Zentralbanken: Die Weltretter haben neue Risiken geschaffen

Mit beispiellosen Rettungsmassnahmen haben Notenbanken die Welt vor dem Absturz bewahrt. Nur haben sie damit auch den Boden bereitet für eine Inflation. Sie haben aber auch Regierungen Zeit geschenkt, um ihre wirtschaftlichen Probleme anzugehen. Zeit, die jene ungenutzt haben verstreichen lassen.

Eutro-Scheine durch Wasser hindurchschimmernd.

Bildlegende: Notenbanken greifen in die Wirtschaft ein. Haben sie die Folgen im Griff? Colourbox

Diese Lektion haben die Notenbanker gelernt. Die Lektion, die ihnen vor 85 Jahren gehalten wurde und so traumatisch war: jene der Grossen Depression. Damals hatte die US-Notenbank viel zu zögerlich auf rekordhohe Arbeitslosenzahlen und taumelnde Banken reagiert. Sie hatte zwar die Zinsen gesenkt, die Märkte aber nur tropfenweise mit Geld versorgt. Dann war die Krise da.

In der jüngsten Finanzkrise hat das Fed alles getan, damit sich die Grosse Depression nicht wiederholt. Schon 2007 hat es zusammen mit den Notenbanken der Schweiz, Japans, Englands, Kanadas sowie mit der Europäischen Zentralbank Banken weltweit mit Dollar versorgt, als der Interbankenmarkt zusammenbrach. Hat die Zinsen Richtung Null gesenkt und ab 2009 Staatsanleihen und Wertpapiere in nie da gewesenem Umfang gekauft. Die Devise des Fed, ja aller Notenbanken: Alles tun, damit Geld im Wirtschaftskreislauf fliesst. Eine Politik mit Folgen.

«Notenbanken könnten an Aufgabe scheitern»

«Die Notenbanken mussten diese Finanz- und Währungskrise fast im Alleingang lösen», sagt Tobias Straumann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich. Mit der Folge, dass sie heute eine absolut überragende Bedeutung hätten. «Die Gefahr besteht, dass sie sich so viel aufgebürdet haben, dass sie an dieser Aufgabe scheitern», sagt Straumann, der den Notenbanken indes zutraut, diese Herausforderung zu bewältigen.

Video «Tobias Straumann zur Bedeutung der Notenbanken» abspielen

Tobias Straumann zur Bedeutung der Notenbanken

2:09 min, vom 29.8.2014

In der Schweiz zeigt sich die Wucht der beispiellos aufgeblähten Notenbanken-Bilanzen bislang am Aktien- und am Häusermarkt. Dorthin fliesst ein Teil des billigen Geldes und sorgt für enorme Preissteigerungen in kurzer Zeit. Die übergeordnete, grössere Angst: Inflation - auch wenn derzeit noch alle vom Gegenteil, der Deflation, sprechen. Bislang bleibt die Inflation aus, weil das billige Geld nicht im Markt ankommt, weil es Banken lieber bei der Nationalbank deponieren, statt Kredite an die Wirtschaft zu vergeben.

Video «Thomas Jordan über Inflation und Exit-Strategien» abspielen

Thomas Jordan über Inflation und Exit-Strategien

1:51 min, vom 29.8.2014

Konfrontiert mit dem Inflations-Risiko, spricht Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank, gegenüber «ECO» von einer ungewohnten Situation, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfe. Aber: «Die SNB hat alle Instrumente, um die Liquidität wieder herauszunehmen, sodass wir mittel- und längerfristig Preisstabilität haben». Ein Ausstieg aus der aktuellen, expansiven Geldpolitik, daran lässt Thomas Jordan keinen Zweifel, ist angesichts des hoch bewerteten Frankens derzeit keine Option.

Regierungen haben geschenkte Zeit nicht genutzt

Die Angst, dass die Inflation in einigen Volkswirtschaften nach etlichen Jahren tiefer Raten wieder zunehmen könnte, ist laut Tobias Straumann nicht unbegründet. «Es kann schon sein, dass etwa in den USA die Inflation dereinst auf fünf oder zehn Prozent steigt, weil man aus lauter Angst, den Aufschwung abzuklemmen, die Liquidität zu lange nicht abschöpft», sagt der Wirtschaftshistoriker. Straumann würde indes «eine Wette eingehen, dass wir nicht in Richtung Hyperinflation gehen – davor habe ich überhaupt keine Angst».

Mit ihren Rettungsmassnahmen haben die Notenbanken nicht nur eine schlimmere Wirtschaftskrise verhindert, sie haben überschuldeten und strukturschwachen Staaten wie Frankreich, Italien oder Portugal zudem Zeit geschenkt. Zeit, um ihre Schulden abzubauen und die Rahmenbedingungen für ihre Wirtschaft zu verbessern. Nur haben viele dieser Staaten wenig daraus gemacht, zumindest im Urteil von William White, einst Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) und heute im Dienst der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): «Ich bin nicht sicher, ob die Regierungen diese Zeit sinnvoll genutzt haben», sagt White. Es habe sich gar nicht so vieles geändert: die Eigenschaften der Krise – zu viel Kredit und zu viele Schulden – seien noch immer präsent.

Für die Notenbanker aber gilt: Sie haben eine wichtige Lektion gelernt. Und, um dies aller Welt zu beweisen, ein Inflationsrisiko in Kauf genommen. Zu Recht, sagt Tobias Straumann: «Hätten sie ihre Bilanzen nicht derart erhöht, hätten wir eine viel massivere Finanz- und Realwirtschaftskrise gehabt».

Sendung zu diesem Artikel