortium hat Daten zu 343 Steuerarrangements in Luxemburg analysiert. Darunter sind auch knapp 50 Unternehmen mit Verbindungen zur Schweiz. Die vertraulichen Dokumente zeigen: Mit sogenannten «Rulings» sparen Grosskonzerne Milliarden an Steuern.

Eine Brücke vor Bäumen, im Hintergrund Hochhäuser des Finanzzentrums

Bildlegende: Luxemburg ist nach den USA zum zweitgrössten Investment-Zentrum der Welt aufgestiegen. Keystone


Die EU untersucht nun die Steuerpraktiken von Amazon

3:46 min, aus SRF 4 News aktuell vom 06.11.2014

Dutzende Medien aus aller Welt haben am Donnerstag mit Hilfe tausender interner Dokumente des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers aufgezeigt, wie Grosskonzerne über luxemburgische Steuerdeals ihre Steuern optimieren. Diese Praktiken haben sich auch Schweizer Firmen zu Nutze gemacht. In der Schweiz veröffentlichten «Der Bund», «Tages-Anzeiger» und «Le Matin» die Ergebnisse der Recherche.

Untersucht wurden mehrere hundert Steuerrulings aus den Jahren 2002 bis 2010. Dabei handelt es sich um Vereinbarungen, in denen Unternehmen mit den Steuerbehörden des Kleinstaats ihre steuerliche Behandlung vorgängig abgestimmt haben. Solche Vereinbarungen sind legal. Es kamen auch keine illegale Praktiken zum Vorschein.

An konkreten Fällen wird jedoch sichtbar, wie Grosskonzerne mit Milliardenumsätzen wie Amazon, Coca Cola, FedEx, Ikea, Procter & Gamble oder Vodafone es schaffen, auf gewissen Gewinnen weniger als ein Prozent Steuern zu bezahlen. Bis vor kurzem sollen Steuerrulings in Luxemburg teilweise im Dutzend pro Tag genehmigt worden sein.

Auch Schweizer Firmen profitieren

In den Dokumenten wird auch ein Dutzend Schweizer Firmen erwähnt, wie die Zeitungen schreiben. Dazu zählen der Luxuskonzern Richemont, die Manor-Mutter Maus Frères, die früheren Swissair-Töchter SR Technics und Gate Gourmet sowie die Grossbanken UBS und Credit Suisse. Die angefragten Firmen und auch PricewaterhouseCoopers betonen, sich stets an die Gesetze gehalten zu haben.

Die Schweiz spielt auch als Firmenstandort in den komplizierten Firmengeflechten der Konzerne eine gewichtige Rolle. Mit Hilfe von Gesellschaften nach Schweizer Recht lässt sich die Steuerrechnung – teilweise in Kombination mit luxemburgischen Strukturen – legal um Millionen reduzieren.

Juncker in heikler Lage

Dass Luxemburg bei der Steueroptimierung multinationaler Konzerne eine wichtige Rolle spielt, ist hinlänglich bekannt. In eine pikante Rolle bringt dies aber den ehemaligen Luxemburger Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, der neu die EU-Kommission führt. Diese untersucht seit kurzem Steuerdeals zwischen dem Land und dem Online-Händler Amazon. Juncker sagte dem deutschen Sender NDR: «Ich werde in den Fällen keinen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen. Ich werde mein Amt nicht missbrauchen.»

Mit der Praxis von Unternehmen, ihre Gewinne in steuergünstige Länder zu transferieren, beschäftigen sich seit Monaten auch die OECD und die G20. Angestrebt werden Massnahmen, dank denen Geschäfte vermehrt dort besteuert werden, wo sie auch gemacht werden. Unter den Ländern herrscht jedoch noch nicht bei allen Fragen Einigkeit. Umstritten sind unter anderem die sogenannten Patentboxen oder Lizenzboxen, mit denen Erträge aus geistigem Eigentum tiefer besteuert werden. Luxemburg bietet diese an; die Schweiz prüft eine Einführung.

Luxemburg Leaks

Das International Consortium of Investigative Journalists ICIJ hat 343 Steuerarrangements untersucht, die insgesamt rund 28'000 Seiten umfassen. Die Daten, die unter der Bezeichnung «Luxemburg Leaks» öffentlich zugänglich sind, wurden dem französischen Journalisten Edouard Perrin zugespielt.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Der Hauptsitz von Price Waterhouse Coopers PWC in Luxemburg. PWC hat einem Journalisten-Netzwerk fast 30‘000 Dokumente über Steuerdeals zugespielt.

    Luxemburgs Steuerpraktiken: legal, aber nicht legitim

    Aus Echo der Zeit vom 6.11.2014

    Dank geheimer Steuerdeals mit Luxemburg haben über 300 internationale Konzerne Milliarden an Steuern gespart. Zu diesem Schluss kommt ein Journalisten-Netzwerk, das rund 28'000 Dokumente ausgewertet hat. Auch Schweizer Firmen sollen solche Tricks angewendet haben; die meisten waren wohl legal.

    Klaus Ammann

  • EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker  war mindestens Pate der Steueroase und hat jetzt in Brüssel ein Problem.

    «Causa Steueroase Luxemburg« wird zur «Causa Junker»

    Aus Echo der Zeit vom 6.11.2014

    Luxemburg bietet Grosskonzernen Hand zum Steuersparen im grossen Stil. Die Methoden sind angeblich legal, aber fragwürdig. Luxemburg als Steueroase - und das ausgerechnet unter dem damaligen Premierminister Jean Claude Juncker, der jetzt in Brüssel gegen solche Praktiken kämpft.

    Oliver Washington